Der Ökonom, der zu deutlich wurde

Der Ökonom, der zu deutlich wurde

Der russische Ökonom Andrei Klepatsch hat zwölf Jahre lang als Chefökonom der staatlichen Entwicklungsgesellschaft VEB.RF gearbeitet. Zuvor war er zehn Jahre im Wirtschaftsministerium tätig, davon sechs Jahre als stellvertretender Minister. Er diente unter Elwira Nabiullina, Andrei Beloussow und Alexei Uljukajew, saß in Aufsichtsgremien großer Staatskonzerne und gehörte damit fest zum wirtschaftspolitischen Establishment Russlands.

Nun hat der 67-Jährige seinen Posten verloren. Offiziell nennt die VEB.RF keinen Grund. Klepatsch selbst bestätigte lediglich, dass er nicht mehr für die staatliche Entwicklungsgesellschaft arbeite. Konkrete berufliche Pläne habe er noch nicht: „Wir werden sehen, wie es weitergeht.“

Nach Recherchen von The Bell hängt seine Entlassung jedoch unmittelbar mit einem Vortrag zusammen, den Klepatsch bereits am 21. Mai vor dem Moskauer Nikitski-Klub gehalten hatte. Einer der Informanten behauptet, VEB-Chef Igor Schuwalow habe Klepatsch nach einem „Anruf von oben“ entlassen. Ein zweiter bestätigte zumindest den Zusammenhang mit dem Vortrag. Unabhängig überprüfen lässt sich der angebliche Anruf nicht. Gegenüber Wedomosti erklärte ein Bekannter Klepatschs, dessen „persönliche scharfe Bewertungen“ der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung hätten nicht mit der Position der Staatskorporation übereingestimmt. Kommersant berichtet inzwischen ebenfalls über diese Darstellung.

Bemerkenswert ist weniger, was Klepatsch gesagt hat, als wann seine Worte plötzlich zum Problem wurden. Der Vortrag war keine heimliche Oppositionsrede. Er fand in einem etablierten Diskussionsforum unter Beteiligung zahlreicher russischer Wissenschaftler statt und wurde anschließend vollständig veröffentlicht. Fast drei Monate lang geschah nichts. Erst als The Moscow Times am 14. August einzelne Aussagen herausgriff und andere Medien sie verbreiteten, verlor Klepatsch zwei Tage später seinen Posten.

Nicht die Analyse war neu – neu war ihre Öffentlichkeit.

Russland überlebt, fällt aber zurück

Klepatschs Diagnose unterschied sich deutlich von den Katastrophenprognosen, die seit Beginn des Krieges immer wieder einen baldigen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft vorhersagen. Einen solchen Kollaps erwartet er ausdrücklich nicht. Die russische Wirtschaft sei widerstandsfähig und werde überleben.

Gerade darin liegt jedoch die Schärfe seiner Aussage: Überleben bedeute noch lange nicht, erfolgreich zu sein.

Nach den hohen Wachstumsraten der Jahre 2023 und 2024 sei das russische Wachstum bereits 2025 deutlich zurückgegangen. Unter den Bedingungen eines anhaltenden Krieges, der Sanktionen, hoher Zinsen und künftig auch einer strafferen Haushaltspolitik hält Klepatsch dauerhaft mehr als zwei bis zweieinhalb Prozent Wachstum für kaum erreichbar. Für 2027 rechnet er sogar nur mit einem Plus von ein bis eineinhalb Prozent.

Damit werde Russland nicht nur gegenüber den USA und China, sondern gegenüber der Weltwirtschaft insgesamt weiter zurückfallen. Investitionen gingen zurück, die zivile Industrie stagniere, und bei Maschinenbau, Mikroelektronik und Produktionsmitteln bleibe die Wirtschaft strukturell schwach. Klepatsch beschrieb sie als einen Körper mit „schmaler Taille“: unten ein mächtiger Rohstoff- und Energiesektor, oben ein umfangreicher Dienstleistungsbereich – dazwischen jedoch ein zu dünner industrieller Kern.

Besonders folgenreich war seine Bewertung des Konflikts mit der Ukraine. Russland unterliege der Illusion, die ukrainische Wirtschaft werde irgendwann zusammenbrechen. Das sei bislang nicht geschehen und werde auch künftig nicht geschehen, solange westliche Staaten Kiew finanzierten.

„In diesem Abnutzungskrieg werden wir den Wettbewerb nicht gewinnen“, erklärte Klepatsch. Russland verliere wirtschaftlich und technologisch nicht nur gegenüber China und den USA, sondern „in mancher Hinsicht auch gegenüber der Ukraine“.

