Chinesische Hersteller beherrschen inzwischen große Teile des russischen Automarkts. Gleichzeitig erlaubt Moskau wegen der Kraftstoffkrise wieder Benzin der alten Umweltklasse Euro 2. Berichte über Motorschäden zeigen, wie schlecht moderne chinesische Technik und russische Krisenwirtschaft bisweilen zusammenpassen.
China ist für Russlands Autofahrer längst mehr als nur ein Ersatz für die nach 2022 zurückgezogenen westlichen Marken. Das Land liefert Fahrzeuge, produziert zunehmend in Russland und versorgt zugleich auch europäische, japanische, koreanische und russische Autos mit Ersatzteilen.
In den ersten sieben Monaten 2026 stiegen die chinesischen Lieferungen von Autoteilen und Komponenten nach vorläufigen Angaben um rund 15 Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar. Das wäre ein neuer Höchststand. Bereits im ersten Halbjahr hatten die chinesischen Zollbehörden einen Zuwachs um 14,3 Prozent auf 1,19 Milliarden Dollar registriert.
Mehr als die Hälfte der nach Russland eingeführten Autoteile kommt inzwischen aus China. Der Anteil wächst weiter.
Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Der Bestand chinesischer Fahrzeuge in Russland wird größer und benötigt entsprechend mehr Wartung und Reparaturen. Zugleich ist der russische Fahrzeugpark insgesamt überaltert: Mehr als 70 Prozent der Autos sind älter als zehn Jahre. Nach dem Rückzug westlicher Hersteller fehlen außerdem viele europäische, amerikanische und japanische Originalteile oder gelangen nur über langwierige Parallelimporte ins Land.
China füllt diese Lücke. Filter, Bremsbeläge, Bremsscheiben, Fahrwerksteile, Kühlsysteme und elektronische Komponenten sind vergleichsweise gut verfügbar. Nach Einschätzung russischer Marktteilnehmer lassen sich in rund 90 Prozent der Reparaturfälle passende Teile beschaffen.
Allerdings sind auch sie teurer geworden. Je nach Produktgruppe und Erhebung stiegen die Preise seit Jahresbeginn um fünf bis 30 Prozent. Die Werkstattkette Fit Service meldet zugleich fünf Prozent weniger Kundenbesuche. Viele Autobesitzer fahren weniger und verschieben Reparaturen, die nicht unbedingt notwendig sind.
Benzin aus der Zeit der „Schiguli“
Während China moderne Autos und Ersatzteile liefert, hat Russland seine Anforderungen an den Kraftstoff zurückgeschraubt.
Anfang August erlaubte die Regierung bis zum 1. Juli 2027 wieder die Herstellung, Einfuhr und den Verkauf von Benzin der Umweltklassen Euro 2, Euro 3 und Euro 4. In Russland entsprechen sie den Klassen K2 bis K4. Seit 2016 durfte regulär nur noch Benzin der Klasse Euro 5 verkauft werden; Euro 2 war bereits 2013 aus dem Verkehr gezogen worden.
Das Energieministerium bezeichnet die Rückkehr zu den älteren Kraftstoffklassen als vorübergehende Antikrisenmaßnahme. Sie soll zusätzliche Benzinmengen auf den Binnenmarkt bringen und Versorgungsunterbrechungen verhindern. Tankstellen müssen den Kunden anzeigen, welcher Umweltklasse der angebotene Kraftstoff entspricht.
Die Herabsetzung der Standards folgt auf wiederholte Engpässe am russischen Kraftstoffmarkt. Angriffe auf Raffinerien, Reparaturausfälle und eine saisonal hohe Nachfrage haben die Versorgung belastet. Selbst auf den Ersatzteilhandel wirkt sich die Krise bereits aus: Werkstätten berichten, Autofahrer nutzten ihre Fahrzeuge weniger, weil Treibstoff teuer oder regional nicht zuverlässig erhältlich sei.
Moderne Motoren reagieren empfindlich
Kurz nach der Freigabe des älteren Benzins berichtete der Telegram-Kanal Mash über eine stark gestiegene Zahl von Werkstattbesuchen chinesischer Fahrzeuge. Betroffen seien unter anderem Modelle von Haval, Chery, Geely, Changan, Exeed, Omoda und Jetour.
