In Sewastopol hat die angespannte Kraftstofflage am Wochenende eine neue Eskalationsstufe erreicht. Benzin der Sorten AI-92 und AI-95 wurde am 31. Mai nur noch gegen Talons verkauft. Nach Angaben des von Russland eingesetzten Gouverneurs Michail Raswoschajew war das für den Tag vorgesehene Kontingent an den Tankstellen der Kette TЭС bereits wenige Stunden nach Verkaufsbeginn um 7 Uhr morgens ausgeschöpft.
Raswoschajew bezeichnete die Maßnahme als vorübergehend. Sie sei notwendig, um die Bestände an den Tankstellen wieder auffüllen und die Verteilung kontrollieren zu können. Zugleich räumte er ein, dass es lange Schlangen an den Tankstellen gebe und die Lage bei vielen Einwohnern Sorge auslöse. Die aktuellen Schwierigkeiten erklärte er mit der Notwendigkeit, Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken und die Logistikrouten zu optimieren, über die Kraftstoff nach Sewastopol gebracht werde.
Neben der Ausgabe von Benzin gegen Talons gilt in der Stadt weiterhin eine Begrenzung auf 20 Liter pro Fahrzeug. Zusätzlich wurde der Verkauf in Kanister eingeschränkt. Offiziell soll damit verhindert werden, dass knappe Vorräte unkontrolliert abfließen oder von einzelnen Kunden aufgekauft werden. Die Behörden riefen die Einwohner auf, nicht notwendige Fahrten zu verschieben und private Autos nur im Ausnahmefall zu benutzen. Einsatz- und lebenswichtige Dienste seien weiterhin mit Kraftstoff versorgt und arbeiteten im normalen Modus, betonte Raswoschajew.
Auch auf der Krim selbst gibt es Einschränkungen. Der von Russland eingesetzte Republikchef Sergej Aksjonow hatte bereits zuvor mitgeteilt, dass AI-95 ab 31. Mai auf den großen Tankstellennetzen ATAN und TЭС vorrangig für kommunale und soziale Transporte sowie gegen Talons ausgegeben werde. Für AI-92 gelten ebenfalls Beschränkungen. Nach Angaben Aksjonows könnte die Normalisierung der Lage bis zu 30 Tage dauern.
Um die Suche nach verfügbaren Kraftstoffmengen zu erleichtern, wurde auf der Krim ein Online-Navigator gestartet. Autofahrer sollen dort sehen können, an welchen Tankstellen noch Benzin verfügbar ist. Dass ein solcher Dienst überhaupt notwendig wurde, zeigt allerdings, dass die Behörden inzwischen nicht mehr nur von einzelnen Ausfällen sprechen können, sondern von einer regional spürbaren Versorgungskrise.
Offiziell wird die Situation vor allem mit Logistik und Sicherheitsmaßnahmen erklärt. Konkrete Details nennen die Behörden nicht. Gerade diese Formulierung lässt jedoch erkennen, wie empfindlich die Versorgung der Krim und Sewastopols geworden ist. Die Halbinsel ist in hohem Maße auf stabile Transportwege angewiesen. Werden diese unsicherer, teurer oder langsamer, zeigt sich das schnell an den Tankstellen.
Für die Bevölkerung bedeutet die Talonregelung eine Rückkehr zu einem Instrument, das in Russland historisch mit Mangelwirtschaft verbunden ist. Auch wenn die Behörden von einer befristeten Maßnahme sprechen, ist der politische Eindruck unangenehm: In einer strategisch wichtigen Region müssen Autofahrer wieder mit Kontingenten, Schlangen und Ausweichrouten planen. Für Moskau ist das nicht nur ein logistisches, sondern auch ein symbolisches Problem.

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