In Russland gewinnt Bargeld wieder deutlich an Bedeutung. Nach Angaben des Analysezentrums „Tschek Index“ des Fiskaldatenbetreibers „Plattforma OFD“, auf die sich Forbes und The Bell berufen, erreichte der Anteil der Barzahlungen im April 30 Prozent aller Transaktionen. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. Besonders hoch ist der Bargeldanteil demnach im Lebensmittelhandel, bei Bau- und Reparaturdienstleistungen, Möbeln, Autowaren, Hotels, Freizeitangeboten und Autowerkstätten – dort liegt er teils bei über 35 Prozent.
Auch andere Indikatoren zeigen dieselbe Entwicklung. Laut „SberIndex“ stieg der Anteil von Barzahlungen im Handel von 25,8 Prozent im Januar auf 28,9 Prozent im März. Die Zentralbank registrierte ebenfalls einen deutlichen Anstieg des Bargeldumlaufs: Ende April befanden sich 20,16 Billionen Rubel in bar im Umlauf. Allein im April kamen 679 Milliarden Rubel hinzu, ein Plus von 3,5 Prozent. In der ersten Maihälfte flossen über Kassen und Geldautomaten weitere 330 Milliarden Rubel in die Wirtschaft.
Als Gründe nennen die russischen Behörden und Banken vor allem zwei Faktoren: teurere Kartenzahlungen und Störungen bei mobiler Internetverbindung. Seit Anfang 2026 unterliegen Bankdienstleistungen rund um Karten, Processing und Acquiring wieder der Mehrwertsteuer. Zugleich wurde die Umsatzgrenze gesenkt, ab der Kleinunternehmen auf dem vereinfachten Steuersystem Mehrwertsteuer zahlen müssen. Für viele kleine und mittlere Betriebe mit niedrigen Margen werden bargeldlose Zahlungen dadurch unattraktiver, weil die Gebühren für Kartenzahlungen im Schnitt ein bis drei Prozent der Rechnungssumme ausmachen können.
Sberbank-Finanzvorstand Taras Skworzow sprach bereits Ende April von einer Trendwende. Der Anteil bargeldloser Zahlungen, der über Jahre stabil gestiegen sei, habe zuletzt aufgehört zu wachsen und sei sogar leicht zurückgegangen. Das sei für die Wirtschaft problematisch, weil die Abwicklung von Bargeld teurer sei und ein größerer Bargeldumlauf auch mehr Raum für graue Geschäfte schaffe.
Hinzu kommt ein praktischer Grund: In mehreren Regionen Russlands kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Einschränkungen des mobilen Internets. Wo das Netz ausfällt oder absichtlich gedrosselt wird, funktionieren Terminals, Online-Kassen oder mobile Zahlungsdienste nicht zuverlässig. Die Zentralbank räumte ein, dass solche Probleme viele Bürger und Unternehmen dazu bringen, wieder Bargeld bereitzuhalten.
Damit erlebt Russland eine bemerkenswerte Gegenbewegung zu einem Trend, der lange als Erfolgsgeschichte galt. In den 2010er Jahren galt das Land beim Übergang zu bargeldlosen Zahlungen als besonders dynamisch. The Bell erinnert daran, dass Russland zwischen 2010 und 2018 bei der Zahl bargeldloser Kartentransaktionen pro Kopf viele europäische Länder überholte. Nun wächst die Sorge, dass sich der Markt spaltet: Große Handelsketten und Unternehmen bleiben überwiegend im bargeldlosen Bereich, während kleine Betriebe und Teile der Bevölkerung stärker auf Bargeld ausweichen.
Für den Staat ist diese Entwicklung ambivalent. Einerseits steigt der Bargeldumlauf nicht zwingend wegen eines Vertrauensverlustes in den Rubel, sondern auch aus sehr praktischen Gründen. Andererseits erschwert mehr Bargeld die Kontrolle über Umsätze. Experten warnen vor mehr Zahlungen „ohne Kassenbon“, nicht vollständig erfassten Umsätzen, Scheinrückgaben oder Teilzahlungen außerhalb der offiziellen Kasse. The Bell zitiert Einschätzungen, wonach der Bargeldanteil 2026 im Bereich von 28 bis 31 Prozent bleiben könnte.
Die Zentralbank rechnet trotz des aktuellen Bargeldschubs langfristig nicht mit einer Rückkehr zu einer überwiegend baren Wirtschaft. In ihren Prognosen soll der Anteil von Bargeld am gesamten Geldumlauf bis 2030 auf etwa zehn Prozent sinken, gegenüber 12,2 Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig erwartet der Regulator aber, dass die absolute Menge an Bargeld weiter wächst: von 19,7 Billionen Rubel Anfang 2026 auf 23,9 bis 26,6 Billionen Rubel Ende 2030.
Die aktuelle Entwicklung zeigt damit weniger eine nostalgische Rückkehr zum Geldschein als eine Anpassung an neue russische Realitäten: höhere Steuerlast für Unternehmen, teurere Kartenzahlungen, instabile digitale Infrastruktur und ein wachsendes Bedürfnis, im Alltag zahlungsfähig zu bleiben – auch dann, wenn Internet und Bankterminals ausfallen.

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