In Russland werden deutlich mehr Korrektionsbrillen verkauft. International nimmt vor allem die Kurzsichtigkeit unter jungen Menschen zu. Doch aus steigenden Verkaufszahlen lässt sich nicht unmittelbar ablesen, wie schnell sich die Augengesundheit einer Bevölkerung verschlechtert.
Von Januar bis August 2026 stieg der russische Brillenabsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um zwölf Prozent. Das berichtet Kommersant unter Berufung auf den Kassendaten-Auswerter „Tschek Index“. Der durchschnittliche Einkaufsbetrag erhöhte sich um 13 Prozent auf knapp 4.800 Rubel. Auch die Suche nach Optikgeschäften bei „Yandex Maps“ nahm zu: um 17 Prozent.
Das Filialnetz wächst dagegen nur vorsichtig. Anfang September verzeichnete Yandex landesweit rund 15.500 Optikgeschäfte, ein Prozent mehr als ein Jahr zuvor. In den 16 russischen Millionenstädten sank ihre Zahl hingegen um vier Prozent auf etwa 5.800. Steigende Nachfrage bedeutet damit keineswegs überall zusätzliche Verkaufsstellen.
Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass sich Brillenmärkte unterschiedlich entwickeln. Nach dem Branchenbericht des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen sank hier 2025 der Absatz kompletter Brillen um zwei Prozent auf knapp zwölf Millionen Stück. Der Branchenumsatz legte lediglich um 0,6 Prozent zu. Auch die Zahl der Betriebsstätten ging zurück, auf rund 10.700. Die Zeiträume und Erhebungsmethoden unterscheiden sich; als Größenvergleich der Marktdynamik sind die Angaben dennoch aufschlussreich. Einen allgemeinen internationalen Brillenboom belegen sie nicht.
Hinter der russischen Nachfrage vermutet der von Kommersant befragte Augenarzt Ruslan Sultanow eine zunehmende Verbreitung von Sehproblemen. Besonders auffällig sei die Entwicklung bei Kindern: Während in den 1990er-Jahren etwa 20 bis 25 Prozent der Schulabgänger kurzsichtig gewesen seien, erreiche dieser Anteil heute 50 bis 60 Prozent. Eine landesweite Untersuchung mit nachvollziehbarer Methodik nennt der Artikel dafür allerdings nicht. Die Zahlen sind deshalb als ärztliche Einschätzung einzuordnen.
Dass Kurzsichtigkeit unter jungen Menschen international zunimmt, ist dagegen durch umfangreiche Forschung belegt. Eine im British Journal of Ophthalmology veröffentlichte Metaanalyse wertete 276 Studien mit insgesamt mehr als 5,4 Millionen Kindern und Jugendlichen aus 50 Ländern aus. Der zusammengefasste Anteil Kurzsichtiger stieg von rund 24 Prozent im Zeitraum 1990 bis 2000 auf rund 36 Prozent in den Jahren 2020 bis 2023. Unterschiedliche Altersgruppen und Untersuchungsmethoden begrenzen allerdings die Vergleichbarkeit einzelner Länderwerte.
Wie weit die Entwicklung reichen kann, zeigt Singapur. Der öffentliche Gesundheitsverbund SingHealth nennt einen Anteil Kurzsichtiger von etwa 60 Prozent unter Schülern der sechsten Grundschulklasse und 80 Prozent unter 18-Jährigen. Damit liegen die dort angegebenen Werte für junge Erwachsene noch oberhalb der russischen Expertenschätzung für Schulabgänger. Ein exakter Ländervergleich ist das wegen der unterschiedlichen Datengrundlagen nicht – wohl aber ein Hinweis darauf, dass Russland mit dem Problem keineswegs alleinsteht.
Die Erklärung „zu viel Smartphone“ greift dabei zu kurz. SingHealth nennt neben genetischer Veranlagung vor allem intensive Naharbeit und zu wenig Aufenthalt im Freien als Risikofaktoren. Zum langen Blick auf kurze Distanz gehören auch Lesen und Lernen. Zur Vorbeugung empfiehlt die Einrichtung für Kinder unter anderem täglich mindestens zwei Stunden im Freien.
Die russischen Verkaufszahlen beschreiben zunächst einen wachsenden Markt für Sehhilfen. Ob dahinter mehr Neuerkrankungen, häufigere Ersatzkäufe oder eine bessere Versorgung bisher unkorrigierter Sehschwächen stehen, lässt sich aus Kassendaten allein nicht entscheiden. Mehr verkaufte Brillen können auch bedeuten, dass mehr Menschen die Sehhilfe bekommen, die sie brauchen.

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