Engpass bei AI-95-Benzin: Russlands Treibstoffmarkt geht angespannt in die Reisesaison

Engpass bei AI-95-Benzin: Russlands Treibstoffmarkt geht angespannt in die Reisesaison

Auf dem russischen Treibstoffmarkt zeichnet sich vor Beginn der sommerlichen Reisesaison ein Engpass bei Benzin der Sorte AI-95 ab. Nach Angaben von Kommersant übersteigt die Nachfrage nach dieser Benzinsorte bereits deutlich das verfügbare Angebot an der Börse. Gründe sind außerplanmäßige Reparaturen in Raffinerien, eine geringere Rohölverarbeitung und der saisonale Anstieg des Verbrauchs.

Nach Daten des Nationalen Börsenpreis-Agentur wurden am 8. Mai insgesamt 32.640 Tonnen Benzin verkauft, 5,9 Prozent weniger als am vorherigen Handelstag. Davon entfielen 20.340 Tonnen auf AI-92 und 12.240 Tonnen auf AI-95. Zugleich lag die unbefriedigte zahlungsfähige Nachfrage deutlich höher: bei 23.460 Tonnen für AI-92 und 26.340 Tonnen für AI-95. The Bell fasst die Zahlen so zusammen, dass auf der Börse rund 50.000 Tonnen Benzin weniger verkauft wurden, als nachgefragt waren.

Branchenvertreter sprechen vor allem bei AI-95 von einem sich verfestigenden Angebotsdefizit. Im Sommer steigt die Nachfrage nach dieser Sorte gewöhnlich stärker als nach AI-92, weil viele Reisende Fahrzeuge nutzen, die auf 95er-Benzin ausgelegt sind. Hinzu kommt nach Einschätzung von Marktteilnehmern eine strukturelle Veränderung des russischen Fahrzeugbestands: Durch den massenhaften Import und Verkauf chinesischer Autos wächst der Anteil von Fahrzeugen, die empfindlicher auf Kraftstoffqualität reagieren und häufiger AI-95 benötigen.

Die Raffinerien stehen unter Druck. Nach Angaben von Kommersant sind außerplanmäßige Reparaturen großer Anlagen und eine insgesamt geringere Produktion von Ölprodukten zentrale Ursachen der Verknappung. Ölkonzerne würden in dieser Situation zunächst ihre eigenen Tankstellennetze und Vertriebsstrukturen versorgen. Unabhängige Marktteilnehmer haben es deshalb schwerer, ausreichend Mengen über die Börse oder im Großhandel zu bekommen.

The Bell verweist zusätzlich auf den Rückgang der Ölverarbeitung in Russland. Dieser sei vor allem eine Folge ukrainischer Drohnenangriffe auf Raffinerien. Unter Berufung auf Bloomberg schreibt das Medium, die Verarbeitung sei im April auf 4,69 Millionen Barrel pro Tag gefallen – den niedrigsten Wert seit 2009. Diese Entwicklung verschärft die Lage auf einem Markt, der ohnehin in die saisonale Hochphase geht.

Offiziell geben sich die Behörden dennoch beruhigt. Die Föderale Antimonopolbehörde FAS erklärte gegenüber Kommersant, Beschwerden über Benzinmangel seien bislang nicht eingegangen, ein Defizit werde nicht beobachtet. Auch das Energieministerium spricht von einer stabilen und kontrollierten Situation. Der Binnenmarkt sei ausreichend mit hellen Ölprodukten versorgt, die Logistik funktioniere, regionale Versorgungsunterbrechungen seien nicht festgestellt worden. Als stabilisierende Maßnahmen verweist das Ministerium unter anderem auf das Exportverbot für Benzin und die Beschränkung von Diesel-Exporten für Nichtproduzenten.

An der Börse sind die Preise bisher nur begrenzt gestiegen. Am 8. Mai verteuerte sich AI-92 im europäischen Teil Russlands um 0,01 Prozent auf 65.990 Rubel pro Tonne, AI-95 um 0,16 Prozent auf 71.890 Rubel pro Tonne. Die geringe Bewegung erklärt sich allerdings auch durch staatliche Preisregulierung und Mechanismen, die starke Ausschläge begrenzen. Im außerbörslichen Großhandel sieht die Lage anders aus: Dort werden nach Angaben von Marktteilnehmern bereits Aufschläge von rund zehn Prozent gegenüber dem Börsenpreis verlangt – und selbst zu diesen Preisen sei AI-95 schwer zu bekommen.

Ein Branchenvertreter sagte Kommersant, der Kauf von AI-95 an der Börse werde „äußerst schwierig“. Die Nachfrage übersteige das Angebot um ein Vielfaches, möglicherweise um mehr als das Zehnfache. Gleichzeitig haben sich die Lieferfristen verlängert. Nach Einschätzung eines Marktteilnehmers dauern Auslieferungen inzwischen im Schnitt zwei bis vier Wochen länger. Außerplanmäßige Reparaturen an großen Raffinerien könnten mindestens einen Monat beanspruchen.

Trotzdem sehen Experten die Lage noch nicht als kritisch. Der Analyst Andrej Djatschenko von „Proleum“ verweist darauf, dass der tatsächliche Kraftstoffabsatz an Tankstellen derzeit sieben bis zehn Prozent unter dem Vorjahresniveau liege. Die vorhandenen Vorräte und laufenden Kapazitäten reichten bislang aus, um die Endnachfrage zu decken. Das Problem konzentriert sich demnach weniger auf die großen integrierten Tankstellennetze der Ölkonzerne, sondern vor allem auf den Börsenkanal und unabhängige Anbieter.

Für Verbraucher muss der Engpass deshalb nicht sofort leere Zapfsäulen bedeuten. Er zeigt aber, wie empfindlich der russische Treibstoffmarkt geworden ist. Sinkende Raffinerieauslastung, Reparaturen, Exportbeschränkungen, staatlich gebremste Preise und eine veränderte Fahrzeugflotte treffen auf die bevorstehende Urlaubssaison. Wenn die Raffinerieprobleme länger anhalten oder die Nachfrage im Sommer stärker steigt als erwartet, könnte aus dem Börsenengpass bei AI-95 ein breiteres Preis- und Versorgungsproblem werden.

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