Russlands Wirtschaftsleistung wächst nur noch schwach. Hinter dem Gesamtergebnis verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede: Branchen mit hohem Rüstungsanteil legen deutlich zu, während andere Wirtschaftsbereiche stagnieren oder schrumpfen. Handel und Dienstleistungen bilden einen moderat wachsenden Zwischenbereich.
Das russische Bruttoinlandsprodukt lag im September nach Schätzungen des Wirtschaftsministeriums um 0,5 Prozent über dem Vorjahresmonat. Im August hatte das Wachstum noch 0,8 Prozent betragen. Für die ersten neun Monate ergibt sich ein Zuwachs von 0,6 Prozent, berichtet The Bell.
Die schwache Gesamtentwicklung geht mit deutlich unterschiedlichen Branchentrends einher. Besonders dynamisch entwickeln sich dem Bericht zufolge der sonstige Fahrzeugbau sowie die Herstellung von Computern, Elektronik und optischen Erzeugnissen – Bereiche mit einem erheblichen Anteil militärischer Produktion. Förderung und Ölverarbeitung leisteten dagegen einen negativen Beitrag zur Industrieentwicklung.
Wachstum verteilt sich ungleich
The Bell beschreibt diese Unterschiede als eine Wirtschaft der „zwei Geschwindigkeiten“. Die eigene Darstellung zeichnet allerdings ein differenzierteres Bild: Neben den stark wachsenden rüstungsnahen Branchen und schwächeren Wirtschaftsbereichen stehen Handel und Dienstleistungen. Deren Entwicklung bringt das Medium mit dem Anstieg der verfügbaren Realeinkommen in Verbindung. Diese lagen im zweiten Quartal um 3,4 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Eine pauschale Gegenüberstellung von wachsender Rüstungswirtschaft und schrumpfender Zivilwirtschaft würde deshalb zu weit gehen. Auch die genannten Industriekategorien lassen sich nicht vollständig der Rüstung zurechnen. Computer, Elektronik, optische Geräte und Fahrzeuge werden ebenso für zivile Zwecke hergestellt.
Die sektoralen Unterschiede erklären jedoch, warum ein schwaches BIP-Ergebnis mit kräftigen Produktionszuwächsen einzelner Branchen vereinbar ist: Das Gesamtergebnis bündelt gegenläufige Entwicklungen. Es beschreibt nicht die Lage jedes Unternehmens oder jedes Wirtschaftszweiges.
Industrieplus und schwaches BIP sind kein Widerspruch
Nach den von The Bell angeführten Berechnungen legte die Industrieproduktion im September saisonbereinigt um 1,2 Prozent gegenüber dem Vormonat zu. Das verarbeitende Gewerbe verzeichnete ein Plus von drei Prozent.
Diese Werte dürfen nicht unmittelbar mit dem BIP-Wachstum von 0,5 Prozent verglichen werden. Die Industriezahlen messen die Veränderung gegenüber August, die BIP-Angabe hingegen den Abstand zum September des Vorjahres. Zudem ist die Industrie nur ein Teil der gesamten Wirtschaftsleistung.
Ein kräftiger Monatsanstieg in einzelnen Produktionsbereichen bedeutet daher noch keinen breiten wirtschaftlichen Aufschwung. Dafür müssten sich die Verbesserungen über mehrere Monate und über weitere Branchen erstrecken.
Mehr Produktion ist nicht automatisch mehr Wohlstand
Für die Einordnung kommt es außerdem darauf an, was produziert wird. Rüstungsgüter gehen in die gemessene Wirtschaftsleistung ein. Ihr zusätzlicher Ausstoß bedeutet aber nicht, dass Haushalten entsprechend mehr Konsumgüter oder zivile Dienstleistungen zur Verfügung stehen.
Umgekehrt lässt sich aus dem schwachen BIP-Wachstum allein keine einheitliche Verschlechterung der Lebensverhältnisse ableiten. Dafür wären unter anderem Einkommen, Preise, Beschäftigung und deren Verteilung zu betrachten.
Die vorliegenden Zahlen zeigen vor allem eine ungleichmäßige Entwicklung: Einzelne rüstungsnahe Branchen wachsen deutlich, während die Gesamtwirtschaft nur wenig vorankommt. Entscheidend für die weitere Entwicklung wird sein, ob sich das Wachstum verbreitert oder auf wenige Bereiche konzentriert bleibt.

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