Inflationserwartungen der Russen steigen auf höchsten Stand seit Kriegsbeginn

Inflationserwartungen der Russen steigen auf höchsten Stand seit Kriegsbeginn

Die russische Bevölkerung rechnet für die kommenden zwölf Monate mit Preissteigerungen von 14,7 Prozent. Das ist deutlich mehr als die offiziell gemessene Inflation und der höchste Erwartungswert seit März 2022. Für die Zentralbank wird eine weitere Zinssenkung damit noch schwieriger.

Die Inflationserwartungen der russischen Bevölkerung sind im Juli sprunghaft gestiegen. Nach einer im Auftrag der Zentralbank durchgeführten Umfrage des Instituts InFOM erwarten die Befragten in den kommenden zwölf Monaten Preissteigerungen von 14,7 Prozent.

Im Juni hatte der entsprechende Median noch bei 12,4 Prozent gelegen. Der Anstieg um 2,3 Prozentpunkte innerhalb eines Monats gehört zu den stärksten seit Beginn der Erhebungen.

Ein höherer Wert wurde zuletzt im März 2022 gemessen. Unmittelbar nach Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine waren die Inflationserwartungen damals auf 18,3 Prozent gestiegen. Im Dezember 2021 hatten sie bei 14,8 Prozent gelegen.

Der aktuelle Anstieg beendet eine sechsmonatige Phase, in der die Erwartungen tendenziell zurückgegangen waren. Noch im Juni erreichte der Wert wieder das Niveau vom Sommer 2024. Die erhoffte Beruhigung hat sich damit innerhalb eines Monats umgekehrt.

Wahrgenommene Inflation bei 15,1 Prozent

Auch die von den Befragten persönlich wahrgenommene Inflation stieg. Die Russen schätzen, dass sich die von ihnen regelmäßig gekauften Waren und Dienstleistungen in den vergangenen zwölf Monaten um 15,1 Prozent verteuert haben. Im Juni waren es 14,2 Prozent.

Zwischen der amtlichen und der wahrgenommenen Inflation besteht damit eine erhebliche Lücke. Nach den jüngsten verfügbaren Berechnungen lag die offizielle Jahresteuerung Mitte Juli bei 5,62 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass eine der beiden Zahlen zwangsläufig falsch ist. Die amtliche Statistik misst einen breiten Warenkorb nach festgelegten Gewichtungen. Verbraucher orientieren sich stärker an häufig gekauften und besonders sichtbaren Produkten – etwa Lebensmitteln, Benzin, kommunalen Leistungen und Verkehrskosten. Deutliche Preissteigerungen in diesen Bereichen prägen die Wahrnehmung stärker als stabile oder sinkende Preise bei seltener gekauften Gütern.

Die Zahl von 14,7 Prozent ist ebenfalls keine Inflationsprognose der Zentralbank. Sie gibt wieder, welchen Preisanstieg der mittlere Befragte für die nächsten zwölf Monate erwartet.

Treibstoffkrise verändert die Stimmung

Als wesentlicher Auslöser des Stimmungsschwungs gilt die russische Treibstoffkrise. Benzin hat sich seit Jahresbeginn um mehr als 16 Prozent verteuert. In zahlreichen Regionen kam es zu Lieferausfällen, Warteschlangen und Abgabebeschränkungen.

Kraftstoffpreise besitzen für die Inflationswahrnehmung eine besondere Bedeutung. Sie sind täglich sichtbar und wirken zugleich auf Transport, Landwirtschaft, Lieferdienste und Produktion. Verbraucher erwarten daher, dass höhere Benzin- und Dieselpreise nach und nach auch Lebensmittel und andere Waren verteuern.

Im Juni stiegen die Verbraucherpreise gegenüber dem Vormonat um 0,87 Prozent. Nach Berechnungen von Analysten entfielen davon rund 0,33 Prozentpunkte unmittelbar auf Kraftstoff. Werden die stark schwankenden Preise für Treibstoff und Obst und Gemüse herausgerechnet, fiel der Preisdruck erheblich geringer aus.

Das ändert jedoch wenig an der Wirkung auf die Bevölkerung. Sichtbare Engpässe und stark steigende Preise beeinflussen die Erwartungen stärker als statistische Bereinigungen.

Erwartungen können Inflation verstärken

Für die Zentralbank sind Inflationserwartungen nicht nur ein Stimmungsindikator. Wenn Haushalte dauerhaft mit steigenden Preisen rechnen, verändern sie ihr Verhalten. Anschaffungen werden vorgezogen, Beschäftigte verlangen höhere Löhne und Unternehmen kalkulieren vorsorglich höhere Kosten ein.

Auf diese Weise können Erwartungen teilweise zu jener Inflation beitragen, die sie vorwegnehmen. Der russische Regulierer beobachtet den InFOM-Wert deshalb bei seinen Zinsentscheidungen besonders aufmerksam.

Der aktuelle Sprung kommt wenige Tage vor der nächsten Sitzung der Zentralbank am 24. Juli. Der Leitzins liegt derzeit bei 14,25 Prozent. Vor Veröffentlichung der neuen Umfrage hatten viele Analysten bereits erwartet, dass die Zentralbank ihre seit einem Jahr andauernden vorsichtigen Zinssenkungen unterbricht.

Eine weitere Senkung um 0,25 Prozentpunkte wird zwar nicht vollständig ausgeschlossen. Der Anstieg der Inflationserwartungen spricht jedoch für eine Pause und möglicherweise auch für einen strengeren geldpolitischen Ausblick.

Prognosen bereits angehoben

Auch professionelle Analysten haben ihre Erwartungen korrigiert. In der Juli-Umfrage der Zentralbank erhöhten sie ihre Prognose für die Inflation am Ende des Jahres von 5,3 auf 6,2 Prozent. Einige Ökonomen rechnen wegen der Treibstoffkrise inzwischen mit 6,5 bis 7,5 Prozent.

Zugleich wurde die erwartete durchschnittliche Höhe des Leitzinses für 2026 von 14,1 auf 14,5 Prozent angehoben. Für 2027 stieg die Prognose besonders deutlich von 10,6 auf 12,2 Prozent.

Die Zentralbank befindet sich damit erneut in ihrem bekannten Dilemma. Eine Zinssenkung würde der schwächelnden zivilen Wirtschaft helfen und die hohe Kreditbelastung der Unternehmen verringern. Sie könnte zugleich jedoch den Eindruck erwecken, der Regulierer nehme den neuen Inflationsschub nicht ernst.

Der Sprung auf 14,7 Prozent ist deshalb mehr als ein Ausdruck schlechter Stimmung. Er zeigt, dass die Kraftstoffkrise inzwischen das Vertrauen in eine weitere Beruhigung der Preise beschädigt hat. Selbst wenn sich die Versorgung an den Tankstellen stabilisiert, dürfte es länger dauern, bis auch die Erwartungen der Verbraucher wieder sinken.

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