Russische IT-Konzerne entdecken die Robotik, Branchenvertreter erwarten ein Milliardengeschäft, und die Regierung will das Land bis 2030 unter die führenden Robotikstandorte bringen. Doch in den Fabriken kommt der Umbau nur langsam voran. Arbeitskräftemangel allein macht aus einem Roboter noch keine rentable Investition.
Russland braucht zusätzliche Arbeitsleistung. Roboter könnten einen Teil davon übernehmen. Trotzdem wachsen die Erwartungen an die Automatisierung offenbar schneller als deren praktische Umsetzung. Die jüngsten Berichte von Kommersant zeigen eine Branche zwischen Aufbruch und Investitionshemmnissen: Auf der einen Seite stehen neue Geschäftsmodelle und künstliche Intelligenz, auf der anderen Finanzierung, technische Einbindung und der Nachweis, dass sich ein Projekt tatsächlich lohnt.
Ein großer Markt – zunächst auf dem Papier
Nach einer von MTS Web Services angeführten Prognose von Arthur Consulting könnte die Nachfrage nach Robotisierung von rund 30 Milliarden Rubel 2025 auf 212 Milliarden Rubel 2030 steigen. Das entspräche etwa einer Versiebenfachung. Auch Marija Kurtyschewa vom Branchenverband „Konsortium Robotik“ nennt diese Größenordnung. Besonders große Chancen sieht sie im Onlinehandel, Lebensmittelhandel, bei Konsumgüterherstellern sowie im Maschinenbau und in der Metallverarbeitung.
Die wiederholte Nennung macht aus der Prognose allerdings noch keinen gesicherten Wachstumspfad. Zudem sind die breit gefasste Nachfrage nach Robotisierung, der Markt für Industrieroboter und die Zahl tatsächlich eingesetzter Maschinen unterschiedliche Größen. Wer sie zusammenzieht, lässt den bevorstehenden Aufschwung leicht größer und eindeutiger erscheinen, als die Daten hergeben.
Der Abstand zum politischen Ziel
Die Bestandsaufnahme fällt nüchterner aus. Nach Angaben des Industrie- und Handelsministeriums gegenüber Kommersant waren 2025 in Russland 21.857 Industrieroboter im Einsatz, 10,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Das entspricht einem Nettozuwachs von rund 2.100 Maschinen. Die Roboterdichte blieb dem Ministerium zufolge bei 29 je 10.000 Beschäftigten.
Bis 2030 soll Russland zu den 25 Ländern mit der höchsten Roboterdichte gehören. Dafür wären laut Ministerium mehr als 80.000 zusätzliche Industrieroboter nötig. Der Berater Roman Rufow von TeDo rechnet mit durchschnittlich etwa 16.000 zusätzlichen Maschinen jährlich zwischen 2026 und 2030: ungefähr dem Sieben- bis Achtfachen des Bestandszuwachses von 2025.
Die IT-Konzerne liefern vor allem die Software
MTS Web Services, Rostelekom und der IT-Konzern T1 wollen an diesem Markt mitverdienen. Eigene Roboterfabriken stehen dabei zunächst nicht im Mittelpunkt. MWS setzt auf Software für unterschiedliche Roboterplattformen; T1 entwickelt eine Steuerungsplattform mit KI-Agenten. Rostelekom erprobt chinesische Roboter in Unternehmen.
Hinzu kommt das Modell „Robotics as a Service“: Kunden bezahlen für die Nutzung, während der Anbieter Wartung, Reparaturen und Software übernimmt. Das könnte die Einstiegshürde senken. Volkswirtschaftlich verschwinden die Investitionskosten dadurch allerdings nicht; sie werden zunächst vom Dienstleister getragen und über laufende Zahlungen refinanziert.
Daraus ergibt sich eine industriepolitische Unterscheidung: Mehr russische Software auf importierten Maschinen kann die Produktivität steigern, bedeutet aber noch keine unabhängige heimische Roboterproduktion.
Arbeitskräftemangel schafft noch keinen Auftrag
Warum bleibt die Umsetzung hinter dem Bedarf zurück? Rufow verweist auf eine TeDo-Untersuchung: 89 Prozent der befragten Unternehmen nannten Kosten und Verfügbarkeit der Finanzierung als Hindernis, 41 Prozent fehlende Kompetenzen und Integratoren, 33 Prozent Unsicherheit über die Rentabilität. Die Ergebnisse beschreiben die befragten Unternehmen, nicht automatisch die gesamte russische Industrie.
