Russische Industrielobby fordert deutlichere Leitzinssenkung

Russische Industrielobby fordert deutlichere Leitzinssenkung

Russlands Unternehmerverband RSPP drängt die Zentralbank zu einer schnelleren Lockerung der Geldpolitik. Verbandschef Alexander Schochin fordert für die Sitzung am 19. Juni eine Senkung des Leitzinses um einen Prozentpunkt auf 13,5 Prozent. Die Zentralbank signalisiert dagegen bisher Vorsicht.

Vor der nächsten Leitzinsentscheidung der russischen Zentralbank am 19. Juni hat der Präsident des Russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer, Alexander Schochin, eine deutlichere Senkung des Leitzinses gefordert. Derzeit liegt der Schlüsselsatz bei 14,5 Prozent. Nach Schochins Vorstellung sollte er auf der anstehenden Sitzung um einen Prozentpunkt auf 13,5 Prozent gesenkt werden.

Schochin begründete die Forderung mit der abnehmenden Inflation und einer zunehmenden Belastung der Unternehmen durch hohe Finanzierungskosten. Die russische Wirtschaft dürfe nicht „endgültig einfrieren“, sagte er sinngemäß. Der Wirtschaft reiche inzwischen kein vorsichtiges „Tauwetter“ mehr, sie brauche „sommerliche Wärme“. Nach Angaben von Kommersant verwies Schochin dabei auf eine Verlangsamung der Inflation auf 5,31 Prozent im Mai. Vor diesem Hintergrund sei eine Zinssenkung um einen Prozentpunkt ein logischer Schritt.

Der Unternehmerverband argumentiert nicht nur mit der Inflation. Schochin verweist auch auf eine abkühlende Nachfrage, anhaltende Probleme mit Zahlungsausfällen und eine Kürzung von Investitionsprogrammen in Unternehmen. Auch der Staatshaushalt werde durch das aktuelle Zinsniveau belastet, weil die Kosten für den Schuldendienst steigen. Für die Wirtschaft seien vor allem Berechenbarkeit und ein klares Signal der Behörden wichtig.

Die russische Zentralbank hatte den Leitzins zuletzt am 24. April um 0,5 Prozentpunkte von 15 auf 14,5 Prozent gesenkt. Es war bereits die achte Senkung in Folge, nachdem der Leitzins im Juni 2025 noch bei 20 Prozent gelegen hatte. Der Lockerungszyklus ist damit zwar eindeutig, doch das Tempo bleibt umstritten.

Gerade an diesem Punkt liegt der Konflikt. Die Unternehmen wollen einen schnelleren Ausstieg aus der Hochzinsphase, weil teure Kredite Investitionen bremsen und die Nachfrage schwächen. Die Zentralbank dagegen fürchtet offenbar, durch zu schnelle Schritte neue Inflationsrisiken auszulösen. Ihr stellvertretender Vorsitzender Alexej Sabotkin hatte Anfang Juni erklärt, der Spielraum für eine Zinssenkung im Juni habe sich nicht vergrößert. Laut Expert war von der Zentralbank sogar nur ein möglicher Schritt von 0,25 Prozentpunkten ins Spiel gebracht worden.

Die Debatte zeigt, in welcher Lage sich die russische Wirtschaft inzwischen befindet. Einerseits geht die Inflation zurück, und hohe Zinsen belasten Unternehmen wie Haushalt. Andererseits ist das Vertrauen der Zentralbank in eine stabile Entspannung offenbar begrenzt. Für viele Firmen ist der Leitzins nicht nur eine abstrakte Kennziffer, sondern ein unmittelbarer Kostenfaktor: Investitionen werden verschoben, Betriebsmittelkredite verteuern sich, und schwächere Nachfrage kann Zahlungsketten zusätzlich belasten.

Ob die Zentralbank dem Druck der Industrielobby folgt, entscheidet sich am 19. Juni. Eine Senkung gilt angesichts des bisherigen Kurses nicht als Überraschung. Offen ist aber, ob sie symbolisch klein ausfällt oder ob der Regulator dem von Schochin geforderten stärkeren Signal folgt. Für die russische Wirtschaft wäre eine Senkung auf 13,5 Prozent ein Zeichen, dass die Phase der sehr straffen Geldpolitik schneller auslaufen könnte. Für die Zentralbank wäre sie zugleich ein Risiko: Sie müsste erklären, warum der Kampf gegen die Inflation eine stärkere Lockerung bereits zulässt.

Kommentare