Russlands Zentralbank: Das realistischere Szenario steht nicht unter „Basis“

Russlands Zentralbank: Das realistischere Szenario steht nicht unter „Basis“

Die Bank von Russland erwartet in ihrem Basisszenario, dass Inflation und Leitzins ab 2027 deutlich sinken und die Wirtschaft wieder etwas kräftiger wächst. Dafür müsste allerdings vor allem der Staat seine Ausgaben unter Kontrolle bringen. Die tatsächliche Entwicklung und die Prognosen russischer Ökonomen sprechen eher für das offiziell nur als Alternative geführte proinflationäre Szenario.

Die russische Zentralbank hat ihren Entwurf für die „Grundzüge der einheitlichen staatlichen Geld- und Kreditpolitik“ für die Jahre 2027 bis 2029 vorgelegt. Das jährlich erscheinende Grundsatzpapier enthält neben der Hauptprognose drei alternative Szenarien: ein günstigeres disinflationäres, ein proinflationäres sowie ein Krisenszenario.

Auf den ersten Blick vermittelt das Basisszenario der Bank von Russland vorsichtigen Optimismus. Zwar soll die russische Wirtschaft 2026 nur um 0 bis 1 Prozent wachsen. Bereits 2027 erwartet die Zentralbank jedoch wieder einen Zuwachs von 1,5 bis 2,5 Prozent. Die Inflation soll von 6 bis 7 Prozent im laufenden Jahr auf das Zielniveau von 4 Prozent zurückgehen. Damit könnte auch der durchschnittliche Leitzins von 14,5 bis 14,6 Prozent im Jahr 2026 auf 10,5 bis 12,5 Prozent im Jahr 2027 sinken.

Ein Ende des Krieges gegen die Ukraine oder eine Aufhebung der Sanktionen setzt die Zentralbank dabei nicht voraus. Die geopolitischen Bedingungen sollen sich bis zum Ende des Prognosezeitraums nicht wesentlich verändern. Zugleich rechnet sie jedoch damit, dass sich die Lage im Nahen Osten bis Anfang 2027 normalisiert und die Ölpreise wieder sinken. Der für die Besteuerung russischen Öls maßgebliche Preis wird für 2027 mit 50 Dollar je Barrel angesetzt.

Auch die derzeitigen Produktionsausfälle betrachtet die Zentralbank im Basisszenario im Wesentlichen als vorübergehend. Investitionen in den Wiederaufbau beschädigter Kapazitäten sowie staatliche Infrastrukturprojekte sollen die Nachfrage stützen. Darin steckt eine eigentümliche statistische Logik: Die Zerstörung von Anlagen schmälert zunächst die Produktion, ihr anschließender Wiederaufbau erhöht jedoch die Investitionen und damit das Bruttoinlandsprodukt.

Die entscheidende Voraussetzung

Das Basisszenario steht und fällt allerdings mit einer Annahme, auf die die Zentralbank selbst kaum Einfluss hat: Das Finanzministerium soll den strukturellen Primärsaldo des föderalen Haushalts schrittweise ausgleichen. Das entsprechende Defizit soll von 2 Prozent des BIP im Jahr 2026 auf 1 Prozent 2027 und 0,5 Prozent 2028 sinken. Für 2029 wird ein ausgeglichener struktureller Primärhaushalt unterstellt.

Der strukturelle Primärsaldo ist nicht mit dem gewöhnlichen Haushaltsdefizit gleichzusetzen. Er wird unter anderem ohne Schuldendienst und ohne zusätzliche Öl- und Gaseinnahmen berechnet. Dennoch zeigen die laufenden Haushaltszahlen, wie anspruchsvoll die von der Zentralbank unterstellte Konsolidierung wäre.

Von Januar bis Juli 2026 erreichte das Defizit des föderalen Haushalts bereits 6,46 Billionen Rubel oder 2,8 Prozent des BIP. Für das Gesamtjahr waren ursprünglich knapp 3,79 Billionen Rubel vorgesehen. Die Ausgaben stiegen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 14,5 Prozent auf 28,57 Billionen Rubel – erheblich schneller als im Haushaltsgesetz eingeplant. Das Finanzministerium erklärt einen Teil des Defizits mit vorgezogenen Ausgaben. Solange der Krieg andauert, sind jedoch kaum Anzeichen für eine nachhaltige Begrenzung der staatlichen Nachfrage zu erkennen.

Gerade diese Nachfrage erschwert der Zentralbank die Arbeit. Der Staat gibt Geld weitgehend unabhängig vom Leitzins aus. Die Zentralbank kann militärische und andere staatliche Ausgaben nicht verteuern oder verhindern. Sie kann lediglich versuchen, die übrige Nachfrage durch hohe Zinsen so weit zu dämpfen, dass der Preisdruck insgesamt nicht außer Kontrolle gerät.

