Sberbank-Chef German Gref hat die russische Geldpolitik ungewöhnlich scharf kritisiert und vor einer „Überkühlung“ der Wirtschaft gewarnt. Bei der Hauptversammlung der größten russischen Bank sagte Gref, die russische Wirtschaft könne bei „extrem hohen“ Zinsen nicht lange bestehen. Die reale Verzinsung, also der Leitzins der Zentralbank abzüglich der laufenden Inflation, liege derzeit bei rund zehn Prozent. Ein solcher Wert könne allenfalls kurzfristig eingesetzt werden, um eine überhitzte Wirtschaft abzukühlen. Russland habe diesen Punkt aber bereits überschritten.
Der Leitzins der russischen Zentralbank liegt seit der jüngsten Entscheidung vom 19. Juni bei 14,25 Prozent. Die Zentralbank hatte ihn nur um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Aus Sicht Grefs reicht das nicht. Schon Anfang Juni hatte er auf dem Petersburger Wirtschaftsforum erklärt, für die Unternehmen liege die psychologische Grenze bei einem Leitzins von zehn bis zwölf Prozent. Oberhalb dieser Marke würden Kredite und Investitionen für viele Firmen unattraktiv.
Gref begründete seine Kritik damit, dass der aktuelle Preisdruck nicht allein aus klassischer Nachfrageüberhitzung entstehe. Viele Preissteigerungen seien Folge einmaliger oder nicht-marktwirtschaftlicher Faktoren, darunter Probleme im Energiesektor. Mit Geldpolitik gegen solche Ursachen vorzugehen, nannte er irrational. Die hohe Verzinsung wirke wie eine schwere depressive Last auf die Wirtschaft. Nach seinen Angaben ist die Investitionstätigkeit bereits um mehr als 14 Prozent zurückgegangen; im laufenden Jahr könne ein weiterer Rückgang um zwei bis drei Prozent folgen.
Damit greift Gref eine Debatte auf, die in Russland seit Monaten zwischen Zentralbank, Regierung und Unternehmen geführt wird. Die Zentralbank sieht die hohen Zinsen als notwendiges Mittel gegen Inflation und Nachfrageüberhang. Teile der Wirtschaft und der Unternehmerverbände warnen dagegen, dass Kredite für viele Unternehmen praktisch unerschwinglich geworden seien. The Bell verweist in diesem Zusammenhang auf Aussagen des Unternehmerverbands RSPP, wonach zwei Drittel der befragten Unternehmen 2025 Kreditzinsen von mehr als 18 Prozent meldeten.
Grefs Kritik hat dabei besonderes Gewicht, weil die Sberbank selbst zu den Gewinnern der vergangenen Jahre gehört. Sie erzielte 2025 einen Rekordgewinn und zahlt ihren Aktionären Rekorddividenden. Trotzdem beschreibt ihr Chef die Lage der Gesamtwirtschaft nicht als robust, sondern als gefährlich angespannt. Gerade dieser Kontrast macht seine Warnung politisch bemerkenswert: Einer der erfolgreichsten staatlich dominierten Konzerne Russlands signalisiert, dass hohe Bankgewinne nicht automatisch eine gesunde Realwirtschaft bedeuten.
Gref verband seine Zinskritik auch mit einer Einschätzung des russischen Aktienmarkts. Er bezeichnete die Aktien der Sberbank als „Proxy auf Russland“: Wenn ihre Bewertung nur von den Finanzergebnissen der Bank abhinge, läge sie nach seiner Darstellung weit höher. Russische börsennotierte Unternehmen seien insgesamt unterbewertet. Für einen „explosiven Sprung“ des Aktienmarkts brauche es aus seiner Sicht vor allem zwei Voraussetzungen: eine Lockerung der Geldpolitik und eine Verbesserung der geopolitischen Lage.
