Russlands Dividenden schrumpfen: Sberbank stützt, Industriekonzerne bremsen

Russlands Dividenden schrumpfen: Sberbank stützt, Industriekonzerne bremsen

Der russische Aktienmarkt bekommt in diesen Tagen ein widersprüchliches Signal. Während Sberbank seine Aktionäre mit Rekorddividenden bedient und auch der Hafenbetreiber NMTP Geld ausschüttet, verzichten große Konzerne wie RusHydro und Norilsk Nickel auf Zahlungen. Damit bestätigt sich ein Trend, der sich bereits im Frühjahr abgezeichnet hatte: Dividenden bleiben in Russland zwar ein wichtiges Argument für Aktieninvestoren, doch die Ausschüttungsfähigkeit der Unternehmen steht stärker unter Druck als in den Vorjahren.

Nach Berechnungen von Kommersant waren bis Ende Mai für das Geschäftsjahr 2025 Dividenden öffentlicher Emittenten von knapp zwei Billionen Rubel angekündigt. Ein Jahr zuvor hatten die entsprechenden Zahlungen noch bei mehr als 2,7 Billionen Rubel gelegen. Der Rückgang um fast ein Viertel wurde vor allem mit der langen Phase hoher Zinsen, teurerer Fremdfinanzierung und der höheren Gewinnsteuer begründet. Unternehmen müssten mehr Mittel für Schuldendienst, Liquidität und Investitionen reservieren, statt sie an Aktionäre auszuschütten.

Am stärksten gegen diesen Trend stemmt sich Sberbank. Die Aktionäre des größten russischen Geldhauses billigten für 2025 Dividenden von 37,64 Rubel je Stamm- und Vorzugsaktie. Insgesamt sollen 850,2 Milliarden Rubel ausgeschüttet werden, was 50 Prozent des Nettogewinns nach IFRS entspricht. Die Dividendenrendite lag laut Kommersant zuletzt bei rund zwölf Prozent. Sberbank hatte 2025 einen Rekordgewinn von mehr als 1,7 Billionen Rubel erzielt; Bankchef German Gref stellte für das laufende Jahr bereits einen neuen Gewinnrekord in Aussicht.

Damit bleibt der Finanzsektor eine der wichtigsten Stützen des russischen Dividendenmarktes. Schon im Mai hatte Kommersant darauf verwiesen, dass Sberbank mehr als 850 Milliarden Rubel ausschütten wolle und auch andere Banken beziehungsweise Finanzunternehmen zu den verlässlicheren Zahlern gehörten. Für Anleger ist das bedeutsam, weil hohe Leitzinsen zwar Anleihen und Einlagen attraktiv machen, zugleich aber Aktien mit stabilen Ausschüttungen relativ interessant halten.

Auch der Hafenbetreiber NMTP zahlt. Die Aktionäre des Noworossijsker Seehandelshafens stimmten Dividenden von 1,1448 Rubel je Aktie zu. Insgesamt sollen 21,46 Milliarden Rubel ausgeschüttet werden. Der Konzern hatte 2025 seinen Nettogewinn nach IFRS um sieben Prozent auf 40,6 Milliarden Rubel gesteigert, der Umsatz lag bei 76,5 Milliarden Rubel. NMTP gehört zu den größten Stauerei- und Hafenlogistikgruppen Russlands, mit Aktiva in Noworossijsk, Primorsk und Baltijsk. Größter Aktionär ist Transneft, der Staat hält 20 Prozent.

Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, bei denen Dividenden vorerst der Stabilisierung geopfert werden. RusHydro wird für die Jahre 2023 bis 2025 nichts ausschütten. Die Aktionäre billigten eine entsprechende Empfehlung des Verwaltungsrats. Hintergrund ist der Plan der Regierung, die Gewinne des Stromkonzerns für die Jahre 2023 bis 2029 in Investitionen zu lenken. RusHydro hatte zuletzt für 2022 Dividenden gezahlt, damals 5,025 Kopeken je Aktie, insgesamt 22,4 Milliarden Rubel.

Der Fall RusHydro zeigt besonders deutlich, dass Dividendenpolitik in Russland nicht nur eine Frage der Unternehmensbilanz ist. Der Konzern betreibt Wasserkraftwerke, Wärmekraftwerke, Stromnetze und Versorgungsunternehmen, vor allem auch im Fernen Osten. Dort belasten unter anderem hohe Kohlekosten und regulierte Tarife die Wirtschaftlichkeit. Die staatliche Eigentümerstruktur erleichtert es der Regierung, Ausschüttungen zugunsten von Investitionsprogrammen zurückzustellen. Laut Kommersant hält Rosimuschtschestwo 62,2 Prozent an RusHydro, VTB 12,37 Prozent und En+ Group 9,64 Prozent.

Auch Norilsk Nickel zahlt für 2025 keine Dividende. Die Aktionäre folgten der Empfehlung des Verwaltungsrats. Begründet wurde der Schritt mit der Dividendenpolitik des Konzerns, die den zyklischen Charakter der Metallmärkte und den Erhalt einer hohen Kreditwürdigkeit berücksichtige. Finanzdirektor Sergej Malyschew erklärte, freie Mittel sollten in Finanzstabilität, Produktionssicherheit, Investitionen und den Abbau der Verschuldung fließen.

Der Nickel- und Palladiumproduzent hatte seine Dividendenformel bereits 2023 geändert. Seither wird nicht mehr das EBITDA, sondern der bereinigte freie Cashflow als Grundlage herangezogen. Für 2024 hatte Norilsk Nickel wegen eines stark geschrumpften freien Cashflows keine Dividende gezahlt. 2025 lag der freie Cashflow zwar wieder bei 1,481 Milliarden Dollar. Konzernchef Wladimir Potanin hatte jedoch bereits zuvor betont, die Dividendenfrage dürfe nicht allein aus den Finanzkennzahlen abgeleitet werden; auch Schuldentilgung und Wachstumsprojekte müssten berücksichtigt werden.

Für Investoren entsteht damit ein uneinheitliches Bild. Einzelne große Zahler wie Sberbank halten die Gesamtsumme hoch und bieten zweistellige Renditen. Zugleich fallen frühere Dividendenfavoriten aus oder kürzen ihre Ausschüttungen deutlich. Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Investitionsbedarf, hoher Verschuldung, schwankenden Rohstoffpreisen oder starker staatlicher Steuerung.

Die Dividendenwelle dürfte den Aktienmarkt daher nur begrenzt stützen. Schon im Mai hatte Kommersant berichtet, dass ein erheblicher Teil der für 2025 erwarteten Ausschüttungen erst im Sommer und besonders im August bei Anlegern ankommen werde. Analysten erwarteten jedoch, dass viele Aktionäre das Geld eher in den Anleihemarkt umschichten als breit in Aktien zu reinvestieren. Für stärkere Zuflüsse in Aktien sei eine deutlich niedrigere Leitzinslandschaft nötig.

Damit wird die Dividendenpolitik zu einem Barometer für die Lage der russischen Wirtschaft. Banken profitieren noch von hohen Erträgen und können ihre Aktionäre bedienen. Infrastruktur- und Rohstoffkonzerne dagegen stehen vor der Wahl, ob sie Geld ausschütten oder ihre Bilanzen, Schulden und Investitionsprogramme absichern. Für den Markt bedeutet das: Die Zeit breit verlässlicher Dividenden ist vorerst vorbei. Entscheidend wird nicht mehr nur sein, wer Gewinn macht, sondern wer ihn unter den neuen Bedingungen auch tatsächlich verteilen darf oder will.

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