Die russische Zentralbank hat den Leitzins zum zehnten Mal in Folge gesenkt. Der kleine Schritt um 0,25 Prozentpunkte auf 14 Prozent ist jedoch weniger Ausdruck wirtschaftlicher Entspannung als ein vorsichtiger Balanceakt: Während Unternehmen unter den weiterhin hohen Kreditkosten leiden, ziehen Inflation und Inflationserwartungen wieder an. Zugleich muss die Notenbank mit höheren Staatsausgaben und den Folgen der Kraftstoffkrise rechnen.
Die Entscheidung des Direktoriums fiel nicht selbstverständlich aus. Ein großer Teil der Analysten hatte erwartet, dass die Zentralbank nach der Senkung im Juni zunächst eine Pause einlegen und den Zinssatz bei 14,25 Prozent belassen würde. Die steigenden Benzin- und Dieselpreise sowie die zuletzt deutlich gestiegenen Inflationserwartungen sprachen gegen eine weitere Lockerung.
Dennoch setzte die Notenbank ihren im Juni 2025 begonnenen Zinssenkungszyklus fort. Damals war der Leitzins erstmals von seinem Höchststand von 21 auf 20 Prozent reduziert worden. Es folgten weitere Schritte auf 18, 17, 16,5, 16, 15,5 und zuletzt 14,25 Prozent. Die nun beschlossenen 14 Prozent bleiben allerdings weit von einem Niveau entfernt, bei dem sich die Kreditbedingungen für Unternehmen und Verbraucher spürbar normalisieren würden.
Inflationsprognose deutlich angehoben
Die scheinbar widersprüchliche Botschaft der Zentralbank wird vor allem an ihrer neuen Inflationsprognose sichtbar. Obwohl sie den Leitzins senkte, hob sie ihre Erwartung für den Preisanstieg im laufenden Jahr kräftig an: Statt bislang 4,5 bis 5,5 Prozent rechnet sie nun mit einer Inflation von sechs bis sieben Prozent.
Am 20. Juli lag die Jahresinflation bereits bei knapp 5,9 Prozent. Als Hauptursache des neuerlichen Preisschubs nennt die Zentralbank die Kraftstoffkrise. Seit Jahresbeginn verteuerte sich Benzin nach Angaben von Rosstat um 18,3 Prozent, Dieselkraftstoff sogar um 20,2 Prozent.
Der Anstieg bleibe nicht auf die Tankstellen beschränkt, erklärte Zentralbankchefin Elvira Nabiullina. Höhere Transport- und Produktionskosten würden zunehmend auf die Preise anderer Waren und Dienstleistungen übertragen. Die Kraftstoffkrise entwickele damit sogenannte Zweitrundeneffekte: Aus einem zunächst auf einzelne Produkte begrenzten Preisschock werde ein breiterer Inflationsimpuls.
Die Regierung habe Maßnahmen zur Stabilisierung des Kraftstoffmarktes eingeleitet. Die Zentralbank geht in ihrem Basisszenario davon aus, dass die vorübergehend ausgefallenen Produktionskapazitäten bis zum Jahresende wiederhergestellt werden. Nabiullina bezeichnete die jüngste Beschleunigung der Inflation deshalb als vorübergehend. Sollte sich der Produktionsausfall jedoch länger hinziehen, könnte sich der Preisdruck weiter verstärken.
Bevölkerung erwartet 14,7 Prozent Inflation
Zusätzliche Sorgen bereiten der Zentralbank die Inflationserwartungen der Bevölkerung. Sie stiegen im Juli auf 14,7 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit März 2022. Die gefühlte und erwartete Inflation liegt somit weit über den offiziellen Teuerungsraten und noch weiter über dem Inflationsziel von vier Prozent.
Nabiullina räumte ein, dass sich dieses Misstrauen nicht durch Erklärungen oder neue Prognosen beseitigen lasse. Der einzige Weg, die Erwartungen zu senken, bestehe darin, die Inflation tatsächlich auf vier Prozent zurückzuführen und dort über einen längeren Zeitraum zu halten. Die Bevölkerung müsse selbst erleben, dass die Preise nur noch langsam steigen.
Die Zentralbankchefin sprach dabei von einer lange anhaltenden „Inflationserinnerung“. Wenn die Preise über Jahre stark steigen und frühere Prognosen der Notenbank nicht eintreffen, würden die Menschen auch neuen Versprechen skeptisch gegenüberstehen. Auf Überzeugungsarbeit allein könne die Zentralbank daher nicht setzen.
Gerade diese Erwartungen beeinflussen wiederum das tatsächliche Verhalten: Wer weiter kräftige Preissteigerungen erwartet, kauft früher, fordert höhere Löhne oder kalkuliert als Unternehmen höhere Verkaufspreise. Aus der Inflationsangst kann auf diese Weise zusätzliche Inflation entstehen.
Der Sparwille lässt etwas nach
Auch beim Verhalten der privaten Haushalte registriert die Zentralbank eine Veränderung. Die Sparaktivität sei leicht zurückgegangen, sagte Nabiullina. Bankeinlagen wüchsen zwar weiterhin, ihr Anteil am Geldvermögen nehme jedoch allmählich ab. Zugleich fließe ein wachsender Teil der Ersparnisse in Wertpapiere und Immobilien.
