Kohle aufs Nebengleis: Russland könnte Bahntransporte zur Ostsee um 80 Prozent kürzen

Kohle aufs Nebengleis: Russland könnte Bahntransporte zur Ostsee um 80 Prozent kürzen

Weil Güter aus dem Süden auf andere Exportwege ausweichen müssen, wird es auf den Bahnstrecken zu Russlands Ostseehäfen eng. Die Staatsbahn RZD plant nach einem Bericht von Kommersant, die Kohletransporte dorthin im Oktober um 80 Prozent zu reduzieren. Für die Bergbauunternehmen fehlen kurzfristig Ausweichmöglichkeiten.

Russlands Kohleindustrie droht ein erheblicher Rückschlag auf einer ihrer wichtigsten Exportrouten. Wie die Wirtschaftszeitung Kommersant unter Berufung auf ein Sitzungsprotokoll des Verkehrsministeriums berichtet, hat die Staatsbahn RZD für Oktober eine Kürzung der Kohletransporte in das Netz der Oktoberbahn um 80 Prozent eingeplant. Dieses erschließt unter anderem die russischen Ostseehäfen. Besprochen wurde die Maßnahme Ende September bei einer Beratung zur Versorgung der Häfen im Nordwesten.

RZD kommentierte die Transportplanung für einzelne Richtungen nicht. Anfragen an das Verkehrs- und das Energieministerium blieben dem Bericht zufolge zunächst unbeantwortet. Damit handelt es sich um eine berichtete Planung; in welchem Umfang sie bereits umgesetzt wird, bleibt offen.

Hinter dem Vorhaben steht eine Verschiebung der Warenströme. Wegen Störungen an den Schwarzmeerhäfen sollen mehr Güter über den Nordwesten ausgeführt werden. Für Oktober sieht das Sitzungsprotokoll allein bei den Transporten aus dem Netz der Nordkaukasischen Eisenbahn in Richtung Oktoberbahn einen Zuwachs von 715 Prozent vor. Auch aus mehreren anderen Bahnregionen sollen deutlich größere Mengen kommen.

Zugleich soll RZD sämtliche Transporte ermöglichen, die nach den Regeln für den diskriminierungsfreien Zugang zur Bahninfrastruktur Vorrang genießen. Zuletzt hatten die Behörden die Priorität von Getreidetransporten angehoben, um den russischen Export anzukurbeln. Die sperrige und vergleichsweise margenschwache Kohle gerät bei der Verteilung der knappen Kapazitäten dadurch unter Druck.

Dabei hatte sich der Kohletransport zu den nordwestlichen Häfen bislang nach oben entwickelt. Nach Angaben von RZD stieg er von Januar bis September gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 8,4 Prozent auf 31,7 Millionen Tonnen. Der Nordwesten war damit nach dem Fernen Osten die zweitgrößte Hafenrichtung für russische Kohleexporte. Zu den fernöstlichen Häfen wurden 84 Millionen Tonnen transportiert, zu den südlichen Häfen 14,1 Millionen Tonnen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wohin mit der Kohle, die an der Ostsee nicht mehr ankommt? Nach Einschätzung von Maria Nikitina vom Stolypin-Institut für Wachstumsökonomie könnte der ursprüngliche Oktoberplan für die Oktoberbahn zwei bis drei Millionen Tonnen Kohle umfasst haben. Für die nun möglicherweise wegfallenden 80 Prozent gebe es unter den gegenwärtigen Bedingungen keine ausreichende Ausweichroute.

Das östliche Bahnnetz arbeite bereits an seiner Kapazitätsgrenze, erläutert Oleg Jemeltschenkow von der Ratingagentur Expert RA. Im Süden bestünden weiterhin Risiken für die Schifffahrt. Ein von Kommersant zitierter Branchenvertreter warnt deshalb vor sinkenden Exporten und einer Drosselung der Förderung.

Eine Umleitung über den Fernen Osten wäre dabei nicht zwangsläufig teurer, gibt Maxim Schaposchnikow vom Fonds Industrialny Kod zu bedenken: Einer längeren Bahnfahrt könnte ein kürzerer Seeweg nach China gegenüberstehen. Entscheidend sei jedoch, ob überhaupt Transportkapazitäten verfügbar sind. Warteschlangen, zusätzliche Lagerung und verzögerte Wagenrückläufe könnten die Kosten erhöhen und die Erfüllung von Lieferverträgen gefährden.

Auch Kasachstans Kohleexporte sind betroffen. Nach Angaben von Quellen der Zeitung genehmigt RZD im Oktober keine Anträge für kasachische Transitkohle über die Ostseehäfen. Zudem werde erwogen, deren bevorzugte Abfertigung auszusetzen. Dabei war dieser Transit zuletzt gewachsen: Im ersten Halbjahr 2026 legte er um 34 Prozent auf 6,7 Millionen Tonnen zu.

Eine pauschale Zurückstufung wäre allerdings schwierig. Transitmengen, die durch zwischenstaatliche Abkommen abgesichert sind, genießen in den russischen Zugangsregeln eine hohe Priorität. Ein solches Abkommen hatten Moskau und Astana im November 2025 unterzeichnet. Branchenquellen halten deshalb eher punktuelle Einschränkungen oder ausbleibende Plangenehmigungen für denkbar.

Vorerst geht es laut dem Bericht darum, im Süden festhängende Güter über andere Häfen abzutransportieren. Für die Kohleindustrie zeigt sich dabei ein grundlegendes Problem: Selbst wenn sich Käufer und auskömmliche Exportpreise finden, braucht es noch einen freien Weg zum Hafen.

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