Die russischen Gesellschaften des deutschen Großhandelskonzerns Metro kommen unter eine staatlich angeordnete „vorübergehende Verwaltung“. Übernehmen soll eine erst im September gegründete Firma des bisherigen Russlandchefs Johannes Tholey. Für die Kunden läuft der Betrieb weiter. Für die ausländischen Anteilseigner verändert sich die Kontrolle über ihr Geschäft.
Der Kreml fährt jetzt Metro. Am Steuer sitzt weiterhin derselbe Manager – doch die Verfügung über das Russlandgeschäft wird per Präsidentenerlass neu geordnet. Wladimir Putin hat am 28. September die russischen Metro-Gesellschaften unter die vorübergehende Verwaltung der Gesellschaft UK Torg Rus gestellt.
Nach Angaben von Interfax betrifft die Entscheidung sämtliche Anteile an Metro Cash & Carry, der wichtigsten russischen Betriebsgesellschaft. Davon gehören bislang 54,45 Prozent der niederländischen Metro Cash & Carry International Holding B.V. und 45,55 Prozent der Metro Cash & Carry Russia B.V. Einbezogen sind außerdem die Gesellschaften Metro Warehouse Noginsk und Retail Property 5.
Die Besonderheit liegt beim eingesetzten Verwalter. UK Torg Rus wurde erst am 8. September in Moskau gegründet, also knapp drei Wochen vor dem Erlass. Nach den von Reuters ausgewerteten Unternehmensdaten gehört sie vollständig Johannes Tholey, der zugleich Metro Cash & Carry in Russland führt. Der bisherige Landeschef erhält damit über seine eigene Gesellschaft die Rolle des staatlich bestimmten Verwalters.
Diese Konstruktion verbindet personelle Kontinuität mit einem erheblichen Eingriff in die Kontrolle der ausländischen Anteilseigner. Sie lässt für sich genommen allerdings nicht erkennen, ob und in welchem Umfang die deutsche Konzernzentrale an der Vorbereitung beteiligt war. Aus der fortbestehenden Rolle des Managers lässt sich keine Zustimmung der Eigentümer ableiten.
Metro Russland erklärte laut The Moscow Times, das Unternehmen arbeite wie gewohnt weiter. Zum Präsidentenerlass selbst äußerte sich die Tochtergesellschaft dem Bericht zufolge nicht unmittelbar. Für Kunden und Lieferanten signalisiert die Erklärung zunächst Kontinuität. Über die künftigen Einflussmöglichkeiten der Konzernzentrale sagt sie wenig aus.
Die wirtschaftliche Größenordnung ist beträchtlich. Laut Interfax umfasste das russische Netz nach Unternehmensangaben zuletzt 91 Märkte in 51 Regionen. Die Hauptgesellschaft erzielte 2025 einen Umsatz von 260,3 Milliarden Rubel, 4,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Nettogewinn nach russischen Rechnungslegungsstandards sank dagegen um 32,1 Prozent auf 4,4 Milliarden Rubel.
Formal handelt es sich um die Anordnung einer Verwaltung, nicht um einen Verkauf. Die Bezeichnung „Verstaatlichung“ würde deshalb einen Eigentumsübergang nahelegen, den die berichtete Maßnahme nicht belegt. Wirtschaftlich ist der Eingriff dennoch weitreichend: Die Verwaltung der Beteiligungen wird einer vom Präsidenten bestimmten Gesellschaft übertragen. Dass deren Chef bereits das operative Geschäft führt, ändert nichts an diesem Wechsel der Grundlage seiner Kontrolle.
Metro reiht sich damit in eine neue Folge staatlicher Eingriffe ein. Bereits am 17. September waren unter anderem die russischen Aktivitäten von Auchan und Nestlé unter die Verwaltung von L.E.V. Management gestellt worden. Der Kreml begründete jene Entscheidung mit der Herkunft der Eigentümer aus als „unfreundlich“ bezeichneten Staaten und deren Beteiligung an gegen Russland gerichteten Handlungen.
Metro hatte sein Russlandgeschäft nach Beginn des großangelegten Krieges gegen die Ukraine fortgeführt. Die neue Entscheidung zeigt, dass auch dieser Verbleib keinen verlässlichen Schutz vor einer staatlich angeordneten Neuordnung der Kontrolle bietet. Für ausländische Unternehmen wird damit die Frage dringlicher, wie viel Verfügungsmacht ihnen über ein weiterlaufendes Geschäft tatsächlich bleibt.
Bei Metro können die Märkte geöffnet und die leitenden Personen dieselben bleiben. Der entscheidende Wechsel findet hinter den Kulissen statt: Wer das Geschäft verwaltet, bestimmt nun der Präsidentenerlass. Der Chef bleibt – die Kontrolle erhält eine neue Grundlage.

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