Teurer Sprit, teure Kredite: Russlands Zentralbank unterbricht die Zinssenkungen

Nach zehn Zinssenkungen in Folge legt Russlands Zentralbank eine Pause ein. Der Leitzins bleibt bei 14 Prozent. Hinter der Entscheidung stehen neue Inflationsrisiken – und ein wirtschaftspolitisches Dilemma: Ausgefallene Produktionskapazitäten lassen sich mit billigeren Krediten allein nicht ersetzen. Zusätzliche staatliche Nachfrage könnte die erhoffte Zinsentlastung sogar weiter hinauszögern.

Seit Juni 2025 hatte die Bank von Russland ihren Leitzins schrittweise von 21 auf 14 Prozent zurückgenommen. Am 11. September endete diese Serie vorerst. Die Entscheidung entsprach den Erwartungen der meisten Beobachter. Bemerkenswerter war die Klarstellung von Zentralbankchefin Elwira Nabiullina: Eine weitere Senkung sei diesmal gar nicht substanziell diskutiert worden. Ernsthaft beraten habe das Direktorium ausschließlich über die Beibehaltung des Zinssatzes.

Der wichtigste Grund liegt an den Tankstellen. Nabiullina bezeichnete den Treibstoffmarkt als Hauptursache für die Beschleunigung des Preisauftriebs im Sommer. Die Zentralbank betrachtet den ursprünglichen Preisschub zwar als vorübergehenden Faktor. Seine Folgen können jedoch länger wirken: Höhere Kraftstoffkosten verteuern Transporte und Produktion, schlagen auf andere Waren und Dienstleistungen durch und beeinflussen die Erwartungen von Unternehmen und Verbrauchern. Für die Währungshüter zählt deshalb zunehmend, wie weit sich dieser Effekt ausbreitet.

Die Zahlen zeigen, warum die Zentralbank vorsichtig geworden ist. Im Juli erreichte der saisonbereinigte Preisanstieg auf Jahresrate hochgerechnet 11,6 Prozent; im zweiten Quartal waren es durchschnittlich 5,3 Prozent gewesen. Diese Hochrechnung beschreibt das jüngste Inflationstempo. Die tatsächlich gemessene Teuerung gegenüber dem Vorjahr lag am 7. September bei 6,3 Prozent. Für das Jahresende erwartet die Zentralbank weiterhin sechs bis sieben Prozent. Ihr Ziel von vier Prozent soll erst 2027 erreicht werden.

Für die Geldpolitik ist ein solcher Angebotsschock besonders unangenehm. Ein hoher Leitzins stellt keine beschädigte Anlage wieder her. Eine rasche Zinssenkung könnte aber die Nachfrage beleben, während das Warenangebot eingeschränkt bleibt. Nabiullinas Argument lautet daher: Die Zentralbank kann die ursprüngliche Störung kaum beeinflussen, muss jedoch verhindern, dass daraus ein dauerhafter, breiter Preisauftrieb entsteht. Entscheidend werden die Dauer der Produktionsausfälle und ihre Folgewirkungen.

Dabei muss zwischen verschiedenen Schäden unterschieden werden. Zu Drohnenangriffen auf Logistikanlagen erklärte Nabiullina, deren bisheriger Einfluss auf die Inflation sei gering. Diese Einschätzung bezog sich auf die angesprochenen Logistikobjekte. Sie lässt sich nicht auf sämtliche Angriffe oder auf die Probleme der Treibstoffversorgung übertragen.

Die deutlichste wirtschaftspolitische Botschaft richtete die Zentralbankchefin an den Staat. Unter den gegenwärtigen Bedingungen rücke jeder zusätzliche Rubel staatlich stimulierter Nachfrage eine Zinssenkung weiter in die Ferne. Nabiullina begründete das mit der hohen Auslastung der Wirtschaft, der Vollbeschäftigung und den weiterhin erhöhten Inflationserwartungen. Staatliche Unterstützung könne deshalb nicht unabhängig von der Geldpolitik betrachtet werden.

Als Gegenbeispiel nannte sie das Pandemiejahr 2020. Damals war die private Nachfrage eingebrochen; staatliche Hilfen konnten Deflation und anhaltende Arbeitslosigkeit verhindern. Heute sei die Ausgangslage umgekehrt. Daraus ergibt sich ein Konflikt für die Wirtschaftspolitik: Zusätzliche Förderung kann einzelnen Unternehmen oder Branchen helfen, zugleich aber über höhere Nachfrage die allgemeinen Kreditkosten länger hoch halten. Nabiullinas Warnung betrifft ausdrücklich die Stimulierung der Nachfrage – sie ist kein pauschales Urteil über jede staatliche Investition.

Auch die Konjunktur liefert aus Sicht der Zentralbank keinen eindeutigen Anlass für eine schnelle Lockerung. Sie beschreibt das Wachstum im dritten Quartal als moderat. Die Investitionstätigkeit erhole sich nach dem schwachen Jahresbeginn. Der Personalmangel lasse zwar nach, die Löhne stiegen aber weiterhin schneller als die Arbeitsproduktivität. Hinzu kommt die Haushaltsplanung: Ein höheres Defizit als bislang angenommen könnte eine straffere Geldpolitik erforderlich machen. Die nächste Zinsentscheidung ist für den 23. Oktober vorgesehen.

Unternehmen müssen sich damit auf anhaltend hohe Finanzierungskosten einstellen. Zugleich läuft die Kreditvergabe weiter: Nach Nabiullinas Darstellung beschleunigte sich das Unternehmenskreditgeschäft im Juli. Die Zentralbank sieht darin zusammen mit den Staatsausgaben einen Grund, die Nachfrageentwicklung aufmerksam zu verfolgen. Eine automatische Fortsetzung der bisherigen Zinssenkungen lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten.

Die Pressekonferenz zeigte außerdem, wie stark inzwischen technische und politische Unsicherheiten das Zahlungsverhalten prägen. Die gestiegene Bargeldnachfrage führte Nabiullina unter anderem auf Ausfälle des mobilen Internets, steuerliche Änderungen und beunruhigende Gerüchte zurück. Einen allgemeinen Vertrauensverlust gegenüber Banken oder eine Liquiditätskrise wollte sie darin nicht erkennen. Beim breiten Start des digitalen Rubels seien einzelne technische Schwierigkeiten aufgetreten, inzwischen aber behoben worden; einen massenhaften Ausfall verneinte sie.

Bis Oktober hängt der Spielraum für billigere Kredite damit vor allem an zwei Fragen: Beruhigt sich der durch Treibstoff und Produktionsausfälle verstärkte Preisauftrieb? Und wie viel zusätzliche Nachfrage schafft der neue Staatshaushalt? Für Unternehmen, die auf Entlastung warten, ist die Zinspause deshalb mehr als eine vertagte Senkung. Sie zeigt, wie eng die Finanzierungskosten inzwischen mit den Grenzen der Produktion und den Ausgabenentscheidungen des Staates verbunden sind.

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