Auf dem Moskauer Wirtschaftsforum Anfang April wurde der Ton ungewöhnlich scharf. Vertreter aus Industrie, Wissenschaft und Politik rechneten mit der aktuellen Wirtschaftspolitik ab, kritisierten die Hochzinspolitik der Zentralbank, beklagten eine zunehmende Lähmung in der Realwirtschaft und forderten einen grundlegenden Kurswechsel. Das Forum wurde damit zu einer Bühne für eine bemerkenswert offene Abrechnung mit dem wirtschaftspolitischen Establishment.
Schon der Präsident des Verbands russischer Maschinenbauunternehmen Rosspetsmash, Konstantin Babkin, schlug zum Auftakt einen düsteren Ton an. In vielen Branchen und Bereichen menschlichen Handelns sei eine Art Apathie zu beobachten, sagte er. Das diesjährige Motto des Moskauer Wirtschaftsforums lautete „Von der Abkühlung zur Entwicklung. Was ist wann zu tun?“. Doch Babkin beließ es nicht bei allgemeinen Formeln. Er verwies auf konkrete Krisensymptome: Fabriken stellten auf Dreitagebetrieb um, Bauern verzichteten auf die Aussaat, und die Erneuerung des Maschinenparks gehe zurück. Gerade im Landmaschinenbau, seinem eigenen Bereich, sei die Krise mit voller Wucht zu spüren. Drei neue Werke liefen nur noch zu etwa 30 Prozent ihrer Kapazität. Für Babkin war das der Beleg, dass die bisherige Wirtschaftspolitik an ihre Grenzen gestoßen ist. Er forderte einen „Paradigmenwechsel“: weg von einer Politik, die vor allem Inflationsbekämpfung und Rohstoffexport im Blick habe, hin zu neuer Industrialisierung, technologischer Entwicklung und der Wiederbelebung nicht-rohstoffbasierter Branchen.
In dieselbe Richtung argumentierte Sergej Glasjew, Staatssekretär des Unionsstaates Russland und Belarus. Er griff die Zentralbank frontal an. Deren Annahme, Russland habe wegen geringer Arbeitslosigkeit kaum noch Wachstumspotenzial und mehr Geldmenge würde nur Inflation erzeugen, sei theoretisch primitiv und unhaltbar. Glasjew hielt dem entgegen, dass ein erheblicher Teil der Produktionskapazitäten gar nicht ausgelastet sei. Gerade im Maschinenbau liege die Auslastung teils nur bei 30 bis 50 Prozent. Für ihn ergibt sich daraus ein ganz anderer Schluss: Die Wirtschaft könnte wachsen, wenn sie Zugang zu günstigen Investitionskrediten hätte. Stattdessen würge die Zinspolitik der Zentralbank Investitionen ab, fördere technologischen Rückstand und verschärfe letztlich sogar die Instabilität. Glasjew plädierte für eine Strategie beschleunigter Entwicklung mit gezielten Krediten zu zwei bis vier Prozent, um moderne Produktion auszuweiten, Kosten zu senken und Wachstum mit Stabilität zu verbinden.
Auffällig war, dass sich die Kritik nicht auf die Geldpolitik beschränkte. Vielmehr verdichtete sich auf dem Forum der Eindruck, dass hier ein ganzes wirtschaftspolitisches Gegenlager sprach. Dieses Lager denkt stärker industriepolitisch, staatsinterventionistisch und produktionsorientiert als der offizielle Kurs. Es sieht in der gegenwärtigen Ordnung nicht die Grundlage für Stabilität, sondern einen Bremsklotz für Entwicklung. Die immer gleiche Warnung vor Überhitzung und Inflation gilt ihm nicht als verantwortungsvolle Vorsicht, sondern als Vorwand für Untätigkeit.
