Russlands Wirtschaft zwischen teurem Geld und teurem Benzin

Russlands Wirtschaft zwischen teurem Geld und teurem Benzin

Russlands Führung drängt auf sinkende Zinsen, während die Zentralbank vor neuen Inflationsrisiken warnt. Der starke Rubel belastet Exporteure und Staatshaushalt, die hohen Kreditkosten bremsen Investitionen und Konsum. Zugleich treibt die Kraftstoffkrise die Preise wieder nach oben. Die jüngsten Äußerungen aus Kreml und Zentralbank zeichnen das Bild einer Wirtschaft, die zwar stabil erscheint, aber immer weniger Spielraum besitzt.

Russlands Präsident Wladimir Putin hält weitere Senkungen des Leitzinses für einen „natürlichen Prozess“. Bei einem Treffen mit dem Gouverneur der Republik Jakutien, Aissen Nikolajew, erklärte er, die Zinsen müssten sich entsprechend der makroökonomischen Entwicklung nach unten bewegen.

Nikolajew hatte zuvor von einem Gespräch mit Zentralbankchefin Elwira Nabiullina berichtet. Diese habe ihm signalisiert, dass der Leitzins weiter und „recht zuversichtlich“ gesenkt werden könne. Für die Regionen und Unternehmen sei dies dringend notwendig, betonte der Gouverneur. Putin widersprach nicht: Eine Lockerung werde sich aus den wirtschaftlichen Kennzahlen und der Stabilität der Wirtschaft ergeben.

Die Äußerung klingt zunächst wie die Beschreibung eines normalen geldpolitischen Ablaufs. Tatsächlich erhöht sie jedoch den politischen Druck auf die formal unabhängige Zentralbank. Ihre nächste Zinsentscheidung steht am 24. Juli an.

Im Juni hatte die Bank von Russland den Leitzins lediglich um 0,25 Prozentpunkte auf 14,25 Prozent gesenkt. Kreditkosten bleiben damit außerordentlich hoch. Wirtschaft, Regionen und Teile der Regierung verlangen seit Monaten eine schnellere Lockerung, weil Investitionen, Bauwirtschaft, Autokäufe und andere kreditabhängige Branchen zunehmend unter dem teuren Geld leiden.

Zentralbank sieht noch keinen freien Weg

Die Zentralbank selbst gibt sich deutlich vorsichtiger. Zwar sieht sie grundsätzlich Raum für weitere Zinssenkungen. Zeitpunkt und Tempo sollen jedoch von der Entwicklung der Inflation und der Inflationserwartungen abhängen.

Gerade dort sind zuletzt neue Risiken aufgetaucht. Im Juni stiegen die Verbraucherpreise um 0,87 Prozent – rund fünfmal so stark wie im Mai. Die Jahresteuerung beschleunigte sich von 5,3 auf rund sechs Prozent. Anfang Juli legten die Preise innerhalb einer Woche noch einmal um 0,3 Prozent zu.

Der stellvertretende Zentralbankchef Alexej Sabotkin führt den Preissprung teilweise auf einmalige Faktoren zurück. Obst und Gemüse hätten im Frühjahr eine ungewöhnlich schwache saisonale Preisentwicklung gezeigt und diese Bewegung im Juni nachgeholt.

Der wichtigste zusätzliche Preistreiber war jedoch Kraftstoff. Benzin und Diesel verteuerten sich im Juni um annähernd sieben Prozent. Seit Ende Mai kommt es in mehreren russischen Regionen zu Engpässen. Die Regierung reagierte mit einem zeitweiligen vollständigen Ausfuhrverbot für Diesel, Schiffskraftstoffe und Gasöl.

Die Zentralbank hofft, dass die staatlichen Eingriffe den Markt stabilisieren. Ignorieren könne sie die Entwicklung jedoch nicht. Höhere Treibstoffkosten wirkten nicht nur unmittelbar auf den Verbraucherpreisindex, sondern verteuerten Transport, Landwirtschaft, Produktion und Handel. Zudem beeinflussten sie die Erwartungen von Unternehmen und Verbrauchern darüber, wie stark die Preise künftig steigen werden.

Der Unterschied zwischen Preissprung und Inflation

Sabotkin versucht gleichwohl, die Lage nicht dramatischer erscheinen zu lassen, als sie ist. Ein einmaliger Preissprung müsse nicht zwangsläufig in eine anhaltende Inflationswelle übergehen.

