Russland könne die USA und China bei großen KI-Grundmodellen kaum noch einholen, meint die Unternehmerin Natalja Kasperskaja. Als konkurrenzfähige Alternative empfiehlt sie spezialisierte Anwendungen. Ihre Aussage, Russland besitze nur ein eigenes Fundamentalmodell, ist allerdings umstritten.
Die russische IT-Unternehmerin Natalja Kasperskaja hat eine ungewöhnlich ernüchternde Bilanz der heimischen Entwicklung künstlicher Intelligenz gezogen. Bei großen Fundamentalmodellen sei der Abstand zu den USA und China inzwischen so groß, dass Russland auf demselben technologischen Weg keine realistische Aussicht auf einen Durchbruch mehr habe.
„Wenn man zu Fuß auf denselben Schienen geht, auf denen die Züge fahren, gibt es insgesamt keine Chance, diesen Zug einzuholen“, sagte die Präsidentin des Datensicherheitsunternehmens InfoWatch in einem Interview mit dem Fernsehsender RTVI. Sie sehe „keine auch nur annähernden Chancen“, bei großen Fundamentalmodellen etwas Bahnbrechendes hervorzubringen.
Mehrere Medien verkürzten diese Aussage anschließend zu der Schlagzeile, Russland werde die USA und China bei künstlicher Intelligenz „niemals“ einholen. Tatsächlich bezog Kasperskaja ihre Prognose ausdrücklich auf große Sprach- und Fundamentalmodelle – nicht auf sämtliche Einsatzfelder künstlicher Intelligenz.
Nur ein vollständig russisches Modell?
Vier Tage nach dem RTVI-Interview sorgte Kasperskaja mit einer weiteren Aussage für Resonanz. Nach ihrer Darstellung verfügt Russland derzeit nur über ein einziges vollständig im eigenen Land entwickeltes großes Sprachmodell: das Modell der Sberbank. Aber auch dieses gehöre nach seinen Fähigkeiten nicht zu den 20 weltweit führenden Modellen und könne nicht für alle Aufgaben eingesetzt werden, sagte sie in einem von der Nachrichtenagentur TASS verbreiteten Interview.
Damit greift Kasperskaja eine Behauptung von Sberbank-Chef German Gref auf. Dieser hatte erklärt, in Russland sei nur noch das Sber-Modell vollständig einheimisch. Der Konkurrent Yandex entwickle sein Modell nicht mehr von Grund auf selbst, sondern trainiere lediglich Qwen, ein Modell des chinesischen Alibaba-Konzerns, für russische Zwecke weiter.
Yandex wies Grefs Darstellung zurück. Die Behauptung, Russland verfüge nur über ein eigenes Fundamentalmodell, ist daher keine unstrittige Bestandsaufnahme, sondern auch Teil des Konkurrenzkampfes zwischen den großen russischen Technologiekonzernen.
Zudem hängt das Ergebnis davon ab, wie „russisch“ und „Fundamentalmodell“ definiert werden. Russische Unternehmen können eigene Datensätze, Trainingsverfahren und Modellarchitekturen verwenden, zugleich aber auf ausländische Open-Source-Komponenten, chinesische Basismodelle oder importierte Rechentechnik zurückgreifen.
Milliardenkosten und fehlende Rechenleistung
Kasperskaja begründet den Rückstand vor allem mit den enormen Kosten. Entwicklung und Training großer Modelle verschlängen Millionen, teilweise Milliarden Dollar und benötigten sehr viel Energie. Russland verfüge nicht über vergleichbare finanzielle und technische Ressourcen. Gleichzeitig arbeiteten auch die international führenden Modelle bislang vielfach nicht profitabel.
Der Rückstand ist zudem eine Folge westlicher Technologiesanktionen. Besonders leistungsfähige Prozessoren und Systeme für KI-Rechenzentren sind für russische Unternehmen nur eingeschränkt erhältlich. China kann zwar einen Teil der Lücke schließen, entwickelt aber zugleich eigene Modelle und dürfte seine modernste Technik kaum uneingeschränkt an einen potenziellen Konkurrenten weitergeben.
Kasperskaja stellt allerdings auch den Nutzen immer größerer Sprachmodelle infrage. Für viele konkrete Aufgaben gebe es wesentlich günstigere spezialisierte Lösungen. Provokativ fragte sie, ob große Sprachmodelle vor allem dazu dienten, studentische Arbeiten zu fälschen oder automatisch Texte zu erzeugen, die Menschen nur schwer lesen könnten.
Kritik am neuen KI-Gesetz
Ihre Äußerungen stehen im Zusammenhang mit einem neuen russischen Gesetz zur Förderung künstlicher Intelligenz, das die Staatsduma am 8. Juli in zweiter und dritter Lesung verabschiedete. Es definiert unter anderem „souveräne“ KI-Modelle und soll den Einsatz einheimischer Systeme fördern.
Als souverän soll ein Modell gelten, wenn es von einer russischen juristischen Person entwickelt, auf Servern innerhalb des Landes betrieben und auf die Einhaltung russischer Gesetze geprüft wird. Hinzu kommt die Vorgabe, dass es den sogenannten traditionellen geistig-moralischen Werten entsprechen muss.
Der Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Informationspolitik, Sergej Bojarski, hatte erklärt, Russland dürfe den Wettlauf mit den USA und China nicht verlieren. Souveräne nationale Modelle müssten deshalb in möglichst viele Lebensbereiche eingeführt werden.
Kasperskaja bezweifelt, dass staatlich verordnete Verbreitung deren technisches Niveau erhöht. Die verpflichtende Nutzung russischer Modelle mache sie nicht automatisch besser und beseitige auch nicht den Rückstand gegenüber ausländischen Anbietern. Zudem konzentriere sich das Gesetz zu stark auf eine bestimmte Technologie, obwohl bereits KI-Agenten an Bedeutung gewännen und in einem Jahr möglicherweise wieder andere Systeme im Vordergrund stünden.
Chancen in spezialisierten Anwendungen
Statt enorme Mittel in einen kaum zu gewinnenden Wettlauf um immer größere Universalmodelle zu stecken, empfiehlt Kasperskaja eine Konzentration auf Bereiche, in denen Russland über eigenes Wissen und konkrete Einsatzmöglichkeiten verfügt. Dazu zählt sie maschinelles Sehen, unbemannte Fahrzeuge, Logistik, industrielle Steuerung und Informationssicherheit.
Damit beschreibt sie keine generelle Aussichtslosigkeit der russischen KI-Entwicklung, sondern schlägt einen strategischen Kurswechsel vor: weg vom Versuch, amerikanische und chinesische Universalmodelle nachzubauen, hin zu begrenzten Anwendungen mit einem klaren praktischen Nutzen.
Gerade diese Unterscheidung ging in einem Teil der Berichterstattung verloren. Kasperskajas Aussage lautet nicht, Russland habe bei künstlicher Intelligenz insgesamt „keine Chance“. Ihr Befund ist präziser – und für die russische Technologiepolitik unangenehmer: Bei den prestigeträchtigen großen Grundmodellen hält sie den internationalen Zug für weitgehend abgefahren, während die Staatsführung gerade dort einen neuen souveränen Wettbewerb ausrufen will.

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