Russlands offizielle Armutsquote ist gesunken. Doch wer die statistische Grenze überschreitet, hat deshalb noch keine Rücklagen. Russische Ökonomen warnen vor einer breiten Schicht finanziell ungesicherter Haushalte – und davor, dass langsamer steigende Einkommen den weiteren Rückgang der Armut bremsen könnten.
Das Einkommen reicht für die laufenden Ausgaben, zum Zurücklegen bleibt nichts. Fällt ein Verdienst aus oder steht eine größere notwendige Anschaffung an, gerät der Haushalt in Schwierigkeiten. Für diese Lage verwenden russische Fachleute den Begriff „Vorarmut“: Menschen liegen knapp über der offiziellen Armutsgrenze, verfügen aber über keinen finanziellen Puffer.
Die Bezeichnung beschreibt keine zwangsläufige Entwicklung in Richtung Armut. Zu dieser Gruppe können gerade jene gehören, die sich durch höhere Löhne oder Sozialleistungen erst aus der statistischen Armut herausgearbeitet haben. Ihr Aufstieg bleibt allerdings unsicher.
Nach den von Kommersant angeführten Zahlen sank die russische Armutsquote 2025 auf 6,7 Prozent. Rund 9,7 Millionen Menschen hatten Einkommen unterhalb der amtlichen Grenze. Die für 2030 gesetzte Zielmarke wurde damit bereits unterschritten. Gezieltere Sozialleistungen, insbesondere für einkommensschwache Familien mit Kindern, und gestiegene Löhne trugen zu diesem Ergebnis bei.
Das Zentrum für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen, kurz ZMAKP, warnt jedoch vor einer Gleichsetzung dieses Rückgangs mit dauerhaft gesichertem Wohlstand. Kommersant berichtet über eine entsprechende Analyse der Ökonomin Jekaterina Sabelnikowa. Wer die Einkommensschwelle nur knapp überschreitet und keine Rücklagen besitzt, bleibt gegenüber wirtschaftlichen Rückschlägen besonders verletzlich.
Die Sorge erhält durch die schwächere Einkommensentwicklung zusätzliches Gewicht. Laut der von Kommersant wiedergegebenen Analyse stiegen die realen Geldeinkommen der Erwerbstätigen im ersten Halbjahr 2026 nur noch um 1,2 Prozent. Im Vorjahreszeitraum waren es 9 Prozent gewesen. Ohne höhere Produktivität werde es für Unternehmen schwieriger, die bisherigen Steigerungen fortzusetzen.
Wie wenig die offizielle Grenze über einen gesicherten Alltag aussagt, hatte die russische Ausgabe der Moscow Times bereits am 10. September beschrieben. Im zweiten Quartal 2026 lag die Armutsgrenze demnach im landesweiten Durchschnitt bei rund 17.800 Rubel monatlich pro Person. Die Armutsquote betrug in diesem Quartal 7 Prozent. Dieser Quartalswert ist nicht unmittelbar mit dem Jahresdurchschnitt 2025 gleichzusetzen.
Das Blatt verwies außerdem auf eine im August veröffentlichte Befragung zur finanziellen Lage: Sechs Prozent der Befragten erklärten, dass ihr Geld nicht einmal für Lebensmittel reiche. Weitere 20 Prozent konnten nach eigener Aussage Essen, aber keine Kleidung und Schuhe bezahlen. Solche Selbstauskünfte ergeben keine alternative amtliche Armutsquote. Sie zeigen jedoch, dass finanzielle Schwierigkeiten im Alltag weit über die statistisch erfasste Gruppe hinausreichen.
Der Moskowski Komsomolez beschreibt die Risiken anhand typischer Haushaltsprobleme. Der Verlust eines Nebenverdienstes, eine geringere Prämie oder die Erkrankung des Hauptverdieners können ausreichen, um Zahlungen ins Stocken zu bringen. Besonders anfällig sind Familien mit Kindern, deren Einkommen wesentlich von einer Person abhängt. Steigende Ausgaben für Lebensmittel und kommunale Dienstleistungen engen den ohnehin kleinen Spielraum weiter ein.
Eine genaue Zahl der „Vorarmen“ lässt sich aus den vorliegenden Berichten allerdings nicht ableiten. Dafür müssten Einkommensbereich und notwendige finanzielle Reserven einheitlich definiert werden. Der von MK befragte Analyst Wladimir Tschernow schlägt beispielsweise vor, Haushalte zwischen dem Einfachen und Anderthalbfachen der Armutsgrenze zu betrachten und zusätzlich ihre Ersparnisse zu erfassen. Fehlende Rücklagen allein genügen nicht: Auch Haushalte mit höheren Einkommen können ohne Ersparnisse leben.
Der Unterschied hat praktische Folgen für die Sozialpolitik. Leistungen können ein Einkommen über die Armutsgrenze heben. Ein verlässlicherer Schutz entsteht, wenn Familien zusätzlich Reserven aufbauen können und der Ausfall eines einzelnen Verdienstes nicht sofort die gesamte Lebensführung gefährdet.
Das ZMAKP empfiehlt angesichts begrenzter Spielräume im föderalen Haushalt vor allem bessere Erwerbsmöglichkeiten: Weiterbildung für gering bezahlte Beschäftigte, Unterstützung beim Umzug in Regionen mit Arbeitskräftemangel sowie mehr Krippen, Kindergärten und Ganztagsschulen. Damit sollen insbesondere Mütter bessere Möglichkeiten erhalten, einer regulären Beschäftigung nachzugehen.
Russlands gesunkene Armutsquote beschreibt somit einen Fortschritt mit einer offenen Anschlussfrage: Wie viele Menschen haben neben der statistischen Grenze auch die ständige finanzielle Unsicherheit hinter sich gelassen? Ob eine Familie einen schlechten Monat überstehen kann, lässt sich an ihrem Abstand zur Armutsgrenze allein nicht erkennen.

Kommentare