Wenn sich die Gesamtnachfrage nur mäßig entwickle und die Inflationserwartungen nicht dauerhaft stiegen, könne auf einen solchen Sprung eine Phase sehr niedriger monatlicher Preiszuwächse folgen. Als Beispiel verweist die Zentralbank auf das Jahr 2022: Nach dem starken Preisschock im Frühjahr bewegte sich die monatliche Inflation ein halbes Jahr lang nahe null.

Auch diesmal erwartet die Bank nach dem Juni-Schub wieder geringere Preissteigerungen. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Kraftstofflage normalisiert und die höheren Kosten nicht dauerhaft auf andere Waren und Dienstleistungen übertragen werden.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob Benzin im Juli teuer bleibt. Für die Geldpolitik ist wichtiger, ob Unternehmen daraufhin ihre gesamten Preisplanungen ändern, Beschäftigte höhere Löhne verlangen und Haushalte Käufe vorziehen, weil sie mit weiteren Preissteigerungen rechnen.

Genau diese sogenannten Zweitrundeneffekte will die Zentralbank verhindern. Ihr Ziel bleibt eine Inflation von vier Prozent im Jahr 2027. Um dieses Ziel glaubwürdig zu erreichen, müsste sie den Leitzins möglicherweise länger hoch halten, als Politik und Wirtschaft wünschen.

Teure Kredite gegen teuren Kraftstoff

Damit gerät die Zentralbank in ein klassisches Dilemma. Hält sie den Zins hoch, verstärkt sie die Abkühlung der Wirtschaft. Senkt sie ihn rasch, könnte die Nachfrage wieder steigen, während sich gleichzeitig die höheren Kraftstoff- und Produktionskosten in den Preisen festsetzen.

Vertreter der Wirtschaft warnen bereits davor, auf die Benzinpreiskrise mit einer erneuten Zinserhöhung zu reagieren. Alexander Schochin, Präsident des russischen Unternehmerverbandes RSPP, appellierte an die Zentralbank, bei ihrer nächsten Sitzung „Vernunft“ zu zeigen.

Aus Sicht der Unternehmen wäre es problematisch, eine angebotsbedingte Preissteigerung mit noch höheren Kreditkosten zu bekämpfen. Ein höherer Zins produziert schließlich weder zusätzliches Benzin noch repariert er Raffinerien und Transportwege. Er senkt vor allem die Nachfrage und belastet damit Unternehmen, die bereits unter steigenden Kosten leiden.

Aus Sicht der Zentralbank reicht diese Argumentation jedoch nicht aus. Auch ein vorübergehender Angebotsmangel kann eine dauerhafte Inflation auslösen, wenn er die Erwartungen verändert. Deshalb will sie die Treibstoffpreise in ihre Entscheidung einbeziehen, selbst wenn die eigentliche Ursache nicht in einer übermäßigen Kreditvergabe liegt.

Der starke Rubel als zweischneidiger Erfolg

Ein weiteres Spannungsfeld ist der Rubelkurs. Jakutiens Gouverneur Nikolajew beklagte gegenüber Putin, dass der starke Rubel die exportorientierte Wirtschaft seiner Region belaste. Besonders die Kohleindustrie verdiene ihre Einnahmen in Fremdwährung, müsse Löhne, Steuern und viele Kosten jedoch in Rubel bezahlen.

Putin erklärte die Aufwertung damit, dass Fremdwährung derzeit weniger benötigt werde als früher. Hinter dieser knappen Feststellung verbirgt sich allerdings ebenfalls ein Warnsignal: Eine geringere Nachfrage nach Dollar, Euro und Yuan kann darauf hindeuten, dass Unternehmen weniger importieren und Verbraucher weniger ausländische Waren kaufen.

Der starke Rubel verbilligt Importe und hilft damit bei der Inflationsbekämpfung. Für Exporteure und den Staatshaushalt ist er dagegen ungünstig. Einnahmen aus Öl, Gas, Kohle, Metallen oder Düngemitteln fallen in Rubel geringer aus, wenn Devisenerlöse zu einem stärkeren Kurs umgerechnet werden.

