In Russland bekommt die wirtschaftspolitische Leitidee der „Souveränität“ ungewöhnlich offene Kritik aus dem eigenen Finanzestablishment. VTB-Chef Andrej Kostin sagte auf dem Finanzkongress der russischen Zentralbank, das Land habe sich zu sehr von diesem Begriff leiten lassen. Russland solle nicht versuchen, in allen Bereichen der Wirtschaft vollständige technologische und industrielle Unabhängigkeit aufzubauen.
„Mir scheint, dass wir uns heute zu sehr vom Wort Souveränität haben mitreißen lassen“, sagte Kostin nach Angaben von RBC. Man versuche, Souveränität überall zu errichten. Als Beispiel nannte er Kunden, die ihm sogar erklärt hätten, auch die Souveränität bei der Herstellung von Schokoladenbonbons sei nun eine Aufgabe des Landes.
Nach Kostins Einschätzung kann Russland sich nicht in allen Richtungen gleichzeitig erfolgreich entwickeln und zugleich in jeder Branche Souveränität und weltweite Führungspositionen anstreben. Der Staat müsse vielmehr Prioritäten setzen und festlegen, in welchen Bereichen öffentliche und private Ressourcen konzentriert werden sollten.
Damit spricht Kostin ein Grundproblem der russischen Wirtschaftspolitik seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine offen aus. „Souveränität“ ist in Moskau zu einem Sammelbegriff für Importersatz, technologische Unabhängigkeit, industrielle Sicherheit und politische Abschottungsfähigkeit geworden. Der Begriff klingt strategisch stark, kann aber ökonomisch beliebig werden, wenn er auf fast jede Branche ausgedehnt wird.
Kostins Einwand ist deshalb nicht gegen Souveränität in zentralen Bereichen gerichtet, sondern gegen ihre inflationäre Verwendung. Für Schlüsseltechnologien, Finanzinfrastruktur, Verteidigung, Energie, digitale Plattformen oder bestimmte Maschinenbau- und Elektronikbereiche kann staatlich geförderte Eigenständigkeit aus Moskauer Sicht als notwendig gelten. Wenn aber auch alltägliche Konsumgüter und weniger kritische Branchen unter denselben Anspruch gestellt werden, droht eine Überdehnung knapper Ressourcen.
Das ist besonders heikel, weil Russland bereits mit mehreren Engpässen gleichzeitig kämpft. Die Unternehmen klagen über hohe Kreditzinsen, Arbeitskräftemangel, teure Logistik, technologische Beschränkungen und sinkende Rentabilität. Gleichzeitig lenkt der Staat erhebliche Mittel in Verteidigung, Infrastruktur, Subventionen und soziale Verpflichtungen. Unter solchen Bedingungen ist die Frage, wohin Kapital, Personal und staatliche Unterstützung fließen, nicht nur theoretisch.
Kostins Aussage passt auch zu den jüngsten Äußerungen von Vizepremier Alexander Nowak. Dieser hatte darauf verwiesen, dass der Exportanteil am russischen Bruttoinlandsprodukt und die Rolle des Brennstoff- und Energiekomplexes deutlich gesunken seien. Die Regierung stellt diesen Wandel als Zeichen einer stärker binnenorientierten und weniger rohstoffabhängigen Wirtschaft dar. Kostin erinnert nun daran, dass eine neue Struktur nicht automatisch effizienter wird, wenn der Staat zu viele Bereiche gleichzeitig unter das Ziel der Souveränität stellt.
Auch Präsident Wladimir Putin hatte beim Petersburger Wirtschaftsforum betont, eine souveräne Wirtschaft müsse auf moderne Technologien, digitale Plattformen, künstliche Intelligenz und Automatisierung setzen. Souveränität werde durch Wissen, Qualifikation und die Fähigkeit bestimmt, konkurrenzfähige Technologien und Produkte zu schaffen. Genau daran knüpft Kostins Kritik indirekt an: Konkurrenzfähigkeit entsteht nicht dadurch, dass jedes Importprodukt durch ein heimisches Pendant ersetzt wird, sondern durch Konzentration auf Bereiche, in denen Russland tatsächlich strategische Stärke entwickeln kann.
Die Bemerkung des VTB-Chefs ist deshalb mehr als ein Seitenhieb auf übertriebene Bürokratenrhetorik. Sie beschreibt einen Zielkonflikt der Kriegs- und Sanktionswirtschaft. Russland will unabhängiger vom Westen werden, kann aber nicht unbegrenzt Kapital, Technologie und Fachkräfte mobilisieren. Je breiter der Begriff Souveränität ausgelegt wird, desto größer ist die Gefahr, dass Ressourcen in wenig produktive Projekte fließen.
Kostin fordert damit faktisch eine Priorisierungspolitik: weniger symbolischer Importersatz, mehr Konzentration auf strategische Industrien. Für die russische Führung ist das eine unbequeme Botschaft. Denn die Souveränitätsrhetorik ist politisch attraktiv, weil sie Unabhängigkeit, Stärke und Widerstandsfähigkeit verspricht. Ökonomisch aber stellt sich die nüchternere Frage, welche Unabhängigkeit Russland sich leisten kann – und welche nur teuer erkauft wäre.
So wird aus einem scheinbar kleinen Satz über Schokoladenbonbons ein Hinweis auf ein größeres Problem. Die russische Wirtschaft soll zugleich wachsen, sich technologisch erneuern, Sanktionen umgehen, die Armee versorgen, soziale Stabilität sichern und unabhängiger werden. Kostins Einwand lautet: Nicht alles davon lässt sich gleichzeitig und in jeder Branche erzwingen.

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