Russlands Wirtschaft soll künftig auf sieben Säulen ruhen – oder vielleicht doch lieber auf drei Walen. Innerhalb weniger Tage haben zwei wirtschaftspolitische Entwürfe eine bemerkenswerte neue Architektur hervorgebracht. Hinter den etwas abenteuerlichen Bildern steht allerdings eine ernsthafte Diagnose: Das bisherige russische Wachstumsmodell ist weitgehend ausgereizt.
Den ersten Entwurf lieferte das Zentrum für branchenübergreifende Expertise „Dritter Rom“, das 2024 auf Entscheidung des Präsidenten bei der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst, RANChIGS, eingerichtet wurde. Sein Bericht war für eine Sitzung des Präsidialrates für strategische Entwicklung und nationale Projekte bestimmt.
Die Autoren schlagen vor, Russlands künftige Wirtschaftspolitik auf sieben Säulen zu gründen: die beschleunigte Entwicklung der Regionen und des Inlandstourismus, Automatisierung und künstliche Intelligenz, die Plattformisierung der Wirtschaft, Investitionen in Energie- und Dateninfrastruktur, eine Reform der beruflichen Bildung, die Zurückdrängung der Schattenwirtschaft sowie einen besseren Zugang privater Unternehmen zu Kapital.
Alexander Schokin, Präsident des Russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer, fand sieben tragende Elemente offenbar etwas unübersichtlich. Er verdichtete sie in einem Interview mit RBC auf drei „Wale“: Menschen, Unternehmen und Technologien.
Der Ausdruck folgt einem in Russland verbreiteten Bild, nach dem die Welt auf drei Walen ruht. Ganz stabil ist das neue Wirtschaftsgebäude dennoch nicht: Säulen werden gewöhnlich auf ein Fundament gestellt und nicht auf Meeressäuger. Inhaltlich passen Schokins drei Wale allerdings durchaus zu den sieben Säulen. Sie fassen deren Grundgedanken lediglich gröber zusammen.
Bemerkenswerter als die Zahl der tragenden Elemente ist ohnehin der Ausgangspunkt des Berichts. Die Fachleute von „Dritter Rom“ erklären das bisherige russische Wachstumsmodell für weitgehend erschöpft.
Zwischen 2019 und 2025 sei die Wirtschaftsleistung trotz Pandemie und Sanktionen insgesamt um zwölf Prozent gewachsen. Möglich geworden sei dies vor allem durch staatliche Großprojekte, hohe Haushaltsausgaben, den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, den staatlich geförderten Wohnungsbau, Importsubstitution und die Mobilisierung zusätzlicher Arbeitskräfte.
Doch inzwischen sind Arbeitskräfte knapp, Produktionskapazitäten stark ausgelastet und staatliche Mittel zunehmend gebunden. Weitere Milliardeninvestitionen allein können die Produktion kaum steigern, wenn niemand die neuen Maschinen bedient. Die russische Wirtschaft müsse daher, wie es in dem Bericht heißt, ab 2027 nicht einfach einen Schritt nach vorn, sondern einen „Schritt nach oben“ machen.
Ohne Reformen erwarten die Autoren für das kommende Jahrzehnt nur noch ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 1,6 Prozent. Um die politisch angestrebten drei Prozent zu erreichen, sollen Produktivität, Technologien und eine effizientere Verteilung von Arbeit und Kapital an die Stelle der bisherigen extensiven Expansion treten.
Der entscheidende Vorschlag findet sich in der siebten Säule. Nicht mehr der Staat soll der wichtigste Investor des nächsten Wachstumszyklus sein. Er soll vielmehr Bedingungen schaffen, unter denen Unternehmen und Bürger bereit sind, ihr eigenes Geld in die russische Wirtschaft zu investieren.
Das klingt zunächst nach einer technischen Veränderung der Investitionspolitik. Tatsächlich wäre es ein grundlegender Kurswechsel. Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine ist der russische Staat noch stärker zum zentralen Auftraggeber, Finanzier und Verteiler wirtschaftlicher Ressourcen geworden. Besonders stark wuchsen jene Bereiche, die unmittelbar oder mittelbar von staatlichen Bestellungen und Haushaltsausgaben profitieren.