Auch die hohe Verzinsung russischer Geldanlagen stützt den Rubel. Solange Einlagen und Anleihen hohe Renditen bieten, bleibt es attraktiv, Kapital in Rubel zu halten. Eine schnelle Zinssenkung könnte deshalb den Wechselkurs schwächen – was den Exporteuren helfen, gleichzeitig aber importierte Waren verteuern und die Inflation erneut anfachen würde.

Stabilität durch schwache Nachfrage

Die derzeitige Stärke des Rubels und ein Teil der nachlassenden Inflation lassen sich somit nicht nur als Zeichen wirtschaftlicher Gesundheit lesen. Sie sind auch eine Folge schwächerer Nachfrage.

Hohe Zinsen reduzieren den Kauf von Wohnungen, Autos, Maschinen und langlebigen Konsumgütern. Unternehmen verschieben Investitionen, weil sich Kredite bei Zinssätzen von deutlich über 20 Prozent kaum rechnen. Importeure benötigen weniger Fremdwährung, wenn sie weniger Waren ins Land bringen.

Auf diese Weise stabilisiert sich zwar der Wechselkurs, und der Preisdruck nimmt in einigen Bereichen ab. Gleichzeitig verliert die Wirtschaft an Schwung. Die russische Geldpolitik versucht gegenwärtig, die Inflation durch eine kontrollierte Abkühlung zu senken, ohne eine tiefe Rezession auszulösen.

Die Grenze zwischen einer „weichen Landung“ und einer stärkeren Schrumpfung ist jedoch schwer zu bestimmen. Regierung und Zentralbank bewerten sie erkennbar unterschiedlich. Wirtschaftsministerium, Unternehmerverbände und regionale Politiker sehen zahlreiche Branchen bereits unter erheblichem Druck. Die Zentralbank spricht dagegen bislang nicht von einer Überkühlung der Gesamtwirtschaft.

Zwei Lesarten derselben Wirtschaft

In den jüngsten Stellungnahmen stehen sich deshalb zwei Erzählungen gegenüber.

Die politische Lesart lautet: Die Wirtschaft ist stabil, die Inflation geht grundsätzlich zurück, und die Zinssenkung ist nun der natürliche nächste Schritt. Billigere Kredite sollen Investitionen ermöglichen und der stagnierenden zivilen Wirtschaft neuen Schwung geben.

Die geldpolitische Lesart fällt vorsichtiger aus: Der Preisdruck hat zwar gegenüber den Spitzenwerten nachgelassen, ist aber noch nicht dauerhaft besiegt. Treibstoffmangel, Staatsausgaben, hohe Inflationserwartungen und mögliche Rubelabwertung können die Teuerung jederzeit wieder beschleunigen.

Beide Seiten haben nachvollziehbare Argumente. Ohne niedrigere Zinsen drohen Investitionsstau, sinkender Konsum und weitere Probleme in Bau, Industrie und Handel. Eine zu schnelle Lockerung könnte jedoch die gerade erst gebremste Inflation erneut entfachen.

Wenig Spielraum für einfache Lösungen

Die aktuelle Lage lässt sich daher kaum mit dem Begriff „Stabilität“ allein beschreiben. Russland verfügt weiterhin über hohe staatliche Ausgaben, niedrige offizielle Arbeitslosigkeit und eine umfangreiche Rohstoffproduktion. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise auf schwächere Nachfrage, hohe Finanzierungskosten, sinkende Margen der Exporteure und infrastrukturelle Engpässe.

Der starke Rubel ist gut für die Preisstatistik, aber schlecht für Exportwirtschaft und Haushalt. Eine Zinssenkung wäre gut für Kreditnehmer, könnte aber Rubel und Inflation unter Druck setzen. Höhere Kraftstoffpreise treffen Unternehmen und Verbraucher, während eine geldpolitische Reaktion darauf die Konjunktur zusätzlich bremsen würde.

Damit beschreibt die Debatte um den Leitzins die gesamte russische Wirtschaftslage: Fast jede Maßnahme, die ein Problem lindert, verschärft ein anderes.

Ob die Zentralbank am 24. Juli dem politischen Drängen folgt, hängt deshalb weniger von Putins Beschreibung eines „natürlichen Prozesses“ ab als von ihrer Einschätzung, ob der Preissprung im Juni tatsächlich einmalig war. Sollten Benzinpreise und Inflationserwartungen hoch bleiben, dürfte der Weg zu billigeren Krediten wesentlich langsamer verlaufen, als es sich Kreml, Regionen und Unternehmen wünschen.

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