Der LDPR-Vorsitzende Leonid Sluzki setzte andere Akzente, kam aber zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Er verwies auf die fortbestehende Abhängigkeit Russlands von importierten Maschinen und Technologien selbst in kritischen Sektoren. In mehreren Bereichen sei die Importsubstitution unzureichend, die heimische Industrie unzureichend geschützt und infrastrukturell zu schwach ausgestattet. Seine Forderungen zielten auf umfassendere Unterstützung der produzierenden Wirtschaft: mehr finanzielle und nichtfinanzielle Hilfen, vernünftigen Protektionismus, steuerliche Entlastung für Investitionen in Automatisierung und Robotisierung sowie bessere Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen. Auch das war eine Absage an einen Kurs, der aus Sicht der Redner die Realwirtschaft mit steigenden Lasten allein lässt.
Noch weiter ging der Ökonom Andrej Schtscherbakow. Er attackierte nicht nur die bestehenden Prioritäten, sondern stellte die institutionelle Architektur selbst infrage. Solange sich die wirtschaftliche Debatte im Kern darum drehe, wie möglichst viele Rohstoffe exportiert werden könnten, sei kein tragfähiges Entwicklungsmodell zu erwarten. Schtscherbakow bezeichnete einen Haushaltsüberschuss als schädlich für die Wirtschaft, kritisierte die geringe Monetarisierung sowie die hohen Realzinsen und forderte einschneidende Schritte: die Zentralbank müsse in den Staat eingebunden, niedrige Zinsen gesichert und staatliche Planungsinstrumente wieder gestärkt werden. Diese Wortmeldungen zeigten, wie weit die Distanz zum bisherigen Kurs auf dem Forum inzwischen reicht.
Besonders eindringlich wirkte der Beitrag aus der unternehmerischen Praxis. Armen Nalbandjan, Geschäftsführer eines Landmaschinenherstellers, schilderte, wie dramatisch die Lage in seiner Branche bereits sei. Die Nachfrage sei massiv eingebrochen, die Unternehmen stünden mit ihren Problemen oft allein, und ohne rasche Hilfen drohten Produktionskapazitäten und agrarische Strukturen verloren zu gehen, die über Jahrzehnte aufgebaut worden seien. Er sprach von einem privaten Sektor, der bereits „auf den Knien oder auf dem Rücken“ liege, und forderte Notmaßnahmen wie Steuerstundungen und ein Moratorium für Insolvenzen lebensfähiger Industriebetriebe. Solche Aussagen gaben dem Forum eine konkrete, alarmistische Bodenhaftung: Es ging nicht nur um Theorie, sondern um das Bild einer Wirtschaft, die aus Sicht vieler Teilnehmer schon mitten in eine gefährliche Abwärtsspirale geraten ist.
Den schärfsten Ton schlug allerdings Akademiemitglied Robert Nigmatulin an. Er warnte offen vor einer schweren und langwierigen Krise, sprach von wachsender Verarmung, dem Rückgang industrieller Beschäftigung und einer Führung, die den Herausforderungen nicht gewachsen sei. Seine Wortmeldung bündelte vieles, was zuvor schon angeklungen war: die Empörung über fehlende Verantwortung, die Kritik an hohen Zinsen, den Vorwurf wirtschaftspolitischer Blindheit und die Forderung, den Präsidenten direkt auf diese Entwicklung hinzuweisen. Nigmatulin wurde damit zur zugespitzten Stimme eines Forums, auf dem sich die Unzufriedenheit nicht mehr hinter technokratischen Formeln verbarg.
So ergab sich auf dem Moskauer Wirtschaftsforum ein bemerkenswert geschlossenes Bild. Die einzelnen Redner setzten unterschiedliche Schwerpunkte, doch der Grundtenor war derselbe: Der bisherige Kurs stranguliere Investitionen, schwäche die Industrie, verschärfe strukturelle Probleme und verhindere Entwicklung. Am Ende brachte Glasjew das Kernmotiv noch einmal auf den Punkt: Es würden Entscheidungen getroffen und Gesetze geschrieben, aber niemand trage Verantwortung für das Ergebnis. Genau dieser Vorwurf zog sich wie ein roter Faden durch das Forum.
Im zweiten Teil richtet russland.news den Blick auf Robert Nigmatulin — auf seine Zahlen, seine Diagnose und seine politischen Forderungen.
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