Russlands Wirtschaft wächst wieder – aber wovon?

Russlands Wirtschaft wächst wieder – aber wovon?

Nach einem Rückgang zu Jahresbeginn ist das russische Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 1,3 Prozent gewachsen. Regierung und regierungsnahe Ökonomen sprechen von einer erfolgreichen Anpassung der Wirtschaft. Getragen wurde die Erholung jedoch zu einem erheblichen Teil von Konsum, Staatsausgaben, Rüstungsproduktion und vorübergehend höheren Öleinnahmen. In der zivilen Industrie ist von einem Aufschwung wenig zu sehen.

Russlands Wirtschaft ist zurück im Plus. Nach vorläufigen Angaben der Statistikbehörde Rosstat stieg das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2026 um 1,3 Prozent. Damit fiel das Ergebnis besser aus als von der Zentralbank und dem Wirtschaftsministerium erwartet. Sie hatten mit 0,8 beziehungsweise 0,9 Prozent gerechnet.

Die Zahl bedarf allerdings einer Erläuterung: Das Wachstum von 1,3 Prozent bezieht sich nicht auf das unmittelbar vorausgehende erste Quartal, sondern auf das zweite Quartal 2025. In den ersten drei Monaten dieses Jahres war das BIP gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,2 Prozent geschrumpft.

Für das gesamte erste Halbjahr ergibt sich deshalb lediglich ein Wachstum von 0,6 Prozent. Das ist etwa halb so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres und weit entfernt von den Wachstumsraten der Jahre 2023 und 2024, als Staatsaufträge, Rüstungsproduktion und hohe Haushaltsausgaben die Wirtschaft zeitweise um mehr als vier Prozent jährlich wachsen ließen.

Der Absturz ist ausgeblieben. Von einem neuen Boom kann jedoch keine Rede sein.

Der Konsum rettet das Quartal

Als wichtigster Wachstumsträger gilt derzeit der private Konsum. Der russische Einzelhandelsumsatz stieg im zweiten Quartal nach Angaben von Meduza im Jahresvergleich um 7,2 Prozent. Dazu trugen die in den vergangenen Jahren kräftig gestiegenen Löhne bei.

Nach Berechnungen des Ökonomen Wladimir Jerjomkin von der Präsidentenakademie RANChiGS erhöhten sich die Reallöhne in den ersten fünf Monaten 2026 ebenfalls um 7,2 Prozent. Die niedrige Arbeitslosigkeit und der anhaltende Personalmangel zwingen viele Unternehmen weiterhin, höhere Gehälter zu zahlen.

Hinzu kommen die Ersparnisse, die russische Haushalte während der Hochzinsphase gebildet haben. 2025 erreichte die Sparquote mit 16,6 Prozent einen historischen Höchststand. Sinkende Zinsen könnten nun einen Teil dieses Geldes in den Konsum lenken.

Das Wirtschaftsministerium setzt darauf, dass daraus ein dauerhafter Wachstumsmotor entsteht. Ob dies gelingt, ist offen. Ersparnisse können nur einmal ausgegeben werden. Zugleich drohen steigende Treibstoffpreise und andere inflationsbedingte Belastungen einen Teil der höheren Einkommen wieder aufzuzehren.

Staat und Rüstung bleiben Wachstumsmotoren

Eine zweite Stütze bleibt der Staat. Nach Angaben des Ökonomen Jegor Susin stiegen die Ausgaben des föderalen Haushalts im zweiten Quartal um 16 Prozent. Etwa ein Drittel der Ausgaben floss in Militär, Rüstung und den Krieg gegen die Ukraine.

Damit wächst vor allem jener Teil der Wirtschaft weiter, der unmittelbar oder mittelbar von Staatsaufträgen abhängt. Rüstungsbetriebe produzieren auf Hochtouren, zahlen vergleichsweise hohe Löhne und ziehen Arbeitskräfte aus anderen Branchen ab. Ihre Beschäftigten geben einen Teil des Geldes im Einzelhandel aus. So gelangt der staatliche Kriegsimpuls über mehrere Stufen auch in die zivile Wirtschaft.

Diese Nachfrage ist real und geht vollständig in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts ein. Sie sagt allerdings wenig darüber aus, ob die Wirtschaft produktiver, technologisch unabhängiger oder auf Dauer wettbewerbsfähiger wird.

