Russlands Kraftstoffmarkt unter Druck: Kerosin-Export gestoppt, Diesel-Verbot diskutiert, Benzin auf der Krim rationiert

Russlands Kraftstoffmarkt unter Druck: Kerosin-Export gestoppt, Diesel-Verbot diskutiert, Benzin auf der Krim rationiert

Russland verschärft seine Eingriffe in den Kraftstoffmarkt. Nach Benzin und Diesel hat die Regierung nun erstmals auch den Export von Flugkerosin eingeschränkt. Gleichzeitig werden nach russischen Medienberichten weitere Maßnahmen vorbereitet, um Benzin und Diesel im Inland zu halten. Der Hintergrund ist eine wachsende Anspannung auf dem Kraftstoffmarkt: sinkende Raffinerieverarbeitung, geringere Börsenmengen, steigende Preise an Tankstellen und regionale Engpässe – besonders auf der annektierten Krim und in Sewastopol.

Die russische Regierung verbot zum 1. Juni den Export von Flugkerosin bis zum 30. November. Offiziell soll die Maßnahme die stabile Versorgung des Binnenmarktes sichern. Ausnahmen gelten unter anderem für bereits verzollte Lieferungen, für Treibstoff in technischen Tanks von Flugzeugen sowie für Lieferungen im Rahmen zwischenstaatlicher Abkommen. Verkehrsminister Andrej Nikitin betonte, von einem Mangel an Flugtreibstoff könne keine Rede sein. Für die Fluggesellschaften sei die Versorgung gesichert.

Gerade diese Beschwichtigung zeigt jedoch, wie empfindlich die Lage geworden ist. Bislang hatte Moskau vor allem den Export von Benzin und Diesel beschränkt. Dass nun auch Flugkerosin unter Exportkontrolle fällt, ist ein Novum. Fachleute verweisen auf mehrere Faktoren: die traditionell höhere Nachfrage im Sommer, steigende internationale Preise für Ölprodukte infolge der Nahostkrise, ungeplante Reparaturen in Raffinerien – und die Folgen ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Ölverarbeitungsanlagen.

Nach Berechnungen, auf die sich The Bell unter Berufung auf Bloomberg stützt, wurden im Mai mindestens 16 Angriffe auf russische Raffinerien registriert – so viele wie noch nie seit Beginn des großangelegten Krieges gegen die Ukraine. Insgesamt seien im Mai mindestens 30 Angriffe auf Objekte der russischen Ölinfrastruktur erfolgt. Betroffen gewesen sein sollen acht der zehn größten Raffinerien des Landes. Die Auslastung der russischen Raffinerien sei dadurch auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2009 gefallen: Nach Schätzungen des Analysehauses OilX lag die Verarbeitung im Mai bei etwa 4,58 Millionen Barrel pro Tag, rund 13 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Besonders problematisch ist, dass sich die Angriffstaktik offenbar verändert hat. Während frühere Treffer häufig primäre Verarbeitungsanlagen betrafen, die vergleichsweise schneller repariert werden konnten, geraten nun zunehmend technisch komplexere Sekundäranlagen ins Visier. Deren Wiederherstellung ist kostspieliger, dauert länger und wird durch westliche Sanktionen gegen die Lieferung von Spezialtechnik erschwert.

Die Folgen zeigen sich inzwischen im Handel. Laut Berichten unter Berufung auf Marktdaten der Petersburger Rohstoffbörse gingen die Verkäufe von Benzin A-95 in der letzten Maiwoche im Vergleich zum Durchschnitt seit Jahresbeginn um 43 Prozent zurück. Bei A-92 betrug der Rückgang 26 Prozent, bei Diesel 17 Prozent. Damit trifft die Verknappung nicht nur einzelne Regionen, sondern auch den zentralen Preisbildungsmechanismus des russischen Kraftstoffmarktes. Besonders anfällig sind unabhängige Tankstellenketten, die stärker auf Börsenkäufe angewiesen sind als die großen vertikal integrierten Ölkonzerne.