Gleichzeitig belebe sich die Kreditaufnahme der Verbraucher. Das gelte nicht nur für Hypotheken, sondern auch für unbesicherte Konsumentenkredite. Der private Konsum beschleunigte sich im zweiten Quartal etwas, teilweise aufgrund von Käufen, die zu Jahresbeginn aufgeschoben worden waren.
Damit wird die Lage für die Zentralbank komplizierter. Einerseits hat die Hochzinspolitik die Wirtschaft und die Kreditnachfrage deutlich abgekühlt. Andererseits könnte ein nachlassender Sparwille zusammen mit wieder wachsendem Konsum die Inflation stützen. Durch die gestiegenen Inflationserwartungen sind die Geldbedingungen zudem real weniger streng geworden, obwohl der nominale Leitzins weiterhin bei hohen 14 Prozent liegt.
Staatsausgaben begrenzen den Spielraum
Als weiteres Hindernis für schnellere Zinssenkungen nennt die Notenbank die expansive Haushaltspolitik. Die tatsächlichen Ausgaben des russischen Staates liegen deutlich über denen der Vorjahre. Die Zentralbank erwartet deshalb einen höheren strukturellen Haushaltsfehlbetrag, als in den bisherigen Planungen vorgesehen.
Kredite und Staatsausgaben sind die beiden wichtigsten Quellen für das Wachstum der Geldmenge. Gibt der Staat mehr aus, muss die Zentralbank die Kreditexpansion umso stärker begrenzen, wenn sie die Gesamtnachfrage und damit den Preisdruck unter Kontrolle halten will.
Diese Konstellation erklärt, weshalb Nabiullina nun von einem „glatteren“, also langsameren Zinssenkungspfad spricht. Auch wenn die Zentralbank weiteres Potenzial für Lockerungen sieht, dürfte sie in den kommenden Monaten in sehr kleinen Schritten vorgehen. Die Parameter des neuen Dreijahreshaushalts, die im September vorgelegt werden sollen, werden für den weiteren Kurs eine wichtige Rolle spielen.
Ausgeschlossen ist selbst eine erneute Zinserhöhung nicht. Dafür gebe es derzeit keinen Anlass, betonte Nabiullina. Sollte sich aber zeigen, dass die Produktionsausfälle länger dauern und die Inflation stärker anheizen als erwartet, werde die Zentralbank das tun, was zur Sicherung der Preisstabilität erforderlich sei.
Weniger Wachstum, weiterhin teure Kredite
Parallel zur höheren Inflationsprognose senkte die Zentralbank ihre Erwartungen an die Konjunktur. Für 2026 rechnet sie nur noch mit einem Wachstum zwischen null und einem Prozent. Im zweiten Quartal habe die Wirtschaftsleistung zwar moderat zugelegt, zugleich hätten Unternehmen ihre Erwartungen an Nachfrage und Produktion deutlich zurückgenommen.
Die Zinssenkung zeigt damit auch, dass die Notenbank inzwischen nicht nur die Inflation, sondern zunehmend die Gefahr einer wirtschaftlichen Stagnation im Blick hat. Hohe Finanzierungskosten bremsen Investitionen, während schwächere Öl- und Gaseinnahmen und der wachsende Haushaltsfehlbetrag den staatlichen Spielraum einschränken.
Aus Sicht des russischen Unternehmerverbandes RSPP ist die Senkung denn auch vor allem ein symbolisches Signal. Unternehmenskredite kosteten weiterhin 18 bis 20 Prozent oder mehr. Unter solchen Bedingungen seien viele Investitionen in neue Anlagen, Modernisierung, Automatisierung und Kapazitätserweiterungen wirtschaftlich nicht tragfähig.
RSPP-Vizepräsident Alexander Murytschew forderte zudem, das seit 2015 geltende Inflationsziel von vier Prozent grundsätzlich zu überprüfen. Für die Zentralbank kommt eine solche Anpassung bislang nicht infrage. Sie hält daran fest, die Inflation 2027 wieder auf vier Prozent zurückzuführen.
Ein Zinsschritt mit doppelter Botschaft
Die Finanzmärkte reagierten zunächst positiv. Der Moskauer Börsenindex legte nach Bekanntgabe der Entscheidung zeitweise um rund 1,8 Prozent zu. An der grundlegenden Schwäche des Aktienmarktes ändert dies wenig: Im Juli war der Index zeitweise unter 1.900 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit September 2022 gefallen.
Der kleine Zinsschritt sendet deshalb zwei Botschaften gleichzeitig. Die Zentralbank sieht die jüngsten Preisschübe noch als vorübergehend an und will eine weitere Abkühlung der Wirtschaft verhindern. Zugleich traut sie der Inflationsentwicklung nicht genug, um Unternehmen und Verbrauchern eine schnelle Rückkehr zu günstigen Krediten zu versprechen.
Der Leitzins sinkt – doch die Prognosen werden schlechter. In dieser Spannung zeigt sich die gegenwärtige Lage der russischen Wirtschaft deutlicher als in der neuen Marke von 14 Prozent: Das Wachstum ist nahezu zum Stillstand gekommen, während die Inflation noch längst nicht besiegt ist.

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