Gas geben: Russlands Benzinkrise treibt Autofahrer zum Autogas

Gas geben: Russlands Benzinkrise treibt Autofahrer zum Autogas

Engpässe bei Benzin und Diesel haben in Russland die Nachfrage nach gasbetriebenen Fahrzeugen deutlich erhöht. Besonders gefragt ist Flüssiggas, weil sich vorhandene Autos vergleichsweise schnell umrüsten lassen. Doch der Ansturm lässt auch die Preise für Anlagen und Kraftstoff steigen.

Die Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Benzin und Diesel führen in Russland zu einer Renaissance des Autogases. Nach Angaben des Russischen Ökologischen Verbandes REO ist die Zahl der Anfragen für den Einbau von Flüssiggasanlagen zuletzt um 30 bis 35 Prozent gegenüber dem üblichen Niveau gestiegen. Gleichzeitig verteuerte sich die Umrüstung nach Einschätzung des Verbandes um zehn bis 20 Prozent.

Auslöser sind die seit dem Sommer auftretenden Engpässe bei herkömmlichen Kraftstoffen. Ausfälle und Reparaturen in Raffinerien sowie Angriffe auf Anlagen der Ölindustrie hatten das Angebot verringert. Besonders in Regionen mit vielen unabhängigen Tankstellen kam es zu Versorgungsproblemen und zeitweise zu Beschränkungen beim Verkauf.

Für Besitzer von Pkw bietet sich vor allem Flüssiggas – ein Gemisch aus Propan und Butan – als kurzfristige Alternative an. Anders als der Wechsel zu einem Elektroauto oder einem Fahrzeug mit Methanantrieb setzt er keinen Neukauf voraus. Ein vorhandener Benziner kann mit einer zusätzlichen Tank- und Einspritzanlage weiterbetrieben werden.

Ein weiterer Vorteil ist die bereits vorhandene Infrastruktur. Nach Angaben des REO gibt es in Russland rund 10.000 Tankstellen, an denen Flüssiggas angeboten wird. Damit ist das Netz deutlich dichter als bei anderen alternativen Antrieben.

Bei großen Fahrzeugen stößt Propan-Butan allerdings an Grenzen. Für Busse, Lastwagen und Spezialfahrzeuge gilt Methan als wirtschaftlichere Lösung. Größere Fuhrparks, die bereits Methanfahrzeuge einsetzen, prüfen nach Angaben des REO deshalb wieder verstärkt deren Ausbau. Weil dafür in der Regel neue Fahrzeuge angeschafft werden müssen, erfolgt der Umstieg jedoch erheblich langsamer.

Auch Elektrofahrzeuge können den Ausfall von Benzin und Diesel kurzfristig kaum auffangen. Ende 2025 waren in Russland demnach knapp 83.000 reine Elektrofahrzeuge und etwa 450.000 Hybridautos registriert. Für viele Verbraucher ist ihre Anschaffung angesichts hoher Preise derzeit keine realistische Alternative.

Der neue Gasboom hat inzwischen auch den Großhandel erreicht. Im zweiten Quartal stieg der Verbrauch von Propan-Butan als Autogas und in kommunalen Betrieben gegenüber dem Vorjahr um fast neun Prozent auf 1,65 Millionen Tonnen. Die Verkäufe an der Petersburger Warenbörse legten um rund 20 Prozent auf 740.700 Tonnen zu.

Im Juli schossen die Börsenpreise für Flüssiggas zeitweise um mehr als 60 Prozent auf rund 44.500 Rubel je Tonne. Das war der höchste Stand seit September 2021. Neben der gestiegenen Nachfrage trugen Wartungsarbeiten, ungeplante Raffinerieausfälle und saisonale Faktoren zu dem Preissprung bei. Inzwischen haben die Notierungen wieder etwas nachgegeben.

Denis Kornijenko, Berater des Vorsitzenden des REO für Ökologie und Verkehr, rechnet damit, dass sich die Großhandelspreise in nächster Zeit wieder dem Niveau des vergangenen Jahres annähern. Eine rasche und umfassende Umstellung des Fahrzeugbestandes erwartet er dennoch nicht. Die Zahl der Werkstätten und die Verfügbarkeit von Umrüstsätzen sind begrenzt.

Kornijenko warnt zugleich davor, das Interesse an alternativen Kraftstoffen nach einer Normalisierung der Benzinversorgung wieder einschlafen zu lassen. Russland müsse seinen Kraftstoffmix dauerhaft breiter aufstellen. Eine stärkere Nutzung von Autogas, Methan und Elektroantrieben könne nicht nur die Emissionen in Großstädten senken, sondern auch die Abhängigkeit des Verkehrs von einzelnen Kraftstoffarten verringern.

Die gegenwärtige Krise hat damit eine russische Besonderheit sichtbar gemacht: Ein Land mit riesigen Öl- und Gasreserven kann zwar genügend Energie besitzen – und dennoch an der Verteilung des richtigen Kraftstoffs zur richtigen Zeit scheitern. Nun geben die Autofahrer Gas, weil es an Benzin fehlt.

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