Russlands Vizepremier Alexander Nowak sieht in der Wirtschaft des Landes einen tiefgreifenden Strukturwandel. Der Anteil der Exporte am russischen Bruttoinlandsprodukt sei fast auf ein Drittel des früheren Niveaus gefallen, sagte Nowak auf dem Finanzkongress der russischen Zentralbank. Auch die Bedeutung des Brennstoff- und Energiekomplexes habe deutlich abgenommen. Was die Regierung als Zeichen geringerer Abhängigkeit darstellt, ist zugleich Ausdruck einer durch Sanktionen, Kriegswirtschaft und veränderte Handelsströme erzwungenen Neuordnung.
Nach Angaben Nowaks ist der Anteil des Brennstoff- und Energiekomplexes am Bruttoinlandsprodukt von früher 18 bis 20 Prozent auf inzwischen 13 Prozent gesunken. Noch stärker fällt der Rückgang in der Haushaltsstruktur aus: Der Anteil der Energiebranche an den Staatseinnahmen sei von 42 auf 22 Prozent gefallen. Diese Zahlen zitierte Vedomosti unter Berufung auf TASS.
Damit beschreibt Nowak eine Entwicklung, die in Moskau inzwischen gern als wirtschaftliche Diversifizierung präsentiert wird. Russland sei weniger vom Export und weniger von Öl- und Gaseinnahmen abhängig, lautet die Botschaft. Tatsächlich hat sich die russische Wirtschaft seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine stark verändert: Der Handel mit Europa ist eingebrochen oder wurde über Umwege ersetzt, Energieexporte wurden nach Asien umgeleitet, Importe laufen stärker über Drittstaaten, und der Staat ist durch Verteidigungs-, Sicherheits- und Infrastrukturaufträge zu einem noch wichtigeren Nachfragetreiber geworden.
Die sinkende Exportquote ist deshalb ambivalent. Einerseits kann ein geringerer Exportanteil am BIP bedeuten, dass die Binnenwirtschaft an Gewicht gewinnt. Für eine Volkswirtschaft, die lange stark vom Verkauf von Rohstoffen nach außen lebte, wäre das grundsätzlich ein Ziel. Andererseits sagt die Quote allein wenig über die Qualität des Wachstums. Wenn Exporte wegen Sanktionen, Preisabschlägen, verlorener Märkte oder logistischer Kosten zurückgehen, während Staatsausgaben und binnenwirtschaftliche Kriegsproduktion steigen, entsteht nicht automatisch eine breitere, modernere Wirtschaftsstruktur.
Ähnlich zwiespältig ist die geringere Rolle des Brennstoff- und Energiekomplexes. Russland versucht seit Jahren, die Abhängigkeit von Öl und Gas zu verringern. In früheren Jahren war diese Absicht vor allem Programm. Nun findet sie teilweise unter Zwang statt. Die Einnahmen aus Energieexporten stehen unter Druck, weil westliche Märkte weggefallen sind, Transportwege länger und teurer wurden und Russland auf vielen Absatzmärkten Preisnachlässe hinnehmen muss. Gleichzeitig wuchs der Anteil anderer Bereiche am BIP auch deshalb, weil Rüstungsindustrie, staatliche Aufträge und importersetzende Produktion stark expandierten.
Für den Staatshaushalt ist der Rückgang der Energieeinnahmen besonders wichtig. Wenn der Anteil des Energiesektors an den Haushaltseinnahmen von 42 auf 22 Prozent sinkt, bedeutet das nicht nur geringere Rohstoffabhängigkeit, sondern auch eine veränderte Finanzierungslage. Der Staat muss Einnahmen stärker aus anderen Quellen mobilisieren, während die Ausgaben für Verteidigung, Sicherheit, Sozialpolitik und Subventionen hoch bleiben. Diese Entwicklung passt zu den wiederkehrenden Debatten über Steuerbelastung, Unternehmensgewinne, Haushaltsdefizit und die Rolle staatlicher Investitionen.
Nowaks Aussage fügt sich auch in eine breitere wirtschaftspolitische Debatte ein. Die Zentralbank warnt vor Überhitzung, Fachkräftemangel und Inflationsrisiken. Teile der Wirtschaft warnen dagegen vor Überkühlung durch hohe Zinsen. In diesem Spannungsfeld wird der Verweis auf geringere Exportabhängigkeit zu einem politischen Argument: Die Regierung kann zeigen, dass die Wirtschaft nicht einfach am alten Rohstoffmodell festhält. Zugleich bleibt offen, ob die neuen Wachstumstreiber dauerhaft tragfähig sind.
Besonders deutlich wird diese Frage bei den Investitionen. Nowak sagte am selben Tag, der Anteil der Investitionen am BIP könne auf 28 Prozent steigen. Eine solche Quote wäre hoch und würde grundsätzlich für Modernisierung sprechen. Entscheidend ist jedoch, wohin diese Investitionen fließen: in produktivitätssteigernde Technologien, zivile Industrie und Infrastruktur – oder vor allem in Bereiche, die kurzfristig durch Staatsaufträge und Kriegsbedarf getragen werden.
Die russische Regierung beschreibt den Wandel als Anpassungserfolg. Das ist nicht völlig falsch: Die Wirtschaft ist nicht kollabiert, viele Lieferketten wurden umgebaut, und Teile der Industrie profitieren von staatlicher Nachfrage. Doch der Preis dieser Anpassung ist hoch. Russland ist weniger stark in westliche Märkte eingebunden, stärker auf politisch gelenkte Handelsbeziehungen angewiesen und in vielen Branchen von knappen Arbeitskräften, teuren Krediten und technologischen Beschränkungen belastet.
Nowaks Zahlen zeigen deshalb nicht nur eine Befreiung von alter Rohstoffabhängigkeit. Sie zeigen auch, wie sehr sich die russische Wirtschaft unter äußerem Druck und innerer Kriegspriorität verschoben hat. Weniger Exportanteil und weniger Energieanteil können ein Zeichen von Diversifizierung sein. Sie können aber ebenso ein Zeichen dafür sein, dass Russland einen Teil seiner früheren Einnahmebasis verloren hat und sie nun durch staatlich gelenkte Binnenaktivität ersetzen muss.
Ob daraus ein robusteres Wirtschaftsmodell entsteht, bleibt offen. Für den Moment lässt sich eher sagen: Russland wird statistisch weniger export- und energieabhängig. Aber diese neue Struktur ist nicht automatisch stärker – sie ist vor allem anders.

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