Russland und China: Viele Worte über Partnerschaft, aber Peking rechnet kühl

Russland und China: Viele Worte über Partnerschaft, aber Peking rechnet kühl

Auf dem russisch-chinesischen Wirtschaftsforum „AmurExpo-2026“ in Blagoweschtschensk war einmal mehr von der großen Zukunft der Partnerschaft zwischen Russland und China die Rede. Diskutiert wurden nach Angaben der Veranstalter grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gemeinsame Infrastrukturprojekte, internationale Territorien beschleunigter Entwicklung sowie die Rolle beider Länder in einer entstehenden „multipolaren Welt“.

Doch hinter der offiziellen Rhetorik zeigt sich ein deutlich nüchterneres Bild. Die russisch-chinesische Partnerschaft bleibt für beide Seiten wichtig, aber sie ist längst nicht so grenzenlos, wie sie politisch oft beschrieben wird. Besonders sichtbar wurde das beim jüngsten Besuch Wladimir Putins in Peking: Zwar wurden zahlreiche Dokumente und Absichtserklärungen unterzeichnet, doch der für Moskau wichtigste kommerzielle Durchbruch blieb aus – der Vertrag über die Gaspipeline „Sila Sibiri 2“ kam erneut nicht zustande. Wie Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, seien Route und Bauweise grundsätzlich abgestimmt, die kommerziellen Details aber weiter offen.

Gerade dieses Projekt gilt als Schlüssel für Russlands Versuch, den weitgehend verlorenen europäischen Gasmarkt durch langfristige Lieferungen nach China zu ersetzen. Nach Einschätzung des russischen China-Experten Dmitri Gontscharow sind die seit Jahren strittigen Fragen weiterhin ungeklärt: der Gaspreis, die Investitionsstruktur und die Finanzierung des Pipelinebaus. Für Gazprom ist die Lage besonders heikel. Während China mit seinem Staatskonzern CNPC über enorme finanzielle Spielräume verfügt, ist Gazprom nach dem Wegfall großer Teile des Europageschäfts deutlich geschwächt und hoch verschuldet.

China nutzt diese Lage offenbar konsequent aus. Nach Angaben aus dem Umfeld der Verhandlungen drängt Peking auf einen sehr niedrigen Preis für russisches Gas – teils ist von rund 100 Dollar je 1.000 Kubikmeter die Rede, in einigen Berichten sogar von 40 bis 50 Dollar. Damit würde sich die Amortisation eines Projekts, dessen Kosten auf 10 bis 52 Milliarden Dollar geschätzt werden, erheblich verlängern.

Gleichzeitig ist China keineswegs auf russisches Gas angewiesen. Peking diversifiziert seine Energieimporte systematisch. Turkmenistan bleibt ein wichtiger Lieferant, Flüssiggas aus den USA wird trotz politischer Spannungen weiter als Option genutzt, und auch andere Routen und Projekte in Zentralasien spielen eine Rolle. Reuters verweist ebenfalls darauf, dass Russland seine Energielieferungen nach China seit Beginn des Ukrainekriegs stark ausgebaut hat, zugleich aber beim Gas nach China weiterhin weit unter den früheren Liefermengen nach Europa bleibt.

Auch beim Handel zeigt sich, dass die Dynamik nicht mehr ungebrochen ist. Nach Angaben der Moscow Times, die sich auf chinesische Zolldaten beruft, sank der bilaterale Handel 2025 um rund sieben Prozent auf 227,6 Milliarden Dollar. Russische Exporte nach China gingen demnach um 3,9 Prozent auf 124,8 Milliarden Dollar zurück, chinesische Lieferungen nach Russland sogar um 10,4 Prozent auf 103,3 Milliarden Dollar. Zwar liegt der Handel weiterhin deutlich über dem Niveau vor dem Ukrainekrieg, doch der erste Rückgang seit dem Pandemiejahr 2020 zeigt, dass die Wachstumsgeschichte an Grenzen stößt.

Politisch demonstrieren Moskau und Peking weiter Einigkeit. Beim Treffen in Peking kritisierten Xi Jinping und Wladimir Putin die USA und bekräftigten ihren Anspruch, eine multipolare Weltordnung zu fördern. Beide Seiten verlängerten zudem die Grundlage ihrer langfristigen Zusammenarbeit, den Vertrag über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Kooperation, der ursprünglich 2001 geschlossen und 2021 bereits verlängert worden war.

Doch der Ton der Erklärungen kann die Asymmetrie der Beziehung nicht verdecken. Russland braucht China heute deutlich stärker als China Russland. Moskau bietet Energie, Rohstoffe, militärisch-politische Nähe und strategische Rückendeckung gegen den Westen. Peking dagegen behält sich vor, diese Angebote selektiv zu nutzen – ohne sich fest an Russland zu binden oder für Moskau wirtschaftlich riskante Verpflichtungen einzugehen. Genau darin sehen auch westliche Beobachter die Grenze der Partnerschaft: Sie ist belastbar, aber China bleibt vorsichtig, wenn es um konkrete Zusagen geht.

Für Russland ist diese Entwicklung ernüchternd. In Moskau wird China häufig als strategischer Verbündeter dargestellt, der gemeinsam mit Russland den westlich dominierten Weltordnungsanspruch herausfordert. In der Praxis aber verhält sich Peking eher wie ein machtbewusster Käufer und Verhandlungspartner. Es nimmt günstige russische Rohstoffe, profitiert von Preisnachlässen, liefert Waren, Technologie und Dual-Use-Güter, vermeidet aber Schritte, die China selbst stärker unter Sanktionsdruck bringen oder seine Beziehungen zu den USA unnötig verschärfen könnten.

So entsteht ein widersprüchliches Bild: Auf Foren wie der „AmurExpo“ wird die Zukunft der russisch-chinesischen Partnerschaft beschworen. In Peking werden Erklärungen über Freundschaft, Multipolarität und strategische Zusammenarbeit unterzeichnet. Doch bei den entscheidenden Fragen – Gaspreis, Investitionen, Technologie, Absatzmärkte – rechnet China kühl. Für Moskau ist die Partnerschaft mit China strategisch notwendig geworden. Für Peking bleibt Russland vor allem eine wichtige, aber austauschbare Ressource im größeren Spiel zwischen China, den USA und dem globalen Süden.

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