Die Zahlen zeigen, warum Investoren skeptisch bleiben. Der Moskauer Börsenindex war nach der nur geringen Zinssenkung der Zentralbank auf den niedrigsten Stand seit Februar 2023 gefallen. Auch der Index russischer Staatsanleihen geriet unter Druck. Kommersant verwies zudem darauf, dass Gazprom-Aktien zeitweise auf Niveaus aus der Krise von 2008 zurückfielen, während Rosneft auf Werte vom Oktober 2022 abrutschte.
Noch grundsätzlicher wurde Gref bei seiner Beschreibung des wirtschaftlichen und geopolitischen Umfelds. Die Lage in der Welt und die schnelle technologische Entwicklung führten dazu, dass der Planungshorizont „gegen null“ tendiere. Es sei sinnlos, auf baldige Veränderungen zu warten; man müsse unter Bedingungen vollständiger Unsicherheit arbeiten. Zur Veranschaulichung verwies Gref auf Viktor Frankl, den österreichischen Psychiater und Holocaust-Überlebenden. Überlebt hätten, so Grefs sinngemäße Lehre daraus, weder jene, die auf ein schnelles Ende hofften, noch jene, die an ein nie endendes Leiden glaubten, sondern jene, die jeden Tag für sich lebten.
Der Vergleich ist in seiner Dramatik erstaunlich, weil er die übliche Sprache russischer Wirtschaftsmanager deutlich verlässt. Gref spricht nicht nur über Zinssätze und Marktindikatoren, sondern über eine Wirtschaft, die kaum noch planen kann. Zugleich zeigt die Wortwahl, wie stark der Druck auf Unternehmen gewachsen ist: Sanktionen, Kriegskosten, hohe Staatsausgaben, technologische Umbrüche und teures Geld verdichten sich zu einem Umfeld, in dem klassische Unternehmensplanung immer schwerer wird.
Auch seine zweite Metapher zielte auf die Grenzen des bisherigen Wachstumsmodells. Der extensive Aufschwung der russischen Wirtschaft sei ausgeschöpft, die Kapazitätsauslastung liege am Limit. Mehr Produktivität entstehe nicht dadurch, dass man eine Kuh statt zweimal fünfmal täglich melke, sagte Gref sinngemäß. Gemeint war: Aus bestehenden Anlagen, Arbeitskräften und Strukturen lasse sich nicht beliebig mehr Produktion herauspressen. Ohne Investitionen, Modernisierung, neue Produktionszyklen und den Einsatz neuer Technologien wie künstlicher Intelligenz werde die Wirtschaft nicht dauerhaft schneller wachsen.
Damit zeichnet Gref ein Bild einer Wirtschaft im Zielkonflikt. Die Zentralbank hält die Zinsen hoch, um Inflation und Nachfrage zu bremsen. Die Unternehmen brauchen niedrigere Finanzierungskosten, um zu investieren. Der Staat benötigt Wachstum, Steuereinnahmen und technologische Erneuerung, belastet die Wirtschaft aber zugleich durch hohe Ausgaben, Unsicherheit und politische Prioritäten. Grefs Diagnose lautet: Die russische Wirtschaft ist nicht mehr heiß, sondern zu stark abgekühlt — und sie kann nicht durch weiteres Auspressen vorhandener Ressourcen modernisiert werden.
Für den russischen Markt ist das Signal doppelt. Kurzfristig hofft ein Teil der Anleger auf Zinssenkungen, steigende Aktienkurse und wieder attraktivere Unternehmensbewertungen. Langfristig stellt Gref jedoch eine unbequemere Frage: Ob Russland unter den gegenwärtigen Bedingungen überhaupt genügend Investitionen mobilisieren kann, um aus der Stagnationszone herauszukommen. Genau darin liegt die Brisanz seiner Aussagen. Sie klingen wie Kritik an der Zentralbank, sind aber zugleich eine Warnung an das gesamte Wirtschaftsmodell.
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