Einzelne Werkstätten hätten zuvor ein bis zwei entsprechende Fälle pro Woche behandelt, inzwischen seien es sieben bis zehn. Genannt werden Störungen an Einspritzdüsen, Hochdruck-Kraftstoffpumpen und Zündkerzen. Die Fahrzeuge verlören an Leistung, starteten schlechter, verbrauchten mehr Benzin oder zeigten Motorfehler an.
Die Angaben sind bislang weder durch eine umfassende Statistik noch durch Stellungnahmen der genannten Hersteller bestätigt. Auch bleibt offen, ob in allen Fällen tatsächlich Benzin der Klasse Euro 2 getankt wurde und ob dieses zweifelsfrei die Ursache der Schäden war. Von gesicherten „massenhaften Motorschäden“ kann daher noch nicht gesprochen werden.
Das technische Risiko ist dennoch plausibel. Die Umweltklasse eines Kraftstoffs sagt zwar nichts über seine Oktanzahl aus. Euro-2-Benzin ist also nicht automatisch weniger klopffest als Euro 5. Es darf jedoch erheblich mehr Schwefel und andere unerwünschte Bestandteile enthalten.
Der zulässige Schwefelgehalt liegt bei Euro 5 bei höchstens zehn Milligramm je Kilogramm. Für Euro 2 sind bis zu 500 Milligramm erlaubt – das Fünfzigfache. Schwefel kann Korrosion und Ablagerungen begünstigen und insbesondere Katalysatoren sowie empfindliche Bauteile moderner Einspritzsysteme belasten. Eine einzelne Tankfüllung muss noch keinen Motor zerstören. Bei dauerhafter Verwendung kann sich das Risiko kostspieliger Schäden jedoch erhöhen.
Davon sind nicht nur chinesische Fahrzeuge betroffen. Grundsätzlich können alle modernen Benzinmotoren und Abgasreinigungssysteme empfindlich auf stark schwefelhaltigen oder anderweitig verunreinigten Kraftstoff reagieren. Chinesische Marken stehen derzeit vor allem deshalb im Mittelpunkt, weil sie einen großen Teil der neueren Fahrzeuge auf russischen Straßen stellen.
Eine neue Abhängigkeit auf vier Rädern
Der Vorgang macht eine grundlegende Veränderung des russischen Automarkts sichtbar. Nach dem Rückzug westlicher Konzerne ist keine autarke russische Autowirtschaft entstanden. Die frühere Abhängigkeit von Europa, Japan und Südkorea wurde in weiten Teilen durch eine Abhängigkeit von China ersetzt.
Chinesische Unternehmen liefern die Fahrzeuge, die Originalteile und zunehmend auch den Ersatz für Komponenten anderer Hersteller. Diese Entwicklung ist für Russland praktisch, weil sie den Markt funktionsfähig hält. Sie verleiht den chinesischen Produzenten und Zulieferern jedoch erhebliches Gewicht.
Für sie entsteht durch die Herabsetzung der Kraftstoffstandards ein besonderes Problem. Wenn ein modernes chinesisches Auto nach dem Tanken ausfällt, unterscheiden viele Besitzer kaum zwischen einem Konstruktionsfehler und schlechtem Benzin. Der Ruf der Marke leidet auch dann, wenn die Ursache an der Tankstelle zu suchen ist. Zugleich stellt sich die Frage, ob Hersteller oder Händler für Schäden aufkommen müssen, wenn ein von der russischen Regierung zugelassener Kraftstoff verwendet wurde, der für das Fahrzeug dennoch ungeeignet ist.
So treffen zwei Entwicklungen aufeinander, die für sich genommen als russische Anpassungserfolge gelten: China hat den Ausfall westlicher Autohersteller kompensiert, und die Lockerung der Kraftstoffvorschriften soll Engpässe auf dem Binnenmarkt vermeiden.
Zusammen ergeben sie ein weniger harmonisches Bild. Russland hält seinen Automarkt mit moderner chinesischer Technik am Laufen – und begegnet seiner Benzinkrise mit Standards aus einer Zeit, als auf seinen Straßen noch hauptsächlich „Schiguli“ fuhren.

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