Der Rechtsstreit um die in Europa eingefrorenen russischen Zentralbankreserven verlagert sich weiter nach Belgien. Der internationale Wertpapierverwahrer Euroclear hat nach einem Bericht der belgischen Zeitung L’Echo Klage gegen die russische Zentralbank eingereicht. Ziel ist es, die Vollstreckung eines Moskauer Gerichtsurteils zu blockieren, mit dem Euroclear zur Zahlung von 18,2 Billionen Rubel verurteilt worden war. Das entspricht rund 200 Milliarden Euro. Kommersant berichtete unter Berufung auf L’Echo, die russische Zentralbank habe den belgischen Schritt bestätigt und arbeite an ihrer Verteidigungslinie.
Euroclear argumentiert demnach, das Moskauer Schiedsgericht sei für den Fall nicht zuständig gewesen. Über die Forderungen gegen den belgischen Zentralverwahrer könne nur ein belgisches Gericht entscheiden. Ein Anwalt von Euroclear bezeichnete das Verfahren in Moskau laut Kommersant als unfair. Die belgische Klage soll verhindern, dass die Entscheidung des Moskauer Gerichts außerhalb Russlands gegen Euroclear durchgesetzt wird.
Hintergrund ist ein Urteil des Moskauer Arbitragegerichts vom 15. Mai 2026. Das Gericht gab der Klage der Bank von Russland gegen Euroclear statt und sprach dem russischen Regulator Schadenersatz in Höhe von 18,2 Billionen Rubel zu. Die Forderung bezieht sich auf Zentralbankvermögen, das seit den EU-Sanktionen nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine in Europa blockiert ist. Am 26. Mai ordnete das Moskauer Gericht zudem die sofortige Vollstreckung des Urteils an; spätere Anträge Euroclears auf Aussetzung oder Aufhebung dieser sofortigen Vollstreckung wurden abgewiesen.
Der Fall ist Teil des größeren Konflikts um die Nutzung eingefrorener russischer Staatsvermögen zur Finanzierung der Ukraine. Nach Reuters hatte die russische Zentralbank ihre Klage im Dezember 2025 eingereicht, nachdem die EU Pläne vorangetrieben hatte, russische Vermögenswerte in Europa dauerhaft zu blockieren und für Hilfen an die Ukraine nutzbar zu machen. Ein großer Teil dieser Vermögen liegt bei Euroclear in Brüssel.
Euroclear bestreitet die Zuständigkeit russischer Gerichte seit Beginn des Verfahrens. Nach dem Moskauer Urteil erklärte der Zentralverwahrer, die bei Euroclear Bank liegenden Vermögenswerte der russischen Zentralbank blieben weiterhin entsprechend den internationalen Sanktionen blockiert. Euroclear betonte außerdem, seine operative Tätigkeit und Finanzlage seien durch die russische Gerichtsentscheidung nicht beeinträchtigt.
Damit stehen sich zwei grundsätzlich verschiedene Rechtsordnungen gegenüber. Russland erklärt die Blockierung seiner Zentralbankreserven für rechtswidrig und versucht, den entstandenen Schaden über eigene Gerichte geltend zu machen. Euroclear wiederum verweist auf EU-Sanktionen und auf die Zuständigkeit belgischer beziehungsweise europäischer Gerichte. Praktisch geht es nicht nur um eine enorme Summe, sondern auch um die Frage, ob russische Urteile gegen westliche Finanzinfrastrukturen international vollstreckbar sein können.
Die sofortige Vollstreckung des Moskauer Urteils erhöht den Druck. Reuters hatte bereits im Mai berichtet, die russische Zentralbank habe eine beschleunigte Durchsetzung verlangt, weil sie befürchte, eine spätere Vollstreckung könne erschwert oder unmöglich werden. Euroclear sah darin eine weitere Verletzung seiner Verfahrensrechte und verwies auf das geschlossene Verfahren in Moskau, das eine vollständige Verteidigung verhindert habe.
Für Belgien und die EU ist der Fall heikel. Euroclear verwaltet einen wesentlichen Teil der eingefrorenen russischen Staatsvermögen. Frühere internationale Berichte bezifferten die bei Euroclear liegenden russischen Vermögenswerte auf rund 193 Milliarden Euro von insgesamt etwa 210 Milliarden Euro in der EU blockierten Geldern. Je weiter die EU bei der Nutzung dieser Mittel für die Ukraine geht, desto größer wird das Risiko russischer Gegenklagen und möglicher Vergeltungsmaßnahmen gegen westliche Vermögenswerte in Russland.
Der neue belgische Schritt von Euroclear ist deshalb mehr als eine prozessuale Gegenwehr. Er soll verhindern, dass Russland aus einem Moskauer Urteil einen internationalen Vollstreckungstitel macht. Zugleich sendet Euroclear ein Signal an EU-Regierungen: Der Zentralverwahrer will nicht allein die rechtlichen und finanziellen Risiken einer politischen Entscheidung tragen, die eingefrorenen russischen Reserven für die Ukraine nutzbar zu machen.
Auffällig ist an der Kommersant-Meldung auch die redaktionelle Form. Unter dem Nachrichtentext folgt ein Abschnitt „Mehr Kontext“, der ausdrücklich als von einem KI-Assistenten zusammengestellt gekennzeichnet ist. Darin werden frühere Verfahrensschritte, die Struktur der Forderung und weitere Klagen gegen Euroclear zusammengefasst. Für Leser ist diese Kennzeichnung wichtig, weil sie zeigt, dass Kommersant inzwischen automatisierte Kontextblöcke in seine Berichterstattung einbaut. Inhaltlich muss ein solcher Abschnitt wie jede KI-Zusammenfassung überprüft werden — gerade bei einem juristisch und geopolitisch so sensiblen Thema.
Der Kern des Konflikts bleibt unverändert: Russland will die Blockierung seiner Reserven als Schaden geltend machen, während Euroclear und die EU die Sperrung als Folge verbindlicher Sanktionen behandeln. Der Gang vor ein belgisches Gericht verschiebt die Auseinandersetzung nun auf das Terrain, auf dem Euroclear seine stärksten Argumente sieht. Ob damit die Moskauer Vollstreckung tatsächlich gestoppt werden kann, ist offen. Sicher ist nur: Der Streit um die russischen Zentralbankreserven ist endgültig zu einem juristischen Machtkampf zwischen Russland und Europa geworden.

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