Private Unternehmen sollen nun einen größeren Teil der Investitionslast übernehmen. Doch dafür müssten sie langfristig kalkulieren können. Genau an diesem Punkt wird Schokins verkürzte Fassung politisch interessant.
Sein zweiter Wal, die Privatwirtschaft, sei eine Quelle nahezu unbegrenzter Entwicklungsmöglichkeiten. Unternehmer könnten schneller, flexibler und beharrlicher handeln als staatliche Strukturen. Dafür müssten sie sich jedoch darauf verlassen können, dass ihr Eigentum geschützt ist und die steuerlichen sowie regulatorischen Bedingungen berechenbar bleiben.
Schokin formuliert damit höflich das zentrale Problem der Sieben-Säulen-Strategie. Kapital ist in Russland vorhanden. Ob seine Besitzer es langfristig investieren wollen, ist eine andere Frage.
Der Leitzins liegt weiterhin bei 14 Prozent. Kredite für neue Produktionsanlagen und technologische Projekte sind damit teuer. Zugleich verändern Sonderabgaben, Exportbeschränkungen, staatliche Preisinterventionen und wechselnde Vorschriften regelmäßig die Geschäftsbedingungen. Die Übertragung von Unternehmen in eine „vorübergehende Verwaltung“ hat zusätzlich gezeigt, wie weit der Staat in Eigentumsverhältnisse eingreifen kann.
Die von „Dritter Rom“ geforderte neue Investitionsordnung setzt deshalb mehr voraus als Förderprogramme und neue Kreditinstrumente. Sie verlangt verlässliche Gerichte, geschütztes Eigentum, stabile Regeln und einen Staat, der privaten Unternehmen tatsächlich wirtschaftlichen Raum überlässt.
Auch die anderen Säulen sind nicht unabhängig davon tragfähig. Automatisierung und künstliche Intelligenz benötigen langfristige Investitionen. Neue Rechenzentren brauchen Energie, Kommunikationsnetze und importierte oder selbst entwickelte Technik. Eine Reform der Ausbildung entfaltet ihre Wirkung erst nach Jahren. Die Verlagerung von Arbeitskräften aus der Schattenwirtschaft in produktivere Unternehmen funktioniert nur, wenn diese Unternehmen attraktive und dauerhafte Perspektiven bieten.
Schokins erster Wal, der Mensch, ist daher mehr als eine freundliche Ergänzung. Investitionen in Bildung, Medizin, Wohnumfeld und persönliche Entwicklung seien vollständig rentabel, erklärte der Unternehmerpräsident. Damit entfernt er sich von einer Wirtschaftspolitik, die den Menschen vor allem als noch zu mobilisierende Arbeitskraft betrachtet.
Der dritte Wal, die Technologie, soll schließlich in alle Bereiche eindringen – von der Verwaltung über die Energiewirtschaft bis zum privaten Unternehmen. Doch Technik kann fehlende Institutionen nicht ersetzen. Künstliche Intelligenz beschleunigt Abläufe, schafft aber noch keine Rechtssicherheit. Eine digitale Plattform verteilt Kapital effizienter, überzeugt dessen Besitzer jedoch nicht automatisch davon, es zu riskieren.
Die sieben Säulen und drei Wale ergeben deshalb noch kein fertiges Wirtschaftsmodell. Sie zeigen vielmehr, wie deutlich inzwischen selbst regierungsnahe Fachleute und große Unternehmer die Grenzen des bisherigen Kurses erkennen.
Der Staat soll weniger allein tragen, müsste dafür aber einen Teil seiner wirtschaftlichen Kontrolle abgeben. Private Unternehmen sollen mehr investieren, verlangen dafür jedoch Schutz und Berechenbarkeit. Technologien sollen fehlende Arbeitskräfte ersetzen, benötigen aber zunächst Kapital, Fachkräfte und internationale Anschlussfähigkeit.
Ob dieses Gebilde trägt, entscheidet sich daher nicht an der Zahl seiner Säulen oder Wale. Entscheidend ist, ob der russische Staat bereit ist, das Fundament zu schaffen, auf dem beide stehen könnten.

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