Steigende Kosten, schwache Nachfrage und verspätete Zahlungen setzen russische Unternehmen unter Druck. Der Präsident des Unternehmerverbands Opora Rossii, Alexander Kalinin, erwartet, dass die Zahlungskrise beim traditionellen Treffen der Wirtschaft mit Präsident Wladimir Putin im Dezember zur Sprache kommt. Eine rasche Entspannung sehen die von Kommersant FM befragten Experten bislang nicht.
Die gegenseitigen Zahlungsrückstände russischer Unternehmen sollen nach Einschätzung von Alexander Kalinin auch die Gespräche der Wirtschaft mit dem Präsidenten beschäftigen. Der Präsident von Opora Rossii sagte dem Sender Kommersant FM, er rechne fest damit, dass das Thema bei dem traditionellen Treffen angesprochen werde. Die Zusammenkunft Putins mit führenden Unternehmern findet üblicherweise in der zweiten Dezemberhälfte statt. Eine bestätigte Tagesordnung oder einen konkreten Termin nennt der Bericht nicht.
Für die Unternehmen ist das Problem längst Teil des Geschäftsalltags. Nach der jüngsten Erhebung des Russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer, RSPP, gehören die gegenseitigen Schulden der Firmen zu den drei drängendsten Belastungen der Wirtschaft. Kalinin nennt neben den Zahlungsausfällen den Anstieg der Kosten und die nachlassende Nachfrage.
Seine Beschreibung beginnt bei der Rentabilität: Während die Ausgaben erheblich gestiegen seien, gingen die Umsätze mancher Unternehmen zurück oder nähmen nur geringfügig zu. Dadurch sinke der Ertrag des Geschäfts – bei kleinen ebenso wie bei großen Firmen. Es fehle an Betriebsmitteln, um den laufenden Geschäftsbetrieb zu finanzieren.
Die Reaktionen unterscheiden sich, haben aber Folgen über das einzelne Unternehmen hinaus. Nach Kalinins Darstellung zahlen manche Firmen ihre Geschäftspartner verspätet, andere verschieben Investitionen oder kürzen die Ausgaben für Personal. Wieder andere könnten ihre Einnahmen und Ausgaben nicht mehr in Einklang bringen und gingen in die Insolvenz. Verspätete Zahlungen können dabei die Liquiditätsprobleme an Lieferanten und Dienstleister weiterreichen.
Der Bericht verweist auf Daten des russischen Unternehmens- und Insolvenzregisters Fedresurs. Demnach wurden im dritten Quartal 2026 mehr als 1.500 Insolvenzverfahren gegen Unternehmen eröffnet, etwa ein Drittel mehr als im Zeitraum April bis Juni. Der Vergleich bezieht sich auf das Vorquartal, nicht auf das Vorjahr. Aus der Zahl allein lässt sich zudem nicht ablesen, wie viele Verfahren unmittelbar auf unbezahlte Rechnungen zurückgehen.
Auch bei den Antragstellern verschieben sich die Gewichte. Gläubiger stoßen weiterhin die meisten Verfahren an. Ihr Anteil ging den angeführten Fedresurs-Daten zufolge innerhalb eines Jahres jedoch von 70 auf 60 Prozent zurück. Zugleich gewinnt die Steuerbehörde an Bedeutung: Inzwischen wird nahezu jedes vierte Verfahren auf ihren Antrag hin eröffnet.
Boris Kopeikin, Chefökonom des Stolypin-Instituts für Wachstumsökonomie, sieht die Unternehmen durch mehrere Faktoren gleichzeitig belastet. Er nennt die lange Phase einer sehr restriktiven Geldpolitik, einen aus seiner Sicht zu starken Rubel sowie eine strengere Steuerverwaltung und höhere Steuerlasten. In dieser Kombination sei die zunehmende Zahl von Insolvenzen eine nachvollziehbare Folge, sagte er Kommersant FM.
Kopeikin stellt dabei auch die längerfristige Wirkung auf den Staatshaushalt infrage. Der Durchsetzung steuerlicher Forderungen stünden mögliche Folgen wie schwaches Wachstum und ausbleibende Investitionen gegenüber. Seine Aussagen sind eine wirtschaftspolitische Bewertung; der Bericht liefert keine Berechnung, mit der sich der fiskalische Gesamteffekt beziffern ließe.
Eine leichte Verbesserung einzelner Stimmungswerte deutet der Ökonom deshalb noch nicht als Trendwende. Zwar stieg der vom RSPP berechnete Geschäftsumfeldindex im Oktober gegenüber August laut Kommersant FM um ein Prozent. Viele Indikatoren blieben jedoch im negativen Bereich. Kopeikin warnt zudem, dass Zahlungsausfälle und Insolvenzen dem konjunkturellen Verlauf zeitlich hinterherlaufen können. Ob der Tiefpunkt bereits überwunden sei, bleibe offen.
Kalinin verbindet seine Hoffnungen für 2027 vor allem mit einer politischen Entspannung und niedrigeren Finanzierungskosten. Ein Ende des Krieges könnte nach seiner Einschätzung Haushaltsmittel für Infrastruktur und die zivile Wirtschaft freisetzen. Er verweist außerdem auf mögliche steuerliche Entlastungen und die weitere Entwicklung des Leitzinses. Dabei handelt es sich um Erwartungen des Verbandsvertreters, nicht um bereits gesicherte finanzielle Spielräume oder konkret beschlossene Entlastungen.
Die Regierung setzt unterdessen auf Möglichkeiten, Unternehmen vor einer Insolvenz zu stabilisieren. Nach Angaben des Ersten stellvertretenden Wirtschaftsministers Maxim Kolesnikow sollen die im Juli angenommenen Änderungen zur außergerichtlichen Sanierung helfen, die Zahl der Insolvenzen zu verringern. Gefährdete Firmen könnten demnach mit ihren Gläubigern Zahlungsaufschübe oder veränderte Tilgungspläne vereinbaren.
Solche Vereinbarungen können Zeit verschaffen. Ob ein Unternehmen dauerhaft wieder zahlungsfähig wird, hängt jedoch auch davon ab, ob sein laufendes Geschäft genügend Einnahmen erwirtschaftet. Genau hier liegt der Kern der von Kalinin beschriebenen Schwierigkeiten: Bleiben Kosten hoch und Nachfrage schwach, wird aus dem Warten auf die nächste Überweisung ein Problem für die gesamte Geschäftskette.

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