Russlands Banken verdienen weiterhin kräftig. VTB-Chef Andrej Kostin sieht keine Anzeichen einer Bankenkrise, hält die gegenwärtige Gewinnentwicklung aber nicht für dauerhaft gesichert. Für 2027 und möglicherweise auch 2028 erwartet er weniger erfreuliche Ergebnisse. Die im Kommersant-Bericht angeführte Zentralbankprognose weist dagegen für 2027 bislang höhere Jahresgewinne aus.
Die Lage sei unter Kontrolle, die Kapitalausstattung des Bankensektors steige, erklärte Kostin am 24. September auf dem Internationalen Bankforum. Auch die Gewinne seien stabil und nähmen sogar leicht zu. Dass sie in der Öffentlichkeit großen Neid hervorriefen, kommentierte der Chef der staatlich kontrollierten VTB mit erkennbarem Unverständnis. Zugleich schränkte er ein: Die günstige Entwicklung sei seiner Einschätzung nach vorübergehend. In den kommenden beiden Jahren könnten die Ergebnisse weniger rosig ausfallen.
Eine konkrete Gewinnprognose legte Kostin dabei nicht vor. Seine Aussage ist deshalb zunächst eine vorsichtige Einschätzung der Perspektiven. Sie bezeichnet weder das Ausmaß eines möglichen Rückgangs noch einen eindeutigen Vergleichsmaßstab.
Für die Einordnung nennt Kommersant die bisherigen Jahreszahlen und Erwartungen. 2025 erzielten die russischen Banken einen Nettogewinn von 3,5 Billionen Rubel, 8,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Für 2026 hatte die Zentralbank einen Gewinn von 3,4 bis 3,9 Billionen Rubel prognostiziert, für 2027 dagegen 3,7 bis 4,2 Billionen. Die Spanne für das kommende Jahr liegt somit höher, auch wenn sich beide Prognosebereiche überschneiden.
Kostins Warnung setzt damit einen anderen Akzent als die angeführten Erwartungen der Aufsicht. Ein unmittelbarer Widerspruch lässt sich daraus noch nicht ableiten: Ohne eigene Zahlen bleibt offen, ob er geringere absolute Gewinne, eine schwächere Rentabilität oder schlicht schwierigere Geschäftsbedingungen meint. Seine Aussage macht jedoch deutlich, dass er die derzeitigen Ergebnisse nicht selbstverständlich in die Zukunft fortschreiben möchte.
Die Monatsbilanz für August zeigt, von welchem Niveau diese Diskussion ausgeht. Nach dem von Kommersant wiedergegebenen Überblick der Bank von Russland verdiente der Sektor netto 440 Milliarden Rubel. Gegenüber Juli waren das lediglich drei Milliarden weniger, ein Rückgang um knapp 0,7 Prozent. Die auf ein Jahr hochgerechnete Eigenkapitalrendite blieb bei 24 Prozent.
Unter dem nahezu unveränderten Gesamtergebnis verschoben sich allerdings einzelne Positionen. Die Aufwendungen für Rückstellungen stiegen gegenüber Juli um 27 Prozent auf 213 Milliarden Rubel. Die Zentralbank erklärte dies mit einer Normalisierung nach einem niedrigen Vormonatswert: Im Juli hatten Banken Rückstellungen für einzelne Unternehmen wieder aufgelöst. Zugleich nahmen schwankungsanfällige Erträge außerhalb des Kerngeschäfts, gestützt auf Dividenden von Tochtergesellschaften, um 43 Prozent zu.
Der Anstieg der Rückstellungen belegt für sich genommen deshalb keine neue Verschärfung der Kreditrisiken. Er zeigt aber, weshalb der Blick auf den Nettogewinn allein nicht genügt. Die Höhe des Ergebnisses hängt auch davon ab, wie viel Risikovorsorge Banken bilden oder auflösen und welche zusätzlichen Einnahmen im jeweiligen Monat anfallen.
Kostins Bemerkung über den Neid auf Bankgewinne gibt der Debatte eine öffentliche Dimension. Er verbindet die Verteidigung der gegenwärtigen Erträge mit einer Warnung vor überhöhten Erwartungen. Hohe Gewinne sollen nach dieser Darstellung als Ausdruck von Stabilität verstanden werden, ohne als dauerhaft garantiert zu gelten.
Die beiden Meldungen beschreiben damit eine Branche, die aktuell hohe Überschüsse erzielt, deren weitere Entwicklung aber selbst einer ihrer wichtigsten Vertreter vorsichtiger beurteilt. Ob Kostins Skepsis berechtigt ist, wird sich an den kommenden Jahresergebnissen zeigen. Die Augustzahlen liefern dafür noch kein Krisensignal – ebenso wenig garantieren sie, dass die hohen Gewinne anhalten.

Kommentare