Russlands Lebensmittel: Importsubstitution mit ausländischem Fundament

Russlands Lebensmittel: Importsubstitution mit ausländischem Fundament

Russland hat seine heimische Lebensmittelproduktion gestärkt. Doch hinter einheimischen Produkten stehen weiterhin ausländisches Saatgut, Zuchtmaterial und Maschinen. Eine neue Untersuchung zeigt die Fortschritte – und die Grenzen der wirtschaftlichen Unabhängigkeit.

Zwölf Jahre nach Beginn des russischen Lebensmittelembargos fällt die Bilanz widersprüchlich aus. Die Ratingagentur ACRA beschreibt in ihrer am 9. Oktober veröffentlichten Analyse eine verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Ihr Vergleichsindex für russische und europäische Produkte sank im Durchschnitt von 1,07 in den Jahren 2010 bis 2014 auf 0,83 zwischen 2020 und 2025. Nach Lesart der Agentur entwickelte sich damit aus einem Preisnachteil ein Vorteil gegenüber europäischen Erzeugnissen.

Das ist zunächst eine Aussage über relative Preise. Daraus folgt weder, dass Lebensmittel für sämtliche russischen Haushalte erschwinglicher geworden sind, noch dass ihre Herstellung ohne ausländische Lieferungen auskommt.

Den Ausgangspunkt bildete ein doppelter Schock: 2014 beschränkte Russland als Antwort auf westliche Sanktionen die Einfuhr zahlreicher Lebensmittel. Zugleich verteuerte die Rubelabwertung importierte Waren und Produktionsmittel. Verbraucher mussten zunächst höhere Preise und eine geringere Auswahl hinnehmen.

Nach der von Kommersant wiedergegebenen ACRA-Auswertung förderte dieser Druck langfristig Investitionen und den Ausbau heimischer Kapazitäten. Bei Schweinefleisch, Rindfleisch und Geflügel sieht die Agentur inzwischen Preisvorteile gegenüber europäischen Vergleichsprodukten. Die Entwicklung lässt sich allerdings nicht allein dem Einfuhrverbot zuschreiben: Wechselkurs, staatliche Förderung und die Entwicklung der internationalen Märkte gehören ebenfalls in die Rechnung.

Besonders aufschlussreich ist deshalb der Vorbehalt der Untersuchung. Die Importabhängigkeit besteht bei Produktionsmitteln fort, darunter Saatgut, Zuchtmaterial und Ausrüstung. Ein Lebensmittel kann in Russland erzeugt werden, während wesentliche Voraussetzungen seiner Herstellung aus dem Ausland stammen.

Für die Bewertung der Importsubstitution macht das einen erheblichen Unterschied. Eine volle Ladentheke belegt die Verfügbarkeit fertiger Waren. Sie sagt wenig darüber aus, ob Betriebe ihre Technik ersetzen, ihren Zuchtbestand erneuern oder benötigtes Saatgut dauerhaft aus eigener Produktion beziehen können. Versorgungssicherheit und technologische Eigenständigkeit sind unterschiedliche Aufgaben.

Der nächste Entwicklungsschritt verlangt daher mehr als Schutz vor ausländischer Konkurrenz. Der von Kommersant befragte Branchenberater Wadim Anikin nennt höhere Produktivität, sinkende Herstellungskosten und eine eigene technologische Basis als Voraussetzungen für künftigen Erfolg.

Russlands Agrarwirtschaft hat ihre Produktionsmöglichkeiten erweitert. Wie belastbar dieser Fortschritt ist, entscheidet sich jedoch auch dort, wo Verbraucher ihn kaum sehen: bei den Grundlagen der Erzeugung. Das Herkunftsetikett auf der Verpackung beantwortet diese Frage noch nicht.

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