Wildberries unter Beschuss: Wenn ein Marktplatz zum Wirtschaftsrisiko wird

Wildberries unter Beschuss: Wenn ein Marktplatz zum Wirtschaftsrisiko wird

Die wiederholten ukrainischen Drohnenangriffe auf Lagerhäuser von Wildberries treffen nicht nur Russlands größten Onlinehändler. Eine Analyse von The Bell zeigt, wie eng inzwischen Einzelhandel, Logistik, Konsum, Staatsfinanzen und Banken mit dem Konzern verflochten sind. Wildberries ist faktisch „too big to fail“.

Seit Mitte Juli werden Logistikzentren von Wildberries systematisch mit Drohnen angegriffen. Nach Berechnungen von The Bell waren bis Anfang August Lagerflächen von insgesamt fast 1,8 Millionen Quadratmetern betroffen – bis zu einem Viertel der gesamten Logistikkapazität des Unternehmens. Ein 180.000 Quadratmeter großes Lager in der Region Samara soll vollständig niedergebrannt sein.

Die direkten Verluste von Wildberries werden auf mehr als 100 Milliarden Rubel geschätzt. Im ungünstigsten Fall könnten sie 200 Milliarden Rubel erreichen. Hinzu kommen Waren unabhängiger Händler im geschätzten Wert von mindestens 280 Milliarden Rubel.

Damit trifft die Zerstörung der Lager eine Infrastruktur, die inzwischen systemrelevante Dimensionen erreicht hat. Über Wildberries laufen bis zu zehn Prozent des russischen Einzelhandelsumsatzes. Der Warenumsatz des Unternehmens betrug 2025 rund 6,1 Billionen Rubel. Gemeinsam kontrollieren Wildberries und Ozon etwa 80 Prozent des russischen Onlinehandels.

Das Wachstumsmodell gerät unter Druck

Die unmittelbare Gefahr besteht nicht allein im Verlust von Gebäuden und Waren. Verkäufer beginnen offenbar, ihre Bestände auf andere Plattformen zu verlagern, weil sie weitere Angriffe befürchten. Quellen von The Bell berichten bereits von sinkenden Umsätzen bei Wildberries.

Das könnte das Geschäftsmodell des Konzerns ins Wanken bringen. Wie andere große Handelsplattformen finanziert Wildberries einen Teil seines laufenden Betriebs mit Geldern, die zwischen dem Verkauf einer Ware und der späteren Auszahlung an den Händler verfügbar sind. Solange der Umsatz steigt, fließt ständig neues Geld nach.

Bei fallenden Umsätzen funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr reibungslos. Wildberries müsste entweder zusätzliche Verluste aufnehmen oder die Zahlungen an seine Händler weiter hinauszögern. Aus drei Wochen könnten drei Monate werden. Dadurch würden die Liquiditätsprobleme an Hunderttausende meist kleine und mittlere Verkäufer weitergereicht.

Höhere Preise durch weniger effiziente Logistik

Auch ohne einen Zusammenbruch von Wildberries dürften die Angriffe die Preise erhöhen. Das bisherige Erfolgsmodell der Marktplätze beruht auf großen, hoch konzentrierten Logistikzentren. Dort werden Waren gelagert, Bestellungen zusammengestellt, verpackt und an die Kunden verschickt. Die Konzentration senkt Kosten und beschleunigt den Warenumschlag – macht die Anlagen aber zugleich zu attraktiven und verwundbaren Zielen.

Wildberries und seine Konkurrenten müssen ihre Lagerbestände nun stärker verteilen, wertvolle Waren aus großen Zentren abziehen und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen finanzieren. Ozon hat bereits auf entsprechende Vorkehrungen verwiesen. Große stationäre Handelsketten überprüfen ebenfalls ihre Logistik.

