Moskau verweist gern auf seine geringe Staatsverschuldung. Doch nach Berechnungen von Bloomberg wird der Schuldendienst für Russland in den kommenden Jahren deutlich teurer. Der Krieg, hohe Zinsen und der weitgehend geschlossene Zugang zu ausländischen Kapitalmärkten treiben den Staat immer stärker in teure Inlandsanleihen.
Russlands Staatsführung nennt die vergleichsweise niedrige Staatsschuld regelmäßig als Beleg für die Stabilität der eigenen Wirtschaft. Tatsächlich liegt die russische Schuldenquote weit unter der vieler westlicher Staaten. Doch diese Zahl erzählt nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist inzwischen nicht nur, wie hoch der Schuldenstand ist, sondern wie teuer seine Bedienung wird.
Nach Berechnungen von Bloomberg Economics, über die The Bell berichtet, könnte Russland in den kommenden zehn Jahren allein für die Bedienung seiner Staatsschulden eine Summe aufbringen müssen, die etwa 15 Prozent eines jährlichen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Das ist fast so viel wie der heutige gesamte staatliche Schuldenstand, der bei rund 16,5 Prozent des BIP liegt.
Der Grund liegt vor allem in der veränderten Finanzierungsstruktur. Wegen der Sanktionen und des weitgehend geschlossenen Zugangs zu internationalen Kapitalmärkten muss sich Russland stärker im Inland finanzieren. Das geschieht vor allem über OFZ-Staatsanleihen. Diese sind für den Staat jedoch teuer, weil ihre Renditen hoch bleiben und sich stark am Leitzins sowie an den Erwartungen der Investoren orientieren.
Damit schlägt die Hochzinspolitik doppelt auf die russische Wirtschaft durch. Sie verteuert nicht nur Kredite für Unternehmen und Verbraucher, sondern auch die Finanzierung des Staates. Während die Zentralbank hohe Zinsen zur Inflationsbekämpfung verteidigt, wächst auf der Haushaltsseite der Druck. Je länger der Staat zu hohen Renditen neue Schulden aufnehmen muss, desto stärker frisst der Schuldendienst künftige Ausgabenräume auf.
Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Vergleich zu den Vorkriegsjahren. 2021 entfielen nach Bloomberg etwa 4,5 Prozent der föderalen Ausgaben auf die Bedienung staatlicher Schulden. Inzwischen liegt dieser Anteil bei fast neun Prozent. Der Schuldendienst ist damit zu einem der großen Ausgabenposten im russischen Haushalt geworden — hinter Verteidigung, nationaler Sicherheit, Sozialpolitik und nationaler Wirtschaft.
Hinzu kommt der Kriegshaushalt. Bloomberg zufolge muss Russland allein in diesem Jahr zusätzlich zwei bis drei Billionen Rubel aufnehmen, vor allem über den heimischen Anleihemarkt. Offiziell bleibt die russische Staatsverschuldung damit immer noch niedrig. Doch die Finanzierung des Defizits wird schwieriger und teurer.
Die Entwicklung relativiert auch Putins wiederholten Hinweis, Russland stehe mit seiner geringen Staatsschuld besser da als viele westliche Länder. Formal stimmt das. Russland ist nicht hoch verschuldet wie etwa Italien, Griechenland oder Frankreich. Aber die Zinslast wächst in einem Umfeld, in dem Moskau kaum noch günstig im Ausland refinanzieren kann und der Staat zugleich enorme Kriegsausgaben tragen muss.
Für die Wirtschaft entsteht dadurch ein weiterer Verdrängungseffekt. Banken kaufen Staatsanleihen, nutzen diese als Sicherheiten bei der Zentralbank und leiten damit Liquidität in den Staatshaushalt, statt sie in großem Umfang der zivilen Realwirtschaft zur Verfügung zu stellen. Das stabilisiert kurzfristig die Finanzierung des Staates, kann aber Investitionen außerhalb des militärisch-industriellen Komplexes zusätzlich bremsen.
Damit zeigt sich eine der weniger sichtbaren Kosten des Krieges. Russland geht nicht plötzlich das Geld aus. Der Staat kann weiterhin Anleihen platzieren, Reserven nutzen und Ausgaben umschichten. Aber die Finanzierung wird unbequemer. Die niedrige Staatsschuld bleibt ein Vorteil — doch sie verliert an politischer Strahlkraft, wenn ihre Bedienung immer teurer wird.
Für die Zentralbank verschärft diese Lage den Zielkonflikt. Senkt sie den Leitzins schneller, könnte sie den Staatshaushalt und die Unternehmen entlasten, riskiert aber neue Inflationsimpulse. Hält sie die Zinsen hoch, bremst sie zwar die Teuerung, verteuert aber zugleich die Schuldenaufnahme und belastet die zivile Wirtschaft.
So wird der Schuldendienst zu einem neuen Gradmesser für den Zustand der russischen Kriegsökonomie. Nicht die absolute Höhe der Schulden ist derzeit das Hauptproblem, sondern der Preis, den Russland für neue Schulden zahlen muss. Ausgerechnet die niedrige Verschuldung, lange als Symbol makroökonomischer Stärke präsentiert, wird damit zu einem Puffer, der im Krieg zunehmend aufgebraucht wird.

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