Ein weiterer Engpass liegt zwischen Einkauf und Betrieb. Nach einer Schätzung des Beratungsunternehmens Kept können die rund 120 russischen Integratoren zusammen etwa 3.000 Roboter jährlich einführen. Solche Dienstleister passen Maschinen und Steuerungen an konkrete Produktionsabläufe an. Ihre Kapazität lässt sich nicht allein durch zusätzliche Hardwareimporte vervielfachen.
Damit erklärt sich der scheinbare Widerspruch: Ein Betrieb kann dringend Personal benötigen und trotzdem einen Automatisierungsauftrag verschieben. Entscheidend ist, ob er die Umstellung finanzieren, technisch bewältigen und über eine verlässliche Auftragslage auslasten kann.
Förderung mit Zugangshürden
Der Staat versucht gegenzusteuern. Olga Mudrowa, Geschäftsführerin des Robotikverbands NAURR, beschreibt Zuschüsse von bis zu 20 Prozent der Kosten für Kauf und Integration, vergünstigte Finanzierungen und den Ausbau von Kompetenzzentren. Allerdings seien Förderangebote teilweise nur während begrenzter Bewerbungsfristen zugänglich. Hinzu kämen aufwendige Unterlagen und Zulassungsverfahren.
Für verschiedene Hilfen muss die Technik im Register russischer Industrieprodukte stehen. Damit entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen schneller Einführung verfügbarer Technik und dem Aufbau eigener Produktion. Mudrowa hält eine vollständige Lokalisierung kurzfristig für unwahrscheinlich. Sie plädiert dafür, kritische Komponenten im Inland zu fertigen und andere Lieferungen aus politisch befreundeten Ländern zu diversifizieren.
Aus dieser Perspektive ist die entscheidende Förderfrage nicht nur, wie viel Geld bereitsteht. Ebenso wichtig ist, ob die Bedingungen zu den Maschinen und Komponenten passen, die Unternehmen tatsächlich beschaffen können.
Auch künstliche Intelligenz braucht Fabrikpraxis
Oleg Schipitko, Leiter von Yandex Robotics, setzt auf „Physical AI“: lernende Systeme, die sich in wechselnden physischen Umgebungen zurechtfinden. Ein Lagerroboter soll beispielsweise nicht lediglich ein Regal transportieren, sondern einen Gegenstand erkennen, greifen und ablegen können.
Doch dafür fehlen nach seiner Darstellung große Mengen geeigneter Trainingsdaten. Während Sprachmodelle aus vorhandenen Textbeständen lernen können, müssen Roboterhandlungen häufig erst praktisch vorgeführt werden. Menschen steuern die Maschinen und demonstrieren die gewünschten Abläufe – ein kostspieliger Prozess. Schipitko sieht deshalb im Umfang realer Anwendungen einen entscheidenden Engpass.
Auch hier entsteht ein Kreislauf: Mehr produktiv eingesetzte Roboter liefern bessere Daten; bessere Modelle sollen wiederum zusätzliche Einsätze ermöglichen. Der Einstieg in diesen Kreislauf muss jedoch finanziert werden.
Entscheidend ist der Sprung vom Pilotprojekt zum Alltag
Aus den Berichten ergibt sich deshalb ein vorsichtigeres Bild als aus den großen Marktprognosen. Russland besitzt erheblichen Automatisierungsbedarf und Unternehmen, die daraus ein Geschäft entwickeln wollen. Ob daraus ein breiter Modernisierungsschub entsteht, entscheidet sich an wiederholbaren, bezahlbaren Anwendungen.
Der Erfolg wäre daran zu messen, ob auch mittelgroße Betriebe funktionierende Lösungen übernehmen können, ohne jedes Mal ein neues Entwicklungsprojekt beginnen zu müssen. Für die Produktivität zählt am Ende nicht die Zahl angekündigter Robotikplattformen, sondern die Arbeit, die Maschinen im betrieblichen Alltag zuverlässig übernehmen.

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