Russlands „Abwrackgebühr“ bringt 40 Prozent mehr – und bleibt doch weit hinter dem Plan

Russlands „Abwrackgebühr“ bringt 40 Prozent mehr – und bleibt doch weit hinter dem Plan

Der russische Staat hat seit Jahresbeginn 309,2 Milliarden Rubel aus der sogenannten Recyclinggebühr für Kraftfahrzeuge eingenommen. Das waren 40 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025. Die Zahl klingt zunächst nach einem beträchtlichen Erfolg – entspricht aber nicht einmal einem Fünftel der für das Gesamtjahr eingeplanten 1,65 Billionen Rubel.

Der russische Begriff „Utilsbor“ wird häufig als Abwrack- oder Verschrottungsgebühr übersetzt. Mit der deutschen Abwrackprämie hat das Instrument jedoch wenig gemeinsam: Der Staat zahlt den Autobesitzern kein Geld für die Verschrottung eines alten Fahrzeugs, sondern erhebt bereits bei Produktion oder Einfuhr eines Autos eine Abgabe für dessen spätere Entsorgung.

In der Praxis ist daraus längst mehr geworden als eine Umweltabgabe. Der Utilsbor dient zugleich als Importzoll, Schutzinstrument für die russische Automobilindustrie und zunehmend als Einnahmequelle für den föderalen Haushalt.

Höhere Sätze und mehr Importe

Der kräftige Einnahmezuwachs geht vor allem auf zwei Veränderungen zurück. Seit Dezember 2025 wird die Gebühr nach einer neuen Methode berechnet, bei der neben Alter, Hubraum und Fahrzeugtyp auch die Motorleistung stärker ins Gewicht fällt. Zum Jahresbeginn 2026 wurden die Berechnungskoeffizienten außerdem um zehn bis 20 Prozent angehoben.

Hinzu kommt eine Belebung des Automarktes. Sinkende Kreditzinsen haben die Nachfrage nach Fahrzeugen etwas gestützt. Gleichzeitig nahm der alternative Import wieder deutlich zu. Allein im Juli wurden nach Angaben von Autostat 21.500 neue Pkw auf diesem Weg nach Russland gebracht – fast 60 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Die zusätzlichen Importe erhöhen zwar die Auswahl auf dem russischen Markt, bringen dem Staat aber zugleich höhere Einnahmen, weil importierte Fahrzeuge im Gegensatz zu stark lokalisierten russischen Modellen in der Regel keine oder nur geringe Kompensationen erhalten.

Nicht einmal 20 Prozent des Jahresplans

Trotz des Zuwachses klafft zwischen dem bisherigen Aufkommen und dem Haushaltsplan eine erhebliche Lücke. Für 2026 sind Einnahmen von 1,647 Billionen Rubel vorgesehen. Bis Mitte August waren davon lediglich rund 19 Prozent eingegangen.

Das Finanzministerium erklärt die niedrige Quote mit einem Sondereffekt: Die Zahlungsfristen für in Russland produzierte Fahrzeuge wurden weitgehend auf Dezember verschoben. Ein großer Teil der Einnahmen soll daher erst zum Jahresende verbucht werden.

Nach der Haushaltsplanung sollen rund 1,09 Billionen Rubel von in Russland hergestellten Fahrzeugen stammen und etwa 561 Milliarden Rubel von Importautos. Ob der Gesamtplan erreicht wird, hängt damit nicht nur von den Einfuhren, sondern vor allem von der russischen Automobilproduktion und den im Dezember fälligen Zahlungen der Hersteller ab.

Allerdings sind die ausgewiesenen Einnahmen nur die eine Seite der Rechnung. Russische Produzenten müssen den Utilsbor zwar zunächst ebenfalls bezahlen, können ihn jedoch über staatliche Industriesubventionen teilweise oder vollständig zurückerhalten. Die Höhe der Kompensation richtet sich nach dem Grad der Lokalisierung: Je mehr Bauteile und Produktionsschritte aus Russland stammen, desto größer ist die Rückerstattung.

Die 1,65 Billionen Rubel sind daher keine reine Nettoeinnahme des Staates. Ein erheblicher Teil des Geldes fließt über Förderprogramme wieder an die heimischen Hersteller zurück.

Ein Zoll, der nicht Zoll heißen soll

Eingeführt wurde die Gebühr 2012, kurz nach Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation. Formal sollte sie die spätere umweltgerechte Entsorgung von Fahrzeugen finanzieren. Tatsächlich erlaubte sie Moskau, importierte Autos zusätzlich zu belasten, ohne offen einen neuen Schutzzoll einzuführen.

Seit dem Rückzug zahlreicher westlicher Hersteller und der raschen Expansion chinesischer Marken hat diese Funktion weiter an Bedeutung gewonnen. Über den Utilsbor versucht der Staat, den direkten Import fertiger Fahrzeuge zu verteuern und ausländische Hersteller zur Montage in Russland sowie zu einer tieferen Lokalisierung zu bewegen.

Bezahlt wird die Industriepolitik letztlich weitgehend vom Autokäufer. Importeure schlagen die Abgabe auf den Fahrzeugpreis auf; auch russische Hersteller können höhere Marktpreise verlangen, wenn ihre ausländische Konkurrenz durch den Utilsbor verteuert wird.

Der Anstieg der Einnahmen um 40 Prozent ist deshalb weniger ein Zeichen dafür, dass in Russland plötzlich mehr Autos umweltgerecht entsorgt werden. Er zeigt vor allem, wie stark der Staat die Belastung des Fahrzeugkaufs erhöht hat. Und selbst diese höhere Belastung reicht bislang nicht aus, um die sehr ehrgeizigen Erwartungen des Haushalts zu erfüllen.

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