Das russische Verkehrsministerium bereitet offenbar eine Verordnung vor, die ausländischen Reedereien erlauben soll, ihre Schiffe im russischen internationalen Schiffsregister einzutragen und Fahrten unter russischer Flagge durchzuführen. Nach Informationen von RBC, über die Kommersant berichtet, könnten die Änderungen bereits im Sommer in Kraft treten. Bislang stehen in diesem Register nur Schiffe russischer Unternehmen oder Schiffe, die von russischen Firmen im Bareboat-Charter – also ohne Besatzung und Ausrüstung – übernommen wurden.
Kern der geplanten Regelung ist ein neues Angebot an ausländische Eigner, die russische Fracht transportieren. Sie sollen ihre Schiffe künftig unter russische Flagge bringen können, ohne selbst russische Unternehmen zu sein. Für die registrierten Schiffe ist demnach ein steuerliches Modell vorgesehen, das mit kleineren Schifffahrtsstaaten wie Malta oder Zypern konkurrieren soll. Geplant ist ein fester Tonnagebeitrag; bei großen Tankern könnte er laut den Quellen bei mehreren zehntausend Dollar liegen.
Offiziell geht es um bessere Rahmenbedingungen für die Handelsschifffahrt. Politisch brisant ist der Schritt jedoch, weil er offenbar vor allem dem sogenannten „Schattenflott“ zugutekommen soll – also Schiffen, die russische Öl- und andere Exportgüter transportieren und dabei häufig unter Flaggen von Drittstaaten fahren. Ein RBC-Gesprächspartner erklärte, die Maßnahme solle solche Schiffe besser vor Festsetzungen durch Behörden „unfreundlicher Staaten“ schützen. Nach seiner Darstellung werden Schiffe mit russischer Fracht vor allem in Meerengen kontrolliert oder aufgehalten.
Der russische Flaggenwechsel hätte aus Moskauer Sicht einen praktischen Zweck: In wichtigen Seewegen seien zwar russische Kriegsschiffe präsent, diese könnten aber formal keine Schiffe unter fremder Flagge schützen. Fahre ein Tanker dagegen unter russischer Flagge, entstünde ein offizieller Anlass, sich für dieses konkrete Schiff einzusetzen. Genau darin dürfte der eigentliche geopolitische Kern der geplanten Änderung liegen.
Die Maßnahme passt zu früheren Aussagen aus dem Verkehrsministerium. Bereits im April hatte das Ressort einen starken Zuwachs der Tonnage unter russischer Flagge erwartet. Damals war von bis zu 1.000 Schiffen die Rede, die grundsätzlich für einen Wechsel unter russische Flagge infrage kommen könnten, überwiegend große Tanker. Zugleich hieß es, die Gesamttonnage der Schiffe unter russischer Flagge habe sich in den vergangenen zwei Jahren bereits deutlich erhöht und könne bis Ende 2026 weiter wachsen.
Für Moskau wäre eine solche Regelung ein Versuch, die maritime Infrastruktur des russischen Außenhandels stärker unter eigene Kontrolle zu bringen. Seit Beginn der westlichen Sanktionen und der Preisobergrenzen für russisches Öl ist der Transport über Drittstaatenflaggen, komplizierte Eigentümerstrukturen und wenig transparente Versicherungsmodelle zu einem wichtigen Bestandteil des russischen Exportgeschäfts geworden. Ein Teil dieses Systems könnte nun rechtlich enger an Russland gebunden werden.
Gleichzeitig birgt der Schritt Risiken. Ein russischer Flaggenwechsel könnte die betroffenen Schiffe zwar aus Moskauer Sicht besser schützbar machen, sie aber für westliche Behörden auch leichter als russisch identifizierbar machen. Juristen warnen laut RBC deshalb, dass die neue Regelung nicht nur Schutz bieten, sondern auch zusätzliche Aufmerksamkeit durch Behörden westlicher Staaten auslösen könnte.
Damit wäre die Initiative mehr als eine technische Änderung im Schiffsregister. Sie zeigt, wie Russland versucht, die Folgen der Sanktionen nicht nur durch Umgehungsstrukturen, sondern zunehmend durch eigene rechtliche und staatliche Schutzmechanismen abzufedern. Ob ausländische Reedereien dieses Angebot in größerem Umfang nutzen werden, hängt allerdings davon ab, was für sie schwerer wiegt: der Schutz durch Moskau – oder das Risiko, dadurch noch sichtbarer in den Fokus westlicher Kontrollen zu geraten.

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