Dabei bestritt er weder die Zerstörung der ukrainischen Wirtschaft noch deren Abhängigkeit von westlicher Hilfe. Seine Argumentation war vielmehr kühl ökonomisch: Russland müsse seine militärischen und wirtschaftlichen Kosten weitgehend selbst tragen, während hinter der Ukraine die finanziellen Ressourcen eines großen Teils der westlichen Welt stünden. Die Erwartung, der Gegner werde zuerst erschöpft zusammenbrechen, sei daher keine Strategie, sondern eine Illusion.

Die größere Gefahr ist sozial

Klepatsch warnte zugleich davor, wirtschaftliche Stabilität mit gesellschaftlicher Stabilität zu verwechseln. Die Wirtschaft könne Sanktionen und Kriegsausgaben verkraften, während sich im Inneren dennoch ein sozialer Krisenstoff ansammele.

Er verwies auf sinkende Investitionen, geringe Produktivitätszuwächse, wachsende Ungleichheit und die zunehmende Kluft zwischen Löhnen und Renten. Auch die Einkommen kleiner und mittlerer Unternehmen gerieten unter Druck. Zugleich verschlechtere sich nach Einschätzung vieler Bürger die Qualität der Gesundheitsversorgung.

Ein solcher Prozess müsse nicht in einer klassischen Wirtschaftskrise enden. Klepatsch zog vielmehr Parallelen zur Februarrevolution von 1917 und zum Zerfall der Sowjetunion: Gesellschaftliche Umbrüche könnten gerade dann einsetzen, wenn das wirtschaftliche System äußerlich noch funktioniere und kaum jemand mit einem unmittelbaren Zusammenbruch rechne.

„Ich glaube nicht, dass Russland zusammenbrechen wird“, sagte er. „Aber ich bin fast sicher, dass wir uns auf eine soziale Krise zubewegen.“

Das war keine oppositionelle Losung, sondern die Risikoeinschätzung eines Mannes, der jahrzehntelang innerhalb des russischen Staatsapparats gearbeitet hat. Klepatsch gehörte nicht zu jenen Ökonomen, die nach dem Februar 2022 das Land verließen. Er stellte weder die Legitimität des Staates noch dessen Recht auf eine eigenständige Wirtschaftspolitik infrage. Selbst in seinem problematisch gewordenen Vortrag sprach er von „wir“, wenn er Russland meinte.

Sein Vergehen bestand offenbar nicht darin, die russische Wirtschaft für schwach zu halten. Er hielt sie im Gegenteil für erstaunlich belastbar. Doch er unterschied zwischen Belastbarkeit und Zukunftsfähigkeit – und widersprach damit der offiziellen Erzählung, nach der Widerstand gegen Sanktionen bereits als Beweis für einen strategischen Sieg gelten kann.

Ein Warnsignal für den Staatsapparat

Das Schicksal Klepatschs zeigt, wie eng der Raum für fachliche Abweichungen inzwischen selbst innerhalb des russischen Systems geworden ist. Ein Chefökonom darf Risiken berechnen, solange seine Berechnungen in Fachkreisen bleiben oder als persönliche Meinung gekennzeichnet werden. Sobald daraus eine öffentlich verständliche politische Diagnose wird, kann dieselbe Expertise zur Belastung werden.

Für die VEB.RF ist die Trennung kurzfristig bequem. Die Staatskorporation kann sich von Klepatschs Aussagen distanzieren und einen weniger eigensinnigen Nachfolger einsetzen. Die von ihm beschriebenen Probleme verschwinden dadurch jedoch nicht.

Alexandra Prokopenko vom Berliner Carnegie-Zentrum nennt Klepatsch einen der besten Makroökonomen Russlands. Seine Prognosen seien häufig düsterer als die offiziellen Zahlen gewesen, weil sie sich stärker an der beobachtbaren Wirklichkeit als an politischen Erwartungen orientierten. Schon im Wirtschaftsministerium hatte er sich öffentlich mit seinem damaligen Vorgesetzten Alexei Uljukajew gestritten.

So betrachtet ist Klepatschs Entlassung mehr als eine Personalie. Ein Staat, der seine Experten dafür bestraft, dass ihre Analysen außerhalb geschlossener Räume wahrgenommen werden, beseitigt nicht die schlechte Nachricht. Er beschädigt das Instrument, mit dem er sie rechtzeitig erkennen könnte.

Andrei Klepatsch sagte, Russland werde wirtschaftlich nicht zusammenbrechen. Sein eigenes Schicksal zeigt allerdings, wie schwer es inzwischen geworden ist, innerhalb des russischen Staatsapparats öffentlich darüber zu sprechen, welchen Preis das bloße Überleben kostet.

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