Diese Dezentralisierung erhöht Transport-, Lager- und Versicherungskosten. Bei Elektronik und Markenartikeln rechnen Marktbeobachter in den kommenden Monaten mit Preisaufschlägen von drei bis sieben Prozent. Hinzu kommen die Kosten für den Wiederaufbau zerstörter Lager und die Beschaffung neuer Waren.

Die russische Zentralbank hatte bereits nach der ersten Angriffswoche eingeräumt, dass die Zerstörungen einen vorübergehenden Inflationsschub auslösen könnten. Problematisch würde es, wenn aus der einmaligen Verteuerung ein dauerhafter Anstieg der Kosten und Inflationserwartungen entsteht.

Konsum schwächt sich bereits ab

Erste Transaktionsdaten deuten darauf hin, dass die Angriffe den Konsum bremsen. Nach Angaben des SberIndex gingen die Ausgaben auf Online-Marktplätzen zunächst innerhalb einer Woche um elf Prozent und in der folgenden Woche nochmals um sechs Prozent zurück. Sie lagen damit rund 15 Prozent unter dem Durchschnitt des Monats Juni.

Für die nahezu stagnierende russische Wirtschaft kommt das zur Unzeit. Das Wirtschaftsministerium bezifferte das Wachstum im ersten Halbjahr 2026 auf lediglich 0,3 Prozent. Der Geschäftsklimaindex der Zentralbank fiel im Juli auf den niedrigsten Stand seit Mitte 2022. Da der private Konsum zu den letzten verbliebenen Wachstumsmotoren zählt, könnten anhaltende Störungen im Onlinehandel die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte weiter in Richtung Rezession drücken.

Staat und VTB als letzte Sicherung

Die von The Bell befragten Marktteilnehmer gehen davon aus, dass der Staat Wildberries im Ernstfall nicht untergehen lassen wird. Dafür ist der Konzern inzwischen zu bedeutend – auch weil zwischen knapp 500.000 und mehr als einer Million Menschen über die drei größten Marktplätze Waren verkaufen.

Diskutiert werden Steuer- und Krediterleichterungen, Umschuldungen sowie vergünstigte Betriebsmittelkredite für geschädigte Händler. Auch Lagerkapazitäten der staatlichen Russischen Post könnten bereitgestellt werden. Vorrang sollen möglicherweise Kleinstunternehmen erhalten.

Der finanzielle Spielraum der Regierung ist allerdings begrenzt. Das Haushaltsdefizit erreichte im ersten Halbjahr fast sechs Billionen Rubel und lag damit bereits deutlich über der ursprünglichen Jahresplanung. Der liquide Teil des Nationalen Wohlstandsfonds ist auf 3,6 Billionen Rubel geschrumpft.

Eine zentrale Rolle bei einer Rettung könnte deshalb die Staatsbank VTB übernehmen. Wildberries soll insgesamt mit mehr als 1,3 Billionen Rubel verschuldet sein. Nach Informationen von The Bell entfallen davon etwa 500 Milliarden Rubel auf VTB. Wildberries selbst veröffentlicht keine vollständigen Konzernzahlen und erklärt lediglich, seine Verschuldung liege unter dem Zweifachen des operativen Ergebnisses.

Für das russische Bankensystem insgesamt wäre eine Krise des Marktplatzes nach Einschätzung von Bankern zwar beherrschbar. Für einzelne Institute – allen voran VTB, die selbst zusätzliches Kapital benötigt – könnte sie jedoch zu einem erheblichen Problem werden.

Der entscheidende Befund der Analyse lautet deshalb: Wildberries ist weit mehr als ein großer Onlinehändler. Der Konzern ist zu einem Knotenpunkt der russischen Wirtschaft geworden. Wird dieser Knoten dauerhaft beschädigt, verteilen sich die Folgen über Verkäufer und Verbraucher bis hin zu Inflation, Wirtschaftswachstum, Staatshaushalt und Banken. Genau diese Vernetzung macht die Logistik des Unternehmens zu einem wirtschaftlich besonders wirkungsvollen Angriffsziel.

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