Russlands Zentralbank warnt vor engem Zinsspielraum und einer möglichen KI-Blase

Russlands Zentralbank warnt vor engem Zinsspielraum und einer möglichen KI-Blase

Die russische Zentralbank dämpft die Hoffnung auf rasch sinkende Zinsen. Steigende Treibstoffkosten und eine expansive Haushaltspolitik könnten den Preisauftrieb länger hochhalten. Für den Fall eines weltweiten Finanzschocks hat die Notenbank zudem erstmals eine mögliche KI-Blase als Krisenauslöser in ihre Szenarien aufgenommen.

Der Spielraum für weitere Zinssenkungen in Russland ist kleiner geworden. Das erklärte der stellvertretende Vorsitzende der Zentralbank, Alexej Sabotkin, am Montag bei der Vorstellung der geldpolitischen Leitlinien für die Jahre 2027 bis 2029. Bereits bei der letzten Zinsrunde im Juli habe die Notenbank ihre Möglichkeiten für eine Lockerung enger eingeschätzt und deshalb ihre Zinsprognosen für dieses und das kommende Jahr angehoben.

Über den Leitzins entscheidet der Zentralbankrat das nächste Mal am 11. September. Ende Juli war er lediglich um 0,25 Prozentpunkte von 14,25 auf 14 Prozent gesenkt worden. Weitere Schritte sollen davon abhängen, ob die Inflation wie geplant 2027 wieder auf das Ziel von vier Prozent zurückgeführt werden kann.

Ein zusätzliches Problem ist die gegenwärtige Kraftstoffkrise. Höhere Benzin- und Dieselpreise schlagen nicht nur unmittelbar auf den Verbraucherpreisindex durch. Über Transport-, Produktions- und Lieferkosten verteuern sie auch andere Waren. Wie stark dieser indirekte Effekt ausfällt, will die Zentralbank nach Angaben Sabotkins erst bei ihrer umfassenden Prognoserunde im Oktober bewerten. Damit bleibt vor der September-Sitzung ein erheblicher Unsicherheitsfaktor bestehen.

Der Staat hält die Nachfrage hoch

Noch grundsätzlicher ist der Konflikt zwischen Geld- und Haushaltspolitik. Während die Zentralbank mit hohen Zinsen die Nachfrage bremsen will, stützen staatliche Ausgaben, subventionierte Kredite und Investitionsprogramme weiterhin die Konjunktur. Auf diesen Teil der Nachfrage kann die Geldpolitik nur begrenzt einwirken.

Im Basisszenario erwartet die Zentralbank für 2026 ein Wirtschaftswachstum von höchstens einem Prozent und eine Inflation zwischen sechs und sieben Prozent. 2027 soll sich das Wachstum auf 1,5 bis 2,5 Prozent beschleunigen und die Inflation auf vier Prozent zurückgehen. Dafür müsste der durchschnittliche Leitzins im kommenden Jahr allerdings noch immer zwischen 10,5 und 12,5 Prozent liegen. Erst 2029 könnte er den von der Zentralbank als neutral betrachteten Bereich von 7,5 bis 8,5 Prozent erreichen.

Schon diese Hauptprognose setzt damit voraus, dass die Zinsen nur langsam sinken. Sie geht außerdem davon aus, dass die Sanktionen fortbestehen und der für die russischen Staatseinnahmen maßgebliche Ölpreis nach rund 60 Dollar je Barrel im laufenden Jahr auf etwa 50 Dollar fällt.

Noch ungünstiger sieht das sogenannte proinflationäre Szenario aus. Es unterstellt, dass der strukturelle Haushaltsfehlbetrag länger bestehen bleibt, die Binnennachfrage weniger stark nachlässt und Sanktionen sowie protektionistische Maßnahmen das Angebot verteuern. Dann müsste der Leitzins 2027 im Jahresdurchschnitt zwischen 13 und 15 Prozent und 2028 noch zwischen elf und zwölf Prozent liegen.

Das ist keine Prognose, sondern eine Modellrechnung. Sie verdeutlicht jedoch die Botschaft der Zentralbank an die Regierung: Bleiben die Staatsausgaben hoch, müssen Unternehmen und Verbraucher länger mit teuren Krediten leben.

KI als Produktivitätsschub – oder Auslöser einer Krise

Den auffälligsten Teil der neuen Szenarien bildet allerdings die künstliche Intelligenz. Im günstigsten Fall betrachtet die Zentralbank sie als Produktivitätstreiber. Unternehmen könnten Arbeit und Kapital effizienter einsetzen, die russische Wirtschaft schneller wachsen und die Geldpolitik früher gelockert werden.

Im Risikoszenario spielt dieselbe Technologie die entgegengesetzte Rolle. Die Zentralbank hält es für möglich, dass die in den Börsenkursen großer Technologieunternehmen eingepreisten Erwartungen an den wirtschaftlichen Nutzen von KI deutlich überhöht sind. Eine abrupte Neubewertung könnte die Kurse einbrechen lassen, Kreditausfälle auslösen und bestehende Ungleichgewichte an den Finanzmärkten verschärfen.

Als Modell unterstellt die Notenbank einen weltweiten Finanzschock von ähnlicher Größenordnung wie 2007 und 2008. Er würde im zweiten Quartal 2027 beginnen und in der zweiten Jahreshälfte seinen Höhepunkt erreichen. Eine Rezession in den USA und der Eurozone sowie eine Abschwächung in China ließen die globale Nachfrage und die Ölpreise einbrechen.

Für Russland wären die Folgen besonders schwerwiegend: Die Zentralbank rechnet in diesem Extremfall 2027 mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um drei bis vier Prozent und 2028 mit einem weiteren Minus von 1,5 bis 2,5 Prozent. Zugleich könnten niedrige Rohstoffpreise und zusätzliche Staatsausgaben die liquiden Reserven des Nationalen Wohlstandsfonds rasch aufzehren.

Sabotkin betonte ausdrücklich, dass dies keine Vorhersage für 2027 sei. Das Szenario solle lediglich zeigen, wie Wirtschaft und Geldpolitik auf einen weltweiten Schock reagieren könnten. Bemerkenswert bleibt dennoch, dass die Zentralbank eine KI-getriebene Neubewertung der Technologiemärkte inzwischen für wichtig genug hält, um sie in ihr offizielles Krisenmodell aufzunehmen.

Die spektakuläre Warnung vor einer KI-Blase verdeckt dabei fast die unmittelbarere Nachricht: Russlands hohe Zinsen sind nicht allein eine Folge äußerer Risiken. Je stärker der Staat die Nachfrage mit Haushaltsausgaben und vergünstigten Krediten stützt, desto länger wird die Zentralbank versuchen, mit teurem Geld gegenzuhalten.

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