Beschädigte Exportterminals bremsen den Getreideabsatz, während die nächste Aussaat teurer wird. Die Regierung will mit Milliardenhilfen für Bahntransporte gegensteuern. Doch die Krise lässt sich nicht allein durch neue Transportwege lösen – und billigeres Getreide bedeutet für Verbraucher noch lange kein billigeres Brot.
Am Getreideterminal NKHP in Noworossijsk könnte die Wiederaufnahme der Verladung noch Monate dauern. Nach dem ukrainischen Drohnenangriff vom 12. August nennt das Unternehmen in seinem Finanzbericht vorläufig einen Zeitraum von einem bis vier Monaten, abhängig vom technischen Verfahren des Umschlags. Eine abschließende Schadensbewertung und ein verbindlicher Zeitplan liegen noch nicht vor. Die Anlagen sind versichert; das Management sieht den Fortbestand des Unternehmens nach eigener Einschätzung nicht gefährdet.
Die Reparaturprognose gilt für NKHP, nicht pauschal für den gesamten Hafen. Nach dem von der Moscow Times veröffentlichten Reuters-Bericht wurden bei dem Angriff alle drei Getreideterminals in Noworossijsk außer Betrieb genommen. Das Demetra-Terminal erlitt geringere Schäden; das Terminal der Delo-Gruppe blieb unbeschädigt, stellte den Betrieb aber ebenfalls ein.
NKHP verfügt über eine jährliche Umschlagskapazität von 7,1 Millionen Tonnen. Zusammen kommen die drei Anlagen auf mehr als 20 Millionen Tonnen. Es geht damit um einen bedeutenden Zugang zum Weltmarkt, nicht lediglich um ein örtliches Transportproblem.
Dabei sind technische Kapazität, tatsächliche Auslastung und verlorene Exportmenge auseinanderzuhalten. Aus vier Monaten möglicher Reparaturzeit lässt sich nicht einfach ein entsprechender Anteil des Jahresumschlags als endgültiger Verlust berechnen. Entscheidend sind mögliche Teilbetriebe, Umleitungen und spätere Nachlieferungen.
Die Ernte wird zum Liquiditätsproblem
Reksoft Consulting erwartet 2026 eine Getreideernte von 135 bis 137 Millionen Tonnen, drei bis sechs Prozent weniger als im Vorjahr. Weitaus schärfer fällt der Exportrückgang aus: Rusagrotrans prognostiziert für August nur 1,8 Millionen Tonnen Weizenausfuhren, rund 60 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
SovEcon beziffert den durchschnittlichen Inlandspreis für Weizen der vierten Klasse am 19. August auf 8.600 Rubel je Tonne, 36,3 Prozent weniger als einen Monat zuvor. Für Futterweizen berichtet Analyst Andrej Sisow von Verkäufen zu höchstens 5.000 Rubel bei durchschnittlich etwa 10.000 Rubel Produktionskosten. Diese besonders niedrigen Verkaufspreise sind kein Durchschnittswert für die gesamte Ernte.
Ökonomisch entsteht damit eine gefährliche Lage: Ein Betrieb kann über erhebliche Warenbestände verfügen und trotzdem seine laufenden Rechnungen nicht bezahlen. Eingelagertes Getreide ersetzt keinen Zahlungseingang. Wer Geld benötigt, muss möglicherweise einen Preis akzeptieren, der die Kosten nicht deckt.
Für die Herbstaussaat erwartet Reksoft wegen höherer Treibstoff- und Logistikkosten zugleich Mehrkosten von rund 20 Prozent. Das Ministerium meldet allerdings zunächst einen gegenüber dem Vorjahr schnelleren Aussaatfortschritt.
Ein guter Start beantwortet noch nicht die Frage, welche Flächen am Ende bestellt und mit welchem Aufwand bewirtschaftet werden. Die heutige Absatzkrise kann deshalb über die Finanzierung der nächsten Ernte weiterwirken.
Milliarden für Umwege
Am 27. August kündigte Ministerpräsident Michail Mischustin mehr als 9,5 Milliarden Rubel zur Subventionierung von Getreidetransporten auf der Schiene an. Nach dem Bericht von Agroinvestor sollen die Mittel an Eisenbahnunternehmen fließen und deren Kosten für Transporte zu vergünstigten Tarifen ausgleichen. Die Förderung soll Produzenten entlasten und die Erfüllung von Exportverpflichtungen erleichtern.
Die erweiterten Förderstrecken führen unter anderem zu Häfen am Schwarzen Meer, an der Ostsee und im Fernen Osten. Der Marktanalyst Wladimir Petritschenko von ProZerno warnt allerdings, dass nicht allein die Finanzierung entscheidend sei: Die Bahn müsse die zusätzlichen Mengen überhaupt bewältigen können, während auch andere Güter auf alternative Routen ausweichen.
Damit verschiebt sich ein Teil des Problems vom Preis zur verfügbaren Transportleistung. Ein verbilligter Bahntransport hilft nur, wenn Waggons, Strecken, Umschlagsanlagen und anschließende Schiffsverbindungen zusammenpassen.
Zusätzlich erwägt die Regierung laut Reuters die Abschaffung der Getreideexportabgabe. Als bereits beschlossene Maßnahme lässt sich dies auf Grundlage des Berichts nicht darstellen.
Eine Abgabenentlastung könnte die Rechnung eines Exportgeschäfts verbessern. Beschädigte Verladeanlagen oder fehlende Transportkapazitäten ersetzt sie jedoch nicht.
Warum Brot trotzdem teurer wird
Für Verbraucher ergibt sich ein zweiter scheinbarer Widerspruch. Während Getreide im Inland billiger wird, lagen die Einzelhandelspreise für Brot und Backwaren aus Weizenmehl im Juli nach den von Kommersant angeführten Rosstat-Daten 10,3 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Dmitri Semjonow, Präsident des russischen Bäckerverbandes, verweist auf die weiteren Produktionsstufen. Bäckereien kaufen Mehl, dessen Preis auch Energie, Transport, Löhne und Finanzierung enthält. Mehl wiederum mache je nach Produkt nur 18 bis 20 Prozent der Herstellungskosten von Brot aus. Teurere Lieferfahrten, Personal und Energie könnten eine Entlastung beim Rohstoff aufzehren.
Fallende Erzeugerpreise und steigende Verbraucherpreise schließen sich deshalb nicht aus. Sie können gleichzeitig auftreten, wenn der Absatz des Rohstoffs stockt und Verarbeitung sowie Verteilung teurer werden.
Der entscheidende Wettlauf
Für Russlands Getreidewirtschaft laufen nun zwei Uhren: die Reparatur und Neuorganisation der Exportwege sowie der landwirtschaftliche Kalender. Eine verspätete Lieferung lässt sich unter Umständen nachholen. Ein verpasstes Aussaatfenster lässt sich dagegen nicht beliebig verschieben.
Daran wird sich auch die Wirkung der Hilfen messen lassen: Kommt das Getreide rechtzeitig zu zahlenden Abnehmern, und erreicht das Geld die Betriebe rechtzeitig für ihre nächsten Arbeiten? Die zentrale Herausforderung besteht darin, aus vorhandener Ernte wieder verfügbares Betriebskapital zu machen.

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