Die Regierung reagiert mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen. Vizepremier Alexander Nowak soll die zuständigen Ministerien angewiesen haben, zusätzliche Schritte zur Sättigung des Binnenmarktes auszuarbeiten. Diskutiert werden unter anderem höhere Benzinlieferungen aus Belarus, die Verlängerung zollfreier Benzinimporte bis Juni 2027, höhere Ausgleichszahlungen über den sogenannten Importdämpfer sowie steuerliche Erleichterungen für die Herstellung von A-95 durch Beimischung oktanerhöhender Zusätze. Zugleich wird ein vollständiges Exportverbot für Benzin für zwei Monate erwogen – einschließlich solcher Lieferungen, die bisher im Rahmen zwischenstaatlicher Abkommen von Beschränkungen ausgenommen waren. Auch ein weitergehendes Diesel-Exportverbot steht zur Debatte.

Ein vollständiger russischer Diesel-Exportstopp hätte nicht nur innenpolitische, sondern auch internationale Folgen. Russland gehört weiterhin zu den wichtigsten Exporteuren von Dieselkraftstoff. Nach Einschätzungen, die RBC und The Bell zitieren, entfällt auf Russland ein sehr großer Anteil des weltweiten Dieselhandels. Ein Exportverbot könnte daher nicht nur den russischen Binnenmarkt entlasten, sondern auch den internationalen Markt verengen und Preisdruck erzeugen.

Im Inland sind die ersten Folgen bereits für Verbraucher sichtbar. In Moskau stiegen die Preise an Tankstellen zuletzt spürbar. Nach Angaben der Moskauer Kraftstoffassoziation verteuerte sich Diesel innerhalb einer Woche um 56 Kopeken auf 78,49 Rubel pro Liter. A-95 stieg um 35 Kopeken auf 71,46 Rubel, A-92 um 24 Kopeken auf 64,67 Rubel. Seit Jahresbeginn summieren sich die Preissteigerungen bei A-95 und Diesel bereits auf rund drei Rubel pro Liter. Besonders stark reagierten einzelne unabhängige Anbieter: Bei der Kette „Neftmagistral“ wurden die Preise für einige Sorten auf einen Schlag um mehrere Rubel angehoben.

Am schärfsten ist die Lage auf der Krim und in Sewastopol. Dort wurde der Verkauf von Benzin bereits eingeschränkt. Benzin der Sorten A-92 und A-95 wird bevorzugt an kommunale Dienste, Sozialtransport und gegen Talons abgegeben. Die größte Tankstellenkette der Krim, TES, stellte inzwischen sogar den Verkauf von Benzintalons ein. Krim-Chef Sergej Aksjonow erklärte, zur Normalisierung der Lage werde etwa ein Monat benötigt. Auch der Gouverneur von Sewastopol, Michail Raswoschajew, rechnet mit anhaltenden Schwierigkeiten bei der Kraftstoffversorgung mindestens im kommenden Monat. Offiziell wird vor allem auf logistische Probleme verwiesen. Die Betreiber hätten Kraftstoff für rund anderthalb Monate eingekauft, das Problem sei dessen Lieferung.

Diese Erklärung ist politisch heikel. Denn die Versorgung der Krim läuft über verwundbare Routen, darunter die Straßenverbindung durch die besetzten Gebiete Südukraine. Russische Stellen berichten dort immer wieder von Drohnenangriffen und Minenabwürfen. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte lediglich, alle Ebenen der Behörden arbeiteten an der Lösung der Probleme.

Damit entsteht ein widersprüchliches Bild: Offiziell gibt es keine systemische Kraftstoffkrise. Gleichzeitig verbietet die Regierung Exporte, prüft weitere Embargos, versucht Importe aus Belarus zu erhöhen, spricht über Steuererleichterungen und muss in einzelnen Regionen Rationierungen hinnehmen. Für ein Land, das zu den größten Ölproduzenten der Welt gehört, ist das eine bemerkenswerte Verschiebung. Das Problem liegt nicht im Rohöl, sondern in Verarbeitung, Logistik, Reparaturfähigkeit und Marktsteuerung.

Der russische Kraftstoffmarkt zeigt damit eine neue Verwundbarkeit der Kriegswirtschaft. Drohnenangriffe auf Raffinerien, Sanktionen gegen Technikimporte, staatliche Preisbegrenzung, Sommernachfrage und regionale Logistikrisiken greifen ineinander. Moskau versucht, die Lage durch Exportverbote und administrative Eingriffe zu stabilisieren. Doch je stärker der Staat den Binnenmarkt abschottet, desto deutlicher wird: Die russische Energiebranche bleibt zwar rohstoffreich, aber ihr verarbeitender Teil ist unter Druck geraten.

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