In Russland mehren sich die Anzeichen für eine angespannte Lage auf dem Treibstoffmarkt. Von einer landesweiten Benzinkrise spricht die Regierung nicht. Doch in mehr als 20 Regionen wurden inzwischen Einschränkungen beim Verkauf von Benzin oder Diesel eingeführt – teils mit Literlimits pro Fahrzeug, teils mit Verboten, Kraftstoff in Kanister abzugeben. Offiziell ist häufig von „vorbeugenden Maßnahmen“, „logistischen Schwierigkeiten“ oder „übermäßiger Nachfrage“ die Rede.
Die Entwicklung trifft Russland mitten in der Reisesaison und kurz vor wichtigen Versorgungsphasen für abgelegene Regionen. Betroffen sind nach Berichten russischer Medien unter anderem die Krim, Sewastopol, mehrere Grenzregionen, Gebiete in Zentralrussland, Sibirien und im Ural. Auch im fernen Osten und in nördlichen Regionen wird die Versorgungslage besonders aufmerksam beobachtet, weil dort Transportwege stark von Wetter, Saison und Logistik abhängen.
Der Wirtschaftszeitung „Kommersant“ zufolge begann sich die Lage auf dem Treibstoffmarkt Ende Mai zu verschärfen. Als Grund wird ein Rückgang des Angebots genannt. Die Verkäufe von Benzin an der Börse seien im Juni deutlich niedriger ausgefallen als ein Jahr zuvor. Große vertikal integrierte Ölkonzerne versorgten demnach vorrangig ihre eigenen Tankstellennetze, während unabhängige Anbieter stärker unter höheren Einkaufspreisen und fehlender Ware litten.
Ein Beispiel für die inzwischen erreichte Nervosität liefert Nord-Kurilsk auf Sachalin. Dort wurden am Donnerstag vorsorglich Limits beim Kraftstoffverkauf eingeführt. Die lokale Verwaltung betonte, es gebe keinen tatsächlichen Mangel, sprach aber zugleich von einem „unbegründeten Ansturm“ auf die Tankstelle. Vorerst dürfen nur 20 Liter pro Person abgegeben werden, Kanister werden nicht befüllt. Nach Eintreffen der nächsten Lieferung soll das Limit auf 30 Liter steigen.
In anderen Regionen sind die Beschränkungen drastischer. Auf der Krim war der freie Verkauf von Treibstoff zeitweise stark eingeschränkt worden. In mehreren Gebieten wurden Obergrenzen von 30 oder 40 Litern Benzin pro Fahrzeug festgelegt. Auf Fernstraßen gelten teils höhere Limits für Diesel, weil Lastwagen und Versorgungsverkehr nicht zum Erliegen kommen sollen. Die Behörden betonen fast überall, es gehe darum, Hamsterkäufe, Spekulation und lokale Engpässe zu verhindern.
Parallel steigen die Preise. Nach Angaben von Rosstat verteuerte sich Benzin in Russland in der Woche vom 16. bis 22. Juni im Durchschnitt um 3 Prozent, Diesel um 2,7 Prozent. In einzelnen Regionen fiel der Anstieg deutlich stärker aus. Besonders kräftig legten die Preise in Dagestan und Tschetschenien zu. Im Landesdurchschnitt kostete AI-92 demnach 67,54 Rubel pro Liter, AI-95 73,20 Rubel.
Finanzminister Anton Siluanow wies den Eindruck eines Preissprungs dennoch zurück. Nach seiner Darstellung gebe es keinen landesweiten „Sprung“ der Benzinpreise. Steigende Preise beträfen vor allem unabhängige Tankstellen, während die Preise bei den systemrelevanten großen Anbietern nur geringfügig gestiegen seien. Diese Darstellung passt zur Regierungslinie: Die Lage sei schwierig, aber beherrschbar.
Vizepremier Alexander Nowak berichtete Präsident Wladimir Putin, die Regierung habe Maßnahmen zur zusätzlichen Versorgung des Binnenmarkts vorbereitet. Besonders im Blick stehen demnach die Krim, Sewastopol, Grenzregionen, Kaliningrad, der Ferne Osten und Gebiete mit schwieriger Logistik. Nowak erklärte, die Regierung prüfe zudem ein vollständiges Exportverbot für Diesel. Für Benzin und Flugkerosin gelten bereits Exportbeschränkungen.
Die Antimonopolbehörde FAS wurde angewiesen, die Preisbildung auf dem Tankstellenmarkt verstärkt zu kontrollieren. In mehreren Fällen wurden Anfragen an Tankstellenbetreiber gerichtet oder Verfahren gegen Händler eingeleitet. Auch regionale Behörden melden operative Stäbe, Preisüberwachung und Absprachen mit Mineralölunternehmen.
Unterschiedlich bewerten russische und oppositionelle Medien die Ursachen der Krise. Regierungsnahe Darstellungen betonen vor allem saisonal steigende Nachfrage, Logistikprobleme, Spekulation und den Versuch einzelner Verbraucher, sich Vorräte anzulegen. Unabhängige Medien verweisen stärker auf ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien und Treibstoffinfrastruktur. Mehrere Raffinerien mussten nach solchen Angriffen die Produktion zeitweise drosseln oder unterbrechen. Der Chef von Rosneft, Igor Setschin, soll in einem Schreiben an Putin von einer ungewöhnlich hohen Zahl beschädigter Raffinerien gesprochen haben.
Damit verdichtet sich ein Bild, das für den russischen Alltag politisch und wirtschaftlich sensibel ist. Russland ist einer der größten Ölproduzenten der Welt, doch Raffineriekapazitäten, Logistik, Börsenmechanismen und regionale Versorgung sind nicht dasselbe wie Rohölreserven. Wenn Raffinerien ausfallen, Bahn- und Straßenlogistik überlastet sind und große Konzerne ihre eigenen Netze bevorzugen, können lokale Engpässe auch in einem rohstoffreichen Land schnell sichtbar werden.
Noch ist offen, ob sich daraus eine echte landesweite Benzinkrise entwickelt. Derzeit spricht mehr für ein Mosaik regionaler Engpässe, Preisstress und vorsorglicher Rationierungen als für einen allgemeinen Versorgungskollaps. Doch gerade diese Mischung ist für die Behörden unangenehm: Schon der Eindruck von Knappheit kann Hamsterkäufe auslösen und die Lage verschärfen. Deshalb bemüht sich Moskau, Kontrolle zu demonstrieren – mit Exportverboten, Preisaufsicht, zusätzlichen Lieferungen und der wiederkehrenden Botschaft, es gebe keine Panik.
Für viele Autofahrer in Russland dürfte der Unterschied zwischen „Krise“ und „logistischen Schwierigkeiten“ allerdings zweitrangig sein. Entscheidend ist, ob an der nächsten Tankstelle Benzin verfügbar ist – und zu welchem Preis.

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