Höhere Steuern, mehr Lamborghinis: Russlands ungleiche Kassenlage

Höhere Steuern, mehr Lamborghinis: Russlands ungleiche Kassenlage

Das russische Finanzministerium will Kapitalerträge stärker besteuern und neue Einnahmen aus Auslandskäufen und Rohstoffgeschäften erschließen. Gleichzeitig steigen die Zulassungen von Lamborghini. Die Nachrichten erzählen von unterschiedlichen finanziellen Spielräumen – und von der Frage, wen der Staat zur Finanzierung seiner Ausgaben stärker heranzieht.

Während das Finanzministerium nach zusätzlichen Einnahmen sucht, wächst in einem kleinen Teil des russischen Automarkts die Nachfrage nach besonders teuren Fahrzeugen. In den ersten acht Monaten 2026 wurden 141 neue Lamborghini zugelassen, nach 95 im gleichen Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Zuwachs von rund 48 Prozent. Expert berichtet darüber unter Berufung auf den Leiter des Analyseunternehmens Autostat, Sergej Zelikow.

Die räumliche Konzentration ist auffällig: 108 der Fahrzeuge wurden in Moskau und dem umliegenden Gebiet registriert, weitere neun in St. Petersburg. Mit 114 Exemplaren entfiel der größte Teil auf den Geländewagen Urus. Insgesamt wurden in Russland von Januar bis August 500 neue Luxusautos verkauft, 11,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Diese Zahlen beschreiben eine schmale Käuferschicht. Aus ihnen lässt sich weder die Einkommensentwicklung der Gesamtbevölkerung noch die Herkunft der für solche Käufe eingesetzten Vermögen ablesen. Sie zeigen aber, dass es weiterhin erhebliche private Kaufkraft im obersten Marktsegment gibt. Staatsfinanzen und private Vermögen entwickeln sich keineswegs zwangsläufig im Gleichschritt.

Beim Staat steht die Suche nach zusätzlichen Einnahmen im Vordergrund. Das Finanzministerium hat im Rahmen des Haushaltspakets für 2027 bis 2029 Änderungen des Steuerrechts vorgeschlagen. Nach der von Kommersant veröffentlichten Übersicht wird für jedes der drei Jahre ein Defizit von etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwartet. Zu den Ausgabenprioritäten gehören soziale Verpflichtungen, Verteidigung und Sicherheit sowie technologische Entwicklung.

Ein Kernpunkt der Steuerpläne betrifft die sogenannten passiven Einkünfte. Dividenden, Zinsen und verschiedene Erträge aus Wertpapier- und Vermögensgeschäften sollen in die allgemeine progressive Einkommensteuer einbezogen werden. Bislang gelten für entsprechende Einkünfte überwiegend Sätze von 13 und 15 Prozent; künftig könnte der Steuersatz bis zu 22 Prozent erreichen. Entscheidend soll stärker die Höhe des Einkommens sein als dessen Herkunft.

Nach Angaben des Ministeriums wären von dieser Angleichung rund vier Millionen Menschen betroffen, höchstens sechs Prozent der Personen mit steuerpflichtigen Einkünften. Diese Schätzung bezieht sich auf die Einkommensteueränderung, nicht auf das gesamte Maßnahmenpaket. Auch bedeutet der Spitzensatz nicht, dass künftig jeder Bankkunde 22 Prozent seiner Zinsen abgeben müsste. Die höhere Belastung richtet sich nach den jeweiligen Einkommensstufen.

Weitere Vorschläge greifen an anderen Stellen an. Wie The Bell berichtet, sollen russische Anteilfonds auf ihre passiven Einnahmen 15 Prozent Steuer entrichten. Den Anlegern soll diese Zahlung angerechnet werden. Damit würde der Staat früher auf Erträge zugreifen, deren Besteuerung bisher durch den Verbleib im Fonds aufgeschoben werden konnte. Für Dividenden an Nichtresidenten auf Konten des Typs C ist ein Satz von 35 Prozent vorgesehen.

Über wohlhabende Anleger hinaus reichen die Pläne für grenzüberschreitende Onlinekäufe: Vorgeschlagen werden 22 Prozent Mehrwertsteuer auf entsprechende Waren sowie eine Zollabfertigungsgebühr von 100 Rubel für private Auslandssendungen bis zu einem Warenwert von 200 Euro. Solche Belastungen würden auch Menschen treffen, die im Ausland gewöhnliche Konsumgüter bestellen. Daneben sollen bestimmte Rohstoffunternehmen einen größeren Teil zusätzlicher, durch gestiegene Weltmarktpreise entstandener Einnahmen abführen.

Die Vorschläge sind noch kein geltendes Steuerrecht. Ihre politische Richtung ist jedoch erkennbar: Der Staat möchte zusätzliche Mittel sowohl bei hohen Kapitalerträgen und besonderen Unternehmensgewinnen als auch beim alltäglichen Konsum abschöpfen. Das Paket lässt sich deshalb nicht auf eine reine Besteuerung der Reichen reduzieren.

Die Lamborghinis liefern dazu ein anschauliches Gegenbild, aber keinen Beweis für die Wirkung der erst geplanten Steuern. Die Zulassungszahlen betreffen bereits getätigte Käufe. Ob höhere Abgaben künftige Luxusausgaben bremsen, ist offen. Sichtbar wird vorerst eine Gleichzeitigkeit: Der Staat sucht Geld, während ein kleiner Kreis von Käufern mehr davon für italienische Luxusautos ausgibt.

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