Welches Tier verkörpert die russische Wirtschaft? Mit dieser nicht ganz alltäglichen Frage konfrontierte der Moderator einer Diskussionsrunde die Teilnehmer des Östlichen Wirtschaftsforums in Wladiwostok. Die Antworten verwandelten die Veranstaltung vorübergehend in eine Art wirtschaftspolitischen Zoo.
Der russische Vizepremier und Fernostbeauftragte Juri Trutnew entschied sich für den Tiger – ein schönes und dynamisches Tier. Der Vorsitzende des Unternehmerverbandes „Opora Rossii“, Alexander Kalinin, wählte den widerstandsfähigen Eisbären. Der Ökonom Waleri Tschernooki verglich die Wirtschaft mit einem Schneeleoparden, der Sanktionen überlebt und zu schnellen Sprüngen fähig ist. Der Gründer der Elektronikkette DNS, Dmitri Alexejew, sah hingegen eher eine Schildkröte: Sie bewegt sich langsam vorwärts und zieht sich bei Gefahr in ihren Panzer zurück.
Kirill Tremasow, Berater der Präsidentin der russischen Zentralbank, entschied sich schließlich für das Kamel. Die wichtigste Eigenschaft der russischen Wirtschaft sei in den vergangenen Jahren ihre „Widerstandsfähigkeit und Überlebensfähigkeit unter extremen Bedingungen“ gewesen. Ein Tier, das unter solchen Bedingungen leben könne, verbinde er mit dem Kamel, berichtete Kommersant.
Das war zunächst nur die Antwort auf eine spielerisch gestellte Frage und keine neue offizielle Lehrmeinung der Zentralbank. Dennoch ist das Bild bemerkenswert. Vielleicht beschreibt das Kamel die gegenwärtige russische Wirtschaft sogar treffender, als Tremasow beabsichtigte.
Kamele können lange Strecken durch lebensfeindliche Landschaften zurücklegen, mit knappen Ressourcen auskommen und große Schwankungen der Umweltbedingungen ertragen. Sie sind jedoch nicht schnell. Vor allem aber ist ihre Fähigkeit zum Überleben kein Beweis dafür, dass die Wüste ein besonders günstiger Lebensraum wäre.
Ähnlich verhält es sich mit der russischen Wirtschaft. Sie hat die nach Februar 2022 verhängten Sanktionen, den Verlust zahlreicher westlicher Absatz- und Beschaffungsmärkte sowie den Rückzug vieler ausländischer Unternehmen besser überstanden, als zahlreiche Beobachter zunächst erwartet hatten. Neue Handelswege wurden aufgebaut, Importe umgeleitet und ein erheblicher Teil der Produktion auf die Bedürfnisse des Staates und der Rüstungsindustrie ausgerichtet.
Diese Anpassungsfähigkeit ist real. Aus ihr folgt jedoch nicht automatisch eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung.
Nach der aktuellen Prognose der russischen Zentralbank dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2026 lediglich um null bis ein Prozent wachsen. Für die Bruttoanlageinvestitionen reicht die Prognosespanne von einem Rückgang um 1,5 Prozent bis zu einem minimalen Plus von 0,5 Prozent. Die gesamte Kapitalbildung könnte sogar um 1,5 bis 3,5 Prozent sinken. Von einem bevorstehenden Tigersprung kann damit kaum die Rede sein.
Auch die Geldpolitik bleibt ausgesprochen restriktiv. Der Leitzins beträgt trotz mehrerer Senkungen noch immer 14 Prozent. Die jährliche Inflationsrate lag im Juli bei sechs Prozent und damit deutlich über dem Zielwert der Zentralbank von vier Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet die Bank mit einer Inflation zwischen sechs und sieben Prozent. Kredite bleiben dadurch für Unternehmen und Verbraucher teuer.
Hinzu kommt die wachsende Belastung des Staatshaushalts. Nach vorläufigen Angaben des Finanzministeriums erreichte das Defizit des föderalen Haushalts von Januar bis Juli 2026 rund 6,46 Billionen Rubel. Ein großer Teil der wirtschaftlichen Nachfrage hängt weiterhin an hohen staatlichen Ausgaben. Diese stabilisieren zwar Produktion und Beschäftigung, binden aber gleichzeitig Arbeitskräfte, Kapital und industrielle Kapazitäten.
Selbst innerhalb der Tierparade des Wirtschaftsforums klang deshalb Skepsis an. Tschernooki bescheinigte dem russischen Schneeleoparden zwar eine erstaunliche Überlebensfähigkeit und die Fähigkeit zu kurzfristigen Wachstumssprüngen. Als entscheidendes Problem bezeichnete er jedoch das Fehlen eines stabilen langfristigen Wachstums. Alexejews Schildkröte wiederum deutet darauf hin, dass ein Teil der Wirtschaft bei Schwierigkeiten nicht nach vorn stürmt, sondern Schutz unter einem zunehmend dicken staatlichen Panzer sucht.
Auch zoologisch verdient Tremasows Vergleich eine kleine Präzisierung: Im Höcker eines Kamels befindet sich kein Wasservorrat, sondern Fett. Das Tier kann diese Reserve nutzen, wenn Nahrung knapp wird. Doch auch ein gut gefüllter Höcker ist endlich.
Russland verfügt weiterhin über erhebliche Rohstofferlöse, Währungs- und Goldreserven, industrielle Kapazitäten und einen großen Binnenmarkt. Seine Wirtschaft hat mehrfach bewiesen, dass sie Belastungen aushalten und sich an veränderte Bedingungen anpassen kann. Die entscheidende Frage lautet inzwischen aber nicht mehr, ob sie die wirtschaftliche Wüste durchqueren kann.
Die Frage ist, wie lange der Weg noch dauert, wie viel Substanz dabei verbraucht wird – und ob hinter der nächsten Düne tatsächlich eine Oase liegt.

Kommentare