Im Newsletter des russischen Wirtschaftsportals Die Glocke erklären zwei russische Wissenschaftler, Alexandra Prokopenko vom Carnegie-Zentrum Berlin, Alexander Kolyandr vom Zentrum für Europäische Politikanalyse (CEPA), den Zusammenhang zwischen Krieg und seinen Folgen für die Düngerversorgung. Hier eine Zusammenfassung des Originaltextes:
Ein Krieg im Persischen Golf könnte eine schwere Krise auf dem weltweiten Düngemittelmarkt auslösen, Lebensmittel verteuern und die globale Ernährungsunsicherheit weiter verschärfen. Russland, einer der größten Exporteure von Düngemitteln und Getreide, würde davon finanziell und geopolitisch profitieren: Es könnte sich erneut als unverzichtbarer Lieferant und Garant der Ernährungssicherheit für Länder des Globalen Südens positionieren.
Schon vor den amerikanisch-israelischen Angriffen auf den Iran am 28. Februar 2026 war das globale Ernährungssystem stark belastet. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die akute Ernährungsunsicherheit laut UN-Welternährungsprogramm verdreifacht; fast 400 Millionen Menschen litten bereits unter akutem Hunger. Besonders bedroht waren schon vor Kriegsbeginn Länder wie Sudan, Somalia und Afghanistan.
Der Krieg trifft nicht nur Öl- und Gasmärkte, sondern auch den Düngemittelhandel. Ein großer Teil der weltweiten Exporte von Harnstoff und Ammoniak läuft über die Straße von Hormus. Gleichzeitig verteuert die Krise Erdgas, das zentral für die Herstellung von Ammoniak und Stickstoffdüngern ist. Seit dem 28. Februar gilt der Seeweg faktisch als blockiert; der Schiffsverkehr durch die Meerenge ist laut Lloyd’s List Intelligence im Vergleich zum Vorjahr drastisch eingebrochen. Entsprechend stiegen die Harnstoffpreise seit Kriegsbeginn um fast 40 Prozent.
Die Folgen für die Lebensmittelmärkte zeigen sich erst mit Verzögerung. Fehlt Dünger oder wird er zu teuer, reduzieren Landwirte den Einsatz, wechseln auf weniger rentable Kulturen oder verzichten ganz auf Aussaat. Erst nach Monaten schlägt sich das in geringeren Ernten nieder, später dann in höheren Verbraucherpreisen. Anders als in der Nahrungsmittelkrise von 2022 steigen die Getreidepreise diesmal bislang nur moderat, da der Iran kein bedeutender Getreideproduzent ist. Für Landwirte bedeutet das: höhere Kosten ohne entsprechenden Ausgleich auf der Verkaufsseite.
Besonders betroffen wären ärmere Regionen. Laut Welternährungsprogramm könnten infolge des Krieges Dutzende Millionen Menschen zusätzlich an den Rand des Hungers geraten, vor allem in Afrika, Asien und dem Nahen Osten. Auch große Agrarländer wie Indien und Brasilien geraten unter Druck. Brasilien als größter Düngemittelimporteur der Welt ist für den Soja- und Maisanbau stark auf Lieferungen aus dem Nahen Osten angewiesen.
Die FAO warnt, dass ein länger andauernder Konflikt die nächste Aussaatsaison erheblich beeinträchtigen und langfristige Folgen haben könnte. Wahrscheinlicher als ein einzelner Schock seien drei aufeinanderfolgende Wellen: erst steigende Düngemittelpreise, dann sinkende Erträge im Herbst 2026 und schließlich Nahrungsmittelinflation im Jahr 2027. In vielen Ländern des Globalen Südens könnte daraus nicht nur Hunger, sondern auch politische Instabilität entstehen.
Russland ist für diese Lage besonders gut positioniert. Das Land ist reich an Erdgas, zählt zu den größten Düngemittelexporteuren der Welt und ist logistisch nicht vom Persischen Golf abhängig. Russische Exporte laufen über Ostsee, Schwarzes Meer und Pazifik. Dank niedriger Produktionskosten und stabiler Infrastruktur kann Russland Ausfälle anderer Anbieter auffangen. Bereits jetzt sichern sich Importeure in Afrika russische Lieferungen für die kommenden Monate.
Der wirtschaftliche Nutzen für Russland liegt auf der Hand: höhere Exporterlöse bei Düngemitteln und vermutlich auch bei Getreide. Ein schwächerer Rubel verbessert zusätzlich die Wettbewerbsfähigkeit. Noch wichtiger ist jedoch der politische Gewinn. Russland könnte erneut zu einem unverzichtbaren Partner für die Ernährungssicherheit vieler Länder werden und diesen Status diplomatisch nutzen — ähnlich wie bereits 2022 im Zusammenhang mit dem Schwarzmeer-Getreideabkommen.
Damit ist die Lebensmittelinflation der Jahre 2026 bis 2027 zwar nicht in ihrem genauen Ausmaß, wohl aber in ihrer Richtung absehbar. Für Verbraucher im Westen wäre das belastend, für arme Regionen jedoch potenziell katastrophal. Russland gerät so in eine strategisch günstige Position: nicht durch gezielte Diplomatie, sondern weil alternative Lieferanten nach und nach ausfallen.

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