Die Alternative ähnelt der Gegenwart

Bemerkenswert ist deshalb das proinflationäre Szenario. Offiziell stuft die Zentralbank es weiterhin als weniger wahrscheinlich ein als ihren Basispfad. Seine Annahmen lesen sich jedoch weniger wie eine mögliche Abweichung als wie eine Fortschreibung der gegenwärtigen Verhältnisse.

In diesem Szenario bleibt der Beitrag des Staates zur Nachfrage höher. Die Löhne steigen schneller als die Produktivität, der Arbeitskräftemangel hält an und die Investitionen werden durch Sanktionen, Unsicherheit und steigende Kosten gebremst. Die Wiederherstellung von Produktionskapazitäten dauert länger, während deren Wartung teurer wird. Zusätzliche protektionistische Maßnahmen verteuern Importe und erhöhen den Preisdruck. Verschärfte Sanktionen begrenzen außerdem den Zugang zu Technologien und drücken Förderung und Export russischen Öls.

Für 2027 erwartet die Zentralbank unter diesen Bedingungen eine Inflation von 4,5 bis 5,5 Prozent, ein Wirtschaftswachstum von lediglich 1 bis 2 Prozent und einen durchschnittlichen Leitzins von 13 bis 15 Prozent. 2028 würde sich das Wachstum sogar auf 0,5 bis 1,5 Prozent abschwächen. Der für Steuerzwecke angesetzte Ölpreis läge bei 45 statt 50 Dollar je Barrel.

Noch aufschlussreicher ist der Vergleich mit dem jüngsten Ökonomenkonsens der Zentralbank. Die 33 befragten Analysten erwarten für 2027 eine Inflation von 4,6 Prozent und ein Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent. Damit liegen beide Werte im proinflationären Szenario. Beim Leitzins rechnen sie mit 12,4 Prozent – am oberen Rand des Basisszenarios und nur knapp unterhalb des proinflationären Korridors.

Die Experten erwarten zudem, dass der konsolidierte Staatshaushalt auch 2029 noch ein Defizit von 1,4 Prozent des BIP aufweisen wird. Ihre Prognose für den Rubelkurs verschlechterte sich ebenfalls: Für 2027 rechnen sie nun mit durchschnittlich 88,8 Rubel je Dollar, für 2029 mit 97,2 Rubel.

Das kommunikative Dilemma

Dass die Zentralbank dennoch an einem Basisszenario mit 4 Prozent Inflation im Jahr 2027 festhält, hat auch institutionelle Gründe. Ihr Mandat besteht darin, die Inflation auf dieses Ziel zurückzuführen. Würde sie bereits in ihrer Hauptprognose dauerhaft höhere Werte unterstellen, könnte dies als Eingeständnis verstanden werden, dass sie ihr eigenes Ziel aufgegeben hat. Das wiederum könnte die Inflationserwartungen von Unternehmen und Verbrauchern weiter erhöhen.

Die alternativen Szenarien erfüllen daher noch eine zweite Funktion: In ihnen kann die Zentralbank Entwicklungen beschreiben, die sie offiziell nicht zur wahrscheinlichsten Zukunft erklären möchte. Das proinflationäre Szenario bereitet Unternehmen und Finanzmärkte darauf vor, dass die Zinsen langsamer sinken oder erneut angehoben werden könnten.

Dabei werden angeblich einmalige Belastungen zunehmend zu einem dauerhaften wirtschaftlichen Hintergrund: Angriffe auf Raffinerien und andere Produktionsanlagen, Kraftstoffknappheit, steigende Tarife, höhere Steuern, Sanktionen, Arbeitskräftemangel und wachsende staatliche Ausgaben. Jeder einzelne Faktor mag zeitlich begrenzt erscheinen. In ihrer Summe ergeben sie jedoch eine strukturelle Belastung.

Fast beiläufig zeigt das Papier außerdem, welche Hoffnungen die russische Wirtschaftspolitik inzwischen mit künstlicher Intelligenz verbindet. Im günstigen Szenario steigern KI, Automatisierung und eine bessere Verteilung der Ressourcen die Produktivität. Im Krisenszenario wird dagegen gerade die Überbewertung der wirtschaftlichen Wirkung von KI zum Auslöser einer weltweiten Finanzkrise. Dann würde russisches Öl 2028 auf 25 Dollar je Barrel fallen, während das russische BIP 2027 um 3 bis 4 Prozent und 2028 nochmals um 1,5 bis 2,5 Prozent schrumpfte.

Die wichtigste Aussage des Dokuments liegt jedoch zwischen diesen Extremen. Das Basisszenario beschreibt eine Wirtschaft, in der sich der Staat ab 2027 selbst diszipliniert und vorübergehende Störungen allmählich verschwinden. Das proinflationäre Szenario beschreibt dagegen eine Wirtschaft, in der Kriegsausgaben, Sanktionen, Produktionsprobleme und hohe Inflation einander verstärken.

Das realistischere Bild Russlands steht damit womöglich nicht in der Spalte „Basis“, sondern eine Spalte daneben.

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