Russlands Ölexporte über See steigen auf Jahreshoch – doch die Einnahmen sinken

Russlands Ölexporte über See steigen auf Jahreshoch – doch die Einnahmen sinken

Russland hat seine Ölexporte über See auf den höchsten Stand seit Jahresbeginn gesteigert. Nach Berechnungen von Bloomberg, über die Kommersant und The Bell berichten, lagen die Lieferungen in der Woche bis zum 21. Juni bei durchschnittlich 4,11 Millionen Barrel pro Tag. Das ist der höchste Wochenwert des laufenden Jahres.

Insgesamt wurden in dieser Woche 28,79 Millionen Barrel russisches Rohöl auf 38 Tanker verladen. In der Vorwoche waren es 27,29 Millionen Barrel auf 37 Schiffen gewesen. Auch der Vierwochendurchschnitt legte deutlich zu: Er erreichte 3,89 Millionen Barrel pro Tag. Seit Jahresbeginn liegt der entsprechende Wert bei 3,52 Millionen Barrel täglich – und damit über den durchschnittlichen Jahreswerten seit Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022.

Auf den ersten Blick zeigt sich damit, dass Russlands Ölwirtschaft trotz Sanktionen, Preisdeckel, Versicherungsbeschränkungen und logistischer Umwege weiter in der Lage ist, große Mengen Rohöl auf den Weltmarkt zu bringen. Besonders stark legten die Lieferungen nach Asien zu. Sie erreichten nach Bloomberg-Angaben 3,73 Millionen Barrel pro Tag und damit den höchsten Stand seit 2022. In diese Zahl fließen Lieferungen nach China und Indien ebenso ein wie Tanker, deren endgültiges Ziel zunächst nicht eindeutig bekannt ist.

Gerade dieser letzte Punkt relativiert jedoch die scheinbare Eindeutigkeit der Zahlen. Für China und Indien einzeln wurden zuletzt niedrigere Werte genannt: 1,11 Millionen Barrel pro Tag für China und 0,64 Millionen Barrel pro Tag für Indien. Zugleich stieg das Volumen der Tanker ohne bestätigten Endhafen auf 1,95 Millionen Barrel täglich. Die endgültige geografische Verteilung der Lieferungen wird daher erst später sichtbar, wenn Schiffe ihre Routen offenlegen oder entladen.

Ein Teil des Exportanstiegs dürfte mit ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerien zusammenhängen. Rohöl, das nach Schäden oder Produktionsausfällen nicht im Inland verarbeitet werden kann, wird offenbar vermehrt im Rohzustand ausgeführt. Das stärkt kurzfristig die Exportmengen, sagt aber noch nichts über die Ertragslage aus.

Denn finanziell fällt die Bilanz weniger günstig aus. Die geschätzte durchschnittliche wöchentliche Bruttoeinnahme aus dem seegestützten Rohölexport sank im Vierwochenschnitt von 2,02 Milliarden Dollar auf 1,72 Milliarden Dollar. Die Mengen steigen also, während die Erlöse fallen. Ursache sind niedrigere Ölpreise und Preisabschläge auf russische Sorten.

Nach Angaben von Argus Media verbilligte sich Urals im Ostseeraum innerhalb von vier Wochen um 8,10 Dollar auf 69,98 Dollar je Barrel. Urals im Schwarzen Meer fiel um 7,90 Dollar auf 69,37 Dollar. Die Sorte ESPO aus dem Pazifikraum sank um 7,40 Dollar auf 79,87 Dollar je Barrel. Auch der Lieferpreis für indische Käufer ging weiter zurück und fiel die neunte Woche in Folge.

Hinzu kommt neue Konkurrenz. Nach der Öffnung des Hormus-Prolaufs und vorläufigen Vereinbarungen zwischen den USA und Iran kann mehr iranisches Öl auf den Markt gelangen. Einige iranische Sorten gelten als Ersatz für russische Urals-Lieferungen, insbesondere für indische Raffinerien. Damit wächst der Preisdruck auf russische Anbieter zusätzlich.

Für Moskau ergibt sich daraus ein gemischtes Bild. Die Sanktionen haben den russischen Ölfluss über See nicht gestoppt. Die Tankerlogistik funktioniert, Umleitung über asiatische Märkte bleibt möglich, und die Exportmenge erreichte ein neues Jahreshoch. Doch die entscheidende Frage ist nicht nur, ob Öl verkauft wird, sondern zu welchem Preis. Der jüngste Anstieg der Mengen fällt mit sinkenden Einnahmen zusammen.

Damit bleibt Russlands Ölexport ein Beispiel für die Anpassungsfähigkeit einer sanktionierten Rohstoffwirtschaft – aber auch für ihre Grenzen. Physisch findet das Öl weiter Abnehmer. Ökonomisch muss Russland jedoch mit Rabatten, unsicheren Routen, wachsender Konkurrenz und schwankenden politischen Ausnahmeregelungen leben. Auf den Meeren läuft also vieles weiter. Ob es sich im Staatshaushalt ebenso gut anfühlt, ist eine andere Frage.

Wie die Financial Times berichtet, ist der Ölpreis ist wieder auf das Niveau am Tag vor Beginn der Bombardements des Iran durch amerikanische und israelische Streitkräfte zurückgekehrt. Der Preis für die Referenzsorte Brent sei auf 72,40 Dollar pro Barrel gefallen. Dies liegt unter dem Schlusskurs vom 27. Februar (72,48 Dollar).

 

Experten gehen davon aus, dass der Ölpreis nach dem Abtransport der im Golf gestauten Ladungen – in etwa einem Monat – wieder steigen könnte.  Im Oktober soll der Ölmarkt wieder ins Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zurückfinden, sofern der Friedensprozess nicht scheitert.

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