Yandex: Wenn auch die Reserve zur Mangelware wird

Yandex: Wenn auch die Reserve zur Mangelware wird

Nach den Angriffen auf drei Rechenzentren verlagert Yandex wichtige Systeme auf Ausweichstandorte. Doch die Rückkehr einzelner Dienste bedeutet noch keine Wiederherstellung der Infrastruktur. Die Herausforderung besteht darin, den Betrieb aufrechtzuerhalten, während beschädigte Anlagen ersetzt werden müssen – und weitere Angriffe möglich bleiben.

Das russische Digitalministerium stellt seine Unterstützung für Yandex heraus. Minister Maksut Schadajew erklärte gegenüber RBC, sein Haus habe zusätzliche Standorte für die Verlagerung wichtiger Systeme vermittelt. Das Unternehmen habe zentrale Anwendungen zügig auf vorbereitete Reservekapazitäten übertragen. Reparaturen und die Verlagerung weiterer Systeme liefen weiter. Yandex betonte seinerseits, seit Jahren eine verteilte Infrastruktur aufzubauen, einschließlich Kapazitäten bei unabhängigen Betreibern. Einzelheiten zu deren Standorten veröffentlicht der Konzern nicht.

Beide Darstellungen schließen sich nicht aus. Sie setzen jedoch unterschiedliche Akzente: Das Ministerium verweist auf seine Hilfe, das Unternehmen auf eigene Vorsorge. The Bell hebt diese Differenz hervor. Wie groß der jeweilige Beitrag zur Stabilisierung tatsächlich war, lässt sich aus den öffentlichen Angaben nicht bestimmen.

Zwischen dem 8. und dem 11. Oktober wurden die Yandex-Rechenzentren in Sasowo, Kaluga und im Gebiet Wladimir von Drohnen getroffen. Zwei Standorte mussten ihren Betrieb vollständig einstellen, in Kaluga fielen Teile der Anlage aus. Die Folgen trafen neben den eigenen Angeboten auch Unternehmen, die auf der Cloud-Infrastruktur von Yandex arbeiten.

Datenkopien ersetzen keine Rechenzentren

Eine Recherche von Republic verdeutlicht, warum sich die Folgen nicht mit dem bloßen Umschalten auf eine Sicherungskopie beheben lassen. Der Journalist Alexej Sergejew sprach dafür unter anderem mit Beschäftigten von Yandex und anderen großen Digitalunternehmen, die anonym bleiben wollten.

Nach ihren Schilderungen gehören Übungen zum Ausfall einzelner Rechenzentren seit Jahren zur Vorbereitung großer Anbieter. Einige Unternehmen hätten zuletzt auch gezielt Szenarien für Drohnenangriffe trainiert. Das Bild eines völlig unvorbereiteten Sektors ergibt sich daraus nicht.

Die Schwierigkeit liegt vielmehr in der Abfolge mehrerer Ausfälle. Sicherungskopien bewahren Daten, stellen aber allein noch keinen funktionierenden Dienst bereit. Dafür werden freie Serverkapazitäten, Netzverbindungen und korrekt miteinander arbeitende Anwendungen benötigt. Werden mehrere Standorte kurz hintereinander beschädigt, müssen die verbliebenen Anlagen zusätzliche Last übernehmen. Zugleich schrumpft der Spielraum, einen weiteren Ausfall abzufangen.

Ein wieder erreichbarer Dienst kann deshalb weiterhin eingeschränkt funktionieren. Dass eine Anwendung startet, bedeutet noch nicht, dass sämtliche Zahlungen, Bestellungen oder Datenzugriffe zuverlässig verarbeitet werden.

Der Ausfall reicht bis zum Einkommen

Republic beschreibt die Folgen für Menschen, deren Arbeitsalltag gleich mehrfach von Yandex abhängt. Fahrer und Kuriere erhalten über die Plattform Aufträge und sind zugleich auf funktionierende Auszahlungen angewiesen. Fallen mehrere Dienste aus, können sowohl neue Einnahmen als auch der Zugang zu bereits verdientem Geld betroffen sein.

Der Bericht schildert außerdem den Fall einer Kundin, die wegen der Störung eine Hypothekenrate bei einer anderen Bank nicht rechtzeitig überweisen konnte. Das ist ein einzelner Erfahrungsbericht, keine Aussage über die Zahl vergleichbarer Fälle. Er zeigt jedoch, wie ein Ausfall bei einem Anbieter finanzielle Verpflichtungen gegenüber anderen Unternehmen berühren kann.

Dabei ist zwischen einem zeitweise blockierten Zugang und einem Verlust von Guthaben zu unterscheiden. Aus den geschilderten Schwierigkeiten beim Einsehen von Kontoständen oder Ausführen von Überweisungen folgt nicht, dass das Geld verschwunden ist.

Für Geschäftskunden entsteht eine ähnliche Abhängigkeit: Wenn Bestellungen, Kundendaten und interne Abläufe über dieselbe Cloud laufen, bleibt eine Störung nicht auf die IT-Abteilung begrenzt.

Wiederanlauf und Wiederaufbau laufen in unterschiedlichem Tempo

Die Verlagerung auf andere Standorte verschafft Zeit. Sie ersetzt jedoch weder beschädigte Server noch die übrige technische Ausstattung. Nach Angaben einer Quelle aus dem IT-Markt, auf die sich Kommersant beruft, können Lieferzeiten für Ersatzgeräte bis zu sechs Monate betragen. Das ist keine Prognose eines ebenso langen Dienstausfalls. Es beschreibt die mögliche Dauer der Beschaffung, während Anwendungen bereits auf anderen Anlagen weiterlaufen.

Wie groß der tatsächliche Schaden ist und wie viel Reserve Yandex noch zur Verfügung steht, bleibt öffentlich unklar. Die von Republic wiedergegebenen Warnungen vor schwereren Folgen weiterer Angriffe sind Einschätzungen anonymer Gesprächspartner. Sie belegen keinen bereits eingetretenen dauerhaften Verlust von Kundendaten.

Die Diskussion über zusätzliche Vorsorge hat unterdessen begonnen. Rostelecom-Vizepräsident Waleri Jermakow sprach sich für geografisch isolierte, dezentrale Notfallstandorte aus, von denen Dienste im Ernstfall wiederhergestellt werden könnten. Nach dem Bericht der Moscow Times waren wichtige Yandex-Angebote, darunter Pay und Cloud, am Mittwochabend noch nicht vollständig wiederhergestellt.

Damit stellt sich für Russlands Digitalwirtschaft eine kostspielige Frage: Wie viel ungenutzte Kapazität muss dauerhaft bereitstehen, damit auch mehrere schwere Ausfälle überbrückt werden können? Zusätzliche Standorte, Ersatzgeräte und physischer Schutz erhöhen den Aufwand. Ob und in welchem Umfang diese Kosten später bei den Kunden ankommen, ist bislang offen.

Yandex demonstriert mit dem Wiederanlauf seiner Dienste, dass vorhandene Reserven einen erheblichen Teil der Belastung auffangen können. Doch solange zerstörte oder beschädigte Kapazitäten fehlen, bleibt entscheidend, wie viel Reserve nach dem Einsatz der Reserve noch übrig ist.

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