Der Lachs nimmt eine andere Route: Kamtschatkas Fangsaison bricht ein

Der Lachs nimmt eine andere Route: Kamtschatkas Fangsaison bricht ein

Die Fischer auf Kamtschatka warten in diesem Jahr vielfach vergeblich auf den Lachs. Statt der ursprünglich erwarteten 117.500 Tonnen könnten 2026 nur etwa 55.000 Tonnen gefangen werden. Das wäre weniger als die Hälfte der Prognose und rund ein Fünftel des Vorjahresergebnisses.

Der Gouverneur der Region, Wladimir Solodow, sprach in einem Interview mit der Zeitung „Kommersant“ von „katastrophalen Ergebnissen“. Die Wissenschaftler hätten inzwischen anerkannt, dass die diesjährige Fangsaison gescheitert sei.

Als Ursache nannte Solodow Veränderungen der Wassertemperaturen in den Weltmeeren. Diese beeinflussten die Wanderrouten der Fische. Das Problem beschränke sich nicht auf Kamtschatka: Auch andere Regionen des russischen Fernen Ostens sowie die Fischereiwirtschaft der USA und Kanadas verzeichneten einen deutlichen Rückgang der Fänge.

Für Kamtschatka ist das mehr als eine schlechte Nachricht für Fischliebhaber. Die Fischerei gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Halbinsel. Fangbetriebe, Verarbeiter, Kühlhäuser, Transportunternehmen und zahlreiche regionale Arbeitsplätze hängen von der jährlichen Rückkehr der pazifischen Lachse ab.

Vor Beginn der Saison hatte die russische Fischereibehörde noch mit einem Fang von insgesamt 227.000 Tonnen pazifischer Lachse im gesamten Fernen Osten gerechnet. Mehr als die Hälfte davon sollte auf Kamtschatka entfallen. Anfang Juli erklärte die Behörde, die Saison verlaufe im Wesentlichen entsprechend den wissenschaftlichen Vorhersagen.

Davon kann zwei Monate später keine Rede mehr sein. Ende August lag der gesamte russische Lachsfang bei rund 82.500 Tonnen und damit 59 Prozent unter dem Vorjahreswert. Auf Kamtschatka dürfte die endgültige Fangmenge die ursprüngliche Prognose um mehr als 60.000 Tonnen verfehlen.

Der Vergleich mit 2025 lässt den Absturz allerdings besonders dramatisch erscheinen. Damals wurden auf Kamtschatka knapp 260.000 Tonnen Lachs gefangen. Bei den Beständen des Buckellachses, der gewöhnlich den größten Anteil an der Fangmenge stellt, gibt es jedoch ausgeprägte Zwei-Jahres-Zyklen. Fangreiche ungerade Jahre sollten deshalb nicht ohne Weiteres mit geraden Jahren verglichen werden.

Doch auch der passendere Vergleich bietet wenig Trost. Im geraden Jahr 2024 wurden auf Kamtschatka rund 130.000 Tonnen pazifische Lachse gefangen. Die nun erwarteten 55.000 Tonnen entsprächen auch gegenüber diesem Ergebnis einem Rückgang von fast 58 Prozent. Im ebenfalls geraden Jahr 2022 waren es bis zum Ende der Saison etwa 130.000 Tonnen gewesen.

Der Einbruch lässt sich somit nicht allein mit dem natürlichen Rhythmus der Bestände erklären. Bemerkenswert ist außerdem, wie weit die tatsächlichen Fänge von den wissenschaftlichen Vorhersagen entfernt bleiben. Die Modelle berücksichtigen unter anderem frühere Fangmengen, die Zahl der Jungfische, den Zustand der Laichgebiete und die Bedingungen während des Aufenthalts im Meer. Veränderte Wassertemperaturen können jedoch Nahrungsangebot, Überlebensraten und Wanderbewegungen beeinflussen – und damit Prognosen innerhalb weniger Wochen entwerten.

Ein allgemeiner Fischmangel droht Russland vorerst nicht. Bis zum 24. August hatten russische Fischer nach Angaben der Fischereibehörde insgesamt rund 3,23 Millionen Tonnen Meeresressourcen gefangen. Beim Alaska-Seelachs lag die Fangmenge sogar leicht über dem Vorjahreswert, beim pazifischen Hering deutlich darüber.

Die schlechte Saison betrifft vor allem das Angebot an wild gefangenem pazifischem Lachs und rotem Kaviar. Ob und wie stark sich der Einbruch auf die Verbraucherpreise auswirkt, hängt allerdings nicht nur vom aktuellen Fang ab. Auch Lagerbestände, Exporte, Transportkosten und die Produktion aus Aquakulturen spielen eine Rolle.

Für Kamtschatkas Unternehmen lässt sich der Verlust dagegen kaum ausgleichen. Die Lachssaison ist kurz, und eine ausgebliebene Fischgeneration kann nicht später nachgeholt werden. Die Fangflotten mögen für andere Arten weiterhin gut gefüllte Netze einholen – der Lachs, auf den sich die Region vorbereitet hatte, kommt in diesem Jahr nicht mehr.

Er hat, um im Bild des Gouverneurs zu bleiben, eine andere Route genommen. Wohin sie langfristig führt, müssen die Wissenschaftler nun erst herausfinden.

Kommentare