Mehr als vier Jahre nach Beginn des Ukrainekrieges exportiert Russland weiterhin Energie und Metalle im Milliardenwert in die Europäische Union. Besonders schwer tut sich Brüssel mit Stahl und Aluminium: Russische Konzerne besitzen Produktionsstätten in mehreren EU-Ländern, die auf Vorprodukte aus Russland angewiesen sind.
Die Europäische Union hat ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland seit Februar 2022 erheblich reduziert. Vollständig unterbrochen sind sie jedoch keineswegs. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 lieferte Russland nach Angaben von Eurostat Waren im Wert von knapp zehn Milliarden Euro in die EU.
Den größten Anteil stellen weiterhin Energieträger. Flüssigerdgas, Erdöl und Erdölprodukte bilden zusammen den wichtigsten verbliebenen russischen Exportsektor auf dem europäischen Markt. Allein russisches Flüssigerdgas hatte einen Wert von rund 3,7 Milliarden Euro und machte damit etwa 55 Prozent der noch bestehenden Energieimporte aus Russland aus.
Das beschlossene vollständige EU-Verbot für russisches LNG soll erst 2027 in Kraft treten. Auch die letzten beiden Raffinerien in russischem Besitz – Anlagen des Lukoil-Konzerns in Bulgarien und Rumänien – stehen erst jetzt vor einem Eigentümerwechsel, nachdem das Unternehmen im vergangenen Jahr von den USA sanktioniert worden war.
Weniger im Mittelpunkt der politischen Diskussion stehen bislang die russischen Metalllieferungen. Dabei importierte die EU von Januar bis Mai 2026 russischen Stahl im Wert von mehr als 700 Millionen Euro. Hinzu kamen Aluminiumlieferungen für über 70 Millionen Euro.
1,66 Millionen Tonnen Stahlbrammen
Besonders eng ist die Verbindung beim Stahlkonzern NLMK des russischen Milliardärs Wladimir Lissin. Das Unternehmen betreibt Walzwerke in Belgien, Italien und Dänemark. Diese Werke beziehen halbfertige Stahlbrammen aus Russland und verarbeiten sie zu Produkten für europäische Kunden – darunter Schiffbauer und Unternehmen der Energiebranche.
Zwischen Januar und Mai führte die EU 1,66 Millionen Tonnen solcher russischen Stahlbrammen ein. Etwa die Hälfte davon ging nach Belgien, wo sich die größte europäische Produktionsstätte von NLMK befindet. Weitere wichtige Abnehmer waren Dänemark und Italien.
Ein Grund für die anhaltende Nachfrage ist der Preis: Die russischen Brammen sind häufig günstiger als vergleichbare Lieferungen anderer Anbieter. Hinzu kommt, dass die europäischen NLMK-Werke technisch und logistisch auf Vorprodukte der russischen Muttergesellschaft ausgerichtet sind.
Die EU hat für russische Stahlbrammen Ausnahmen vom Einfuhrverbot geschaffen, die gegenwärtig bis 2028 gelten. Weder NLMK noch Lissin selbst stehen auf der EU-Sanktionsliste.
Ein abruptes Importverbot könnte die europäischen Werke praktisch stilllegen. NLMK beschäftigt nach eigenen Angaben fast 2.000 Menschen in Europa. Besonders Belgien hat deshalb bei früheren Sanktionsberatungen darauf gedrängt, die Lieferungen nicht vollständig zu unterbrechen.
Die europäische Sanktionspolitik schützt damit nicht nur europäische Arbeitsplätze. Indirekt sichert sie zugleich die Lieferkette und Einnahmen eines russischen Industriekonzerns.
Aluminiumhandel in beide Richtungen
Ähnlich kompliziert ist die Lage beim Aluminiumhersteller Rusal. Das Unternehmen betreibt Anlagen in Irland, Schweden und Deutschland; die Produktion in Italien ruht seit 2025. Insgesamt beschäftigt Rusal nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Mitarbeiter in Europa.
Die Werke produzieren unter anderem Gusslegierungen für die Automobilindustrie sowie Materialien für Dächer und Belüftungssysteme. Der Rusal-Gründer Oleg Deripaska steht zwar auf der EU-Sanktionsliste, gilt offiziell jedoch nicht mehr als direkter Eigentümer des Unternehmens. Rusal selbst wurde von der Europäischen Union nicht sanktioniert.
Die direkten Aluminiumimporte aus Russland gehen inzwischen deutlich zurück. Von Januar bis Mai 2026 führte die EU nur noch 27.388 Tonnen russisches Aluminium ein. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 135.773 Tonnen. Das entspricht einem Rückgang um fast 80 Prozent und dem niedrigsten bisher registrierten Wert.
Gleichzeitig bewegte sich ein wichtiger Rohstoff in die entgegengesetzte Richtung: Die EU exportierte in den ersten fünf Monaten des Jahres 381.413 Tonnen Aluminiumoxid nach Russland – etwas mehr als ein Jahr zuvor. Aluminiumoxid, auch Alumina genannt, ist der zentrale Ausgangsstoff für die Herstellung von Aluminium.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der irischen Rusal-Raffinerie Aughinish. Medienberichte hatten darauf hingewiesen, dass dort produziertes Aluminiumoxid über weitere Stationen nach Russland gelangt sein könnte. Irische Behörden untersuchen den Vorgang. Auch in Schweden wurden mögliche Verstöße gegen Sanktionen geprüft.
Brüssel erwägt deshalb zusätzliche Beschränkungen sowohl für russisches Aluminium, das über Drittländer in die EU gelangt, als auch für europäische Lieferungen von Aluminiumoxid nach Russland. Ausgerechnet die große Anlage in Irland dürfte jedoch verschont bleiben: Ihre Produktion gilt als zu wichtig für die Versorgung der europäischen Industrie.
Sanktionen treffen auf europäische Interessen
Bei den Metallimporten zeigt sich damit eine Grundschwierigkeit der europäischen Russlandpolitik. Sanktionen können vergleichsweise leicht beschlossen werden, solange sie vor allem russische Unternehmen treffen. Werden jedoch belgische Stahlwerke, irische Raffinerien und mehrere Tausend europäische Arbeitsplätze berührt, treten nationale Wirtschaftsinteressen in den Vordergrund.
Ein Verkauf der europäischen Werke russischer Konzerne wäre ebenfalls kompliziert. Ohne gesicherte Rohstoffversorgung verlieren die Anlagen an Wert; neue Eigentümer müssten Lieferketten und teilweise auch Produktionsverfahren umstellen.
Die verbliebenen Handelsströme sind deshalb nicht nur das Ergebnis von Schlupflöchern oder heimlichen Umgehungsgeschäften. Sie beruhen zum Teil auf bewusst ausgehandelten Ausnahmen. Europa kauft russische Vorprodukte, weil europäische Fabriken sie benötigen – und liefert zugleich Rohstoffe zurück, die für die russische Aluminiumproduktion gebraucht werden.
Die wirtschaftliche Entflechtung findet statt, aber sie endet dort, wo sie für einzelne EU-Staaten besonders teuer wird. Beim russischen Stahl ist dieser Punkt offenbar noch lange nicht erreicht. Grundlage der Zahlen ist eine Auswertung aktueller Eurostat-Daten.

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