Russlands Regierung rechnet für 2026 nur noch mit einem minimalen Wachstum der Wirtschaft. Nach Angaben von Vizepremier Alexander Nowak soll das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr lediglich um 0,4 Prozent zulegen. Damit fällt die neue Prognose deutlich niedriger aus als die bisherige Einschätzung des Wirtschaftsministeriums, das im September noch von 1,3 Prozent Wachstum für 2026 ausgegangen war.
Auch für die kommenden Jahre wurden die Erwartungen zurückgenommen. Für 2027 geht das Wirtschaftsministerium nun von 1,4 Prozent Wachstum aus, 2028 sollen es 1,9 Prozent werden, 2029 dann 2,4 Prozent. Zuvor hatte die Regierung für 2027 noch 2,8 Prozent und für 2028 2,5 Prozent Wachstum erwartet. Damit verschiebt sich die erhoffte Rückkehr zu höheren Wachstumsraten deutlich nach hinten.
Nowak sprach dennoch von einer „positiven Dynamik“ und stellte die neue Prognose als Phase der Stabilisierung dar. Nach seiner Darstellung soll sich das Wachstum nach dem schwachen Jahr 2026 schrittweise erholen. Die Inflation werde im laufenden Jahr voraussichtlich auf 5,2 Prozent sinken, nach 5,6 Prozent im Jahr 2025. Ab 2027 erwartet die Regierung eine Rückkehr zum Zielwert von vier Prozent. Nowak betonte, niedrige Inflation sei grundsätzlich ein Vorteil für Wirtschaft, Unternehmen und Verbraucher; zugleich müsse aber ein Gleichgewicht zwischen Preisstabilität und Wirtschaftswachstum gefunden werden.
Die Korrektur fällt in eine Phase, in der sich die russische Wirtschaft bereits sichtbar abgekühlt hat. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums schrumpfte das BIP im ersten Quartal 2026 um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Präsident Wladimir Putin hatte bereits Mitte April eingeräumt, dass die Wirtschaft unter den Erwartungen liege – sowohl unter denen unabhängiger Analysten als auch unter den eigenen Regierungsprognosen. Die Zentralbank erklärte die Abschwächung unter anderem mit Anpassungen an Steueränderungen, weniger Arbeitstagen und ungünstigen Wetterbedingungen.
The Bell bewertet die neuen Zahlen als deutlich schlechter als den bisherigen Regierungskurs. Noch im früheren Szenario war für 2026 ein BIP-Plus von 2,4 Prozent vorgesehen, später lag die offizielle Erwartung bei 1,3 Prozent. Nun sind es nur noch 0,4 Prozent. Auch andere Kennzahlen zeigen eine spürbare Abkühlung: Die realen verfügbaren Einkommen sollen 2026 nur noch um 1,6 Prozent steigen, nach 4,4 Prozent im Jahr 2025. Der reale Konsum soll sich auf 1,2 Prozent Wachstum verlangsamen, nach 4,0 Prozent im Vorjahr.
Hinzu kommen vorsichtige Annahmen für den Ölpreis. Im neuen Szenario wird für 2026 mit einem Urals-Preis von 59 Dollar pro Barrel gerechnet, für 2027 bis 2029 sogar nur noch mit 50 Dollar. Für einen Staatshaushalt, der weiterhin stark von Rohstoffeinnahmen abhängt und zugleich hohe Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit tragen muss, verschärft das den Spielraum. Nowak nannte die Haushaltsbalancierung unter Bedingungen sinkender Einnahmen und steigender Ausgaben ausdrücklich als zentrale Aufgabe.
Nach Angaben des Finanzministeriums belief sich das Haushaltsdefizit von Januar bis April bereits auf 5,88 Billionen Rubel und lag damit fast doppelt so hoch wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Offiziell wird dies mit einer vorgezogenen Finanzierung von Ausgaben erklärt. Zusammen mit dem schwächeren Wachstum zeigt die Entwicklung aber, dass die russische Wirtschaft nach den starken Kriegs- und Staatsausgabenjahren an Tempo verliert.
Nowak versuchte, diesen Rückgang nicht als strukturelle Grenze des bisherigen Wachstumsmodells erscheinen zu lassen. Er sprach von einer Korrektur nach einer Phase hohen Wachstums und verwies auf einen „großen Sicherheitspuffer“ der Wirtschaft. Zugleich nannte er aber eine Reihe von Belastungen: Fachkräftemangel, Sanktionen, Ungleichgewichte im Haushalt und die weiterhin harte Geldpolitik der Zentralbank.
Die russische Zentralbank bleibt mit ihrer eigenen Prognose etwas weniger pessimistisch als die Regierung. Sie erwartet für 2026 bislang ein Wachstum zwischen 0,5 und 1,5 Prozent. Sberbank senkte ihre Prognose zuletzt auf 0,5 bis 1,0 Prozent. Die neue Regierungszahl von 0,4 Prozent liegt damit am unteren Rand der bisherigen Erwartungsspanne und signalisiert, dass Moskau sich auf eine längere Phase sehr schwachen Wachstums vorbereitet.
Für Russland bedeutet das: Die Wirtschaft wächst offiziell weiter, aber nur noch knapp. Der Spielraum für reale Einkommenszuwächse, Investitionen und Konsum wird enger. Die Regierung setzt darauf, dass die Inflation sinkt und ab 2027 wieder etwas mehr Wachstum möglich wird. Ob diese Erholung gelingt, dürfte vor allem davon abhängen, wie lange hohe Staatsausgaben, Arbeitskräftemangel, Sanktionen und eine restriktive Geldpolitik gleichzeitig auf die Wirtschaft drücken.

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