In Russland stehen nach einem Bericht der Zeitung Iswestija derzeit mehr als 150 Tankstellen zum Verkauf. Private Betreiber begründen ihren Rückzug mit steigenden Einkaufspreisen, Lieferengpässen und wachsenden Schulden. Die Meldung fügt sich in die gegenwärtige Treibstoffkrise ein – die behauptete Verkaufswelle lässt sich anhand der genannten Zahlen jedoch nur eingeschränkt belegen.
Nach Recherchen von Iswestija wurden innerhalb eines Monats auf Verkaufsplattformen, Immobilienportalen und Unternehmensseiten mehr als 150 Angebote für Tankstellen veröffentlicht. Betroffen seien unter anderem die Gebiete Brjansk, Kursk, Samara, Iwanowo, Tambow, Rjasan, Nowosibirsk, Wladimir und Orenburg.
Die verlangten Preise reichen demnach von einer Million bis zu 150 Millionen Rubel. In Ufa wird außerdem ein Paket von 13 Tankstellen für insgesamt 350 Millionen Rubel angeboten. Einige Verkäufer erklärten der Zeitung, sie wollten mit dem Erlös ihre Schulden begleichen und anschließend nicht mehr in das Tankstellengeschäft zurückkehren.
Allerdings ist die Zahl von 150 Verkaufsanzeigen mit Vorsicht zu bewerten. Zu Jahresbeginn gab es in Russland nach Angaben des Berichts rund 27.700 Tankstellen, davon etwa 19.800 in unabhängiger Hand. Die jetzt angebotenen Objekte entsprächen damit weniger als einem Prozent der unabhängigen Stationen.
Zudem bleibt offen, wie viele vergleichbare Angebote in normalen Zeiten veröffentlicht werden. Ohne einen Vergleich mit früheren Monaten lässt sich aus 150 Inseraten allein noch kein landesweiter „Massenausverkauf“ ableiten. Auch ist nicht erkennbar, ob sämtliche Anzeigen tatsächlich neu eingestellt wurden, ob einzelne Stationen mehrfach angeboten werden oder ob sich Käufer für sie finden.
Besonders irreführend wäre es, die Verkaufsangebote großer Ölkonzerne vollständig der aktuellen Krise zuzurechnen. Auch Lukoil und Gazprom bieten einzelne Tankstellen beziehungsweise Grundstücke an. Gazprom erklärte jedoch, die betreffenden Objekte stünden teilweise bereits seit 2022 zum Verkauf und gehörten zu den nicht zum Kerngeschäft zählenden Vermögenswerten. Branchenvertreter halten es deshalb für unwahrscheinlich, dass sich die großen Ölgesellschaften nun in größerem Umfang aus dem Tankstellengeschäft zurückziehen.
Belastbarer erscheint dagegen die Diagnose, dass vor allem unabhängige Betreiber wirtschaftlich unter Druck geraten sind. Sie besitzen keine eigenen Raffinerien und müssen Benzin sowie Diesel an der Petersburger Rohstoffbörse oder bei Zwischenhändlern einkaufen. Steigen die Großhandelspreise, können vertikal integrierte Ölkonzerne ihre eigenen Tankstellennetze weiter bevorzugt versorgen und zeitweilige Verluste innerhalb des Konzerns ausgleichen. Kleine Betreiber haben diese Möglichkeit nicht.
Nach Angaben aus der Branche werden unabhängige Tankstellen bei knappen Liefermengen häufig erst nach den konzerneigenen Stationen und großen regionalen Ketten bedient. Gleichzeitig können sie ihre gestiegenen Einkaufskosten nicht ohne Weiteres an die Kunden weitergeben: Verlangen sie deutlich mehr als die großen Markenketten, wandern die Autofahrer zur Konkurrenz ab. Halten sie ihre Preise niedrig, verkaufen sie mit geringer Marge oder sogar unter ihren Kosten.
Diese strukturelle Benachteiligung wird durch die gegenwärtige Versorgungskrise verschärft. Vize-Regierungschef Alexander Nowak hatte einen Treibstoffmangel eingeräumt und ihn unter anderem mit ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Raffinerien begründet. Nach Berechnungen von RBK galten Mitte Juli in rund 80 russischen Regionen vollständige oder teilweise Beschränkungen bei der Abgabe von Kraftstoff.
Die Regierung versucht, den Binnenmarkt mit gesetzlichen Änderungen und Eingriffen in den sogenannten Dämpfermechanismus zu stabilisieren. Präsident Wladimir Putin erklärte zuletzt, die Versorgungslage werde sich schrittweise verbessern. Für Betreiber, die bereits Schulden angehäuft haben oder zeitweise nicht ausreichend beliefert werden, könnte diese Verbesserung jedoch zu spät kommen.
Damit ist die Iswestija-Meldung nicht frei erfunden, ihre zugespitzte Darstellung aber nur teilweise gedeckt. Belegt sind zahlreiche Verkaufsangebote und erhebliche wirtschaftliche Probleme unabhängiger Tankstellen. Nicht belegt ist bislang, dass Russland vor einem flächendeckenden Ausverkauf seines Tankstellennetzes steht.
Sollte die Krise länger anhalten, könnte sich dennoch genau diese Entwicklung beschleunigen: Unabhängige Betreiber würden aufgeben, während große, vertikal integrierte Ölgesellschaften deren Standorte übernehmen könnten. Der russische Tankstellenmarkt würde dadurch stärker konzentriert – und die Konkurrenz in den Regionen weiter geschwächt.

Kommentare