Der von The Moscow Times zitierte Ökonom Susin nennt außerdem einen günstigen Kalendereffekt durch zusätzliche Arbeitstage und zeitweilig verbesserte außenwirtschaftliche Bedingungen. Der Krieg im Iran habe die russischen Öleinnahmen vorübergehend auf den höchsten Stand seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine steigen lassen.

Auch dieser Impuls muss nicht von Dauer sein.

Schwäche in der zivilen Industrie

Dem positiven Gesamtwert steht eine deutlich schlechtere Lage in Teilen der zivilen Wirtschaft gegenüber. Nach Schätzungen des Zentrums für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen lag die zivile verarbeitende Industrie im Mai um 3,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau und um 4,6 Prozent unter dem Stand von 2024.

Hohe Kreditzinsen bremsen Investitionen und belasten Unternehmen mit großen Schulden. Trotz mehrfacher Senkungen liegt der Leitzins der Zentralbank weiterhin bei 14 Prozent. Neue Fabriken, Maschinen und umfangreiche Modernisierungen lassen sich unter diesen Bedingungen nur schwer finanzieren.

Hinzu kommen höhere Steuern, wachsende Regulierung, Arbeitskräftemangel sowie Störungen durch ukrainische Angriffe auf Raffinerien, Lager und andere Teile der Infrastruktur. Die Schäden an den Ölraffinerien haben die Verarbeitung zeitweise auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten gedrückt und eine Treibstoffkrise ausgelöst.

Der Russland-Ökonom Liam Peach von Capital Economics erwartet deshalb, dass das Land vorerst in einer Phase der Stagnation bleiben wird. Auch der Ökonom Wladislaw Inosemzew warnt vor steigender Inflation, stagnierenden Realeinkommen und einer wachsenden Zahl von Unternehmenspleiten.

Zwei Erzählungen über dieselbe Zahl

Der Ökonom Jerjomkin vertritt bei Expert eine deutlich optimistischere Position. Für ihn zeigt die positive Monatsentwicklung, dass die russische Wirtschaft ihren Anpassungszyklus erfolgreich durchläuft. Neben der Rüstung seien auch der zivile Maschinenbau, die Pharmaindustrie und die Lebensmittelproduktion gewachsen. Die Inflation von etwa sechs Prozent sei beherrschbar, der Konsum stabil und der Arbeitskräftemangel zwinge Unternehmen zu technischen Innovationen.

Besonders weitgehend ist seine Aussage, die Erholung sei nicht durch zusätzliche Haushaltsausgaben erzeugt worden. Ob sich diese Einschätzung halten lässt, wird erst die detaillierte BIP-Berechnung zeigen. Rosstat will seine erste vollständige Schätzung für das zweite Quartal am 11. September veröffentlichen. Erst dann werden die Beiträge der einzelnen Branchen genauer erkennbar sein.

Bis dahin ist die Zahl von 1,3 Prozent vor allem eine vorläufige Gesamtaufnahme, aus der sich sehr unterschiedliche Geschichten ableiten lassen.

Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow erklärte bereits, die russische Wirtschaft kehre dank der gemeinsamen Arbeit von Regierung und Zentralbank zum Wachstum zurück. Zugleich kündigte er an, Russland solle 2027 wieder zu einem „stabilen, ausgewogenen Wachstum“ finden.

Die Zeitform ist aufschlussreich. Offenbar betrachtet auch das Wirtschaftsministerium das gegenwärtige Wachstum noch nicht als stabil und ausgewogen.

Erholung ohne Trendwende

Das zweite Quartal widerlegt die Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden wirtschaftlichen Einbruchs. Die russische Wirtschaft ist weiterhin in der Lage, sich an Sanktionen, hohe Zinsen und zunehmende Kriegsschäden anzupassen. Staatliche Aufträge, steigende Löhne und privater Konsum verhindern vorerst eine Rezession.

Doch die Struktur des Wachstums bleibt problematisch. Ein großer Teil hängt von Militärausgaben, vorübergehend hohen Rohstoffeinnahmen und der Ausschöpfung privater Reserven ab. Die zivile Industrie, private Investitionen und technologisch anspruchsvolle Produktion entwickeln sich wesentlich schwächer.

Russlands Wirtschaft wächst wieder. Ob daraus ein selbsttragender Aufschwung entsteht, entscheidet sich nicht an einer einzelnen BIP-Zahl, sondern an der Frage, was dieses Wachstum hervorbringt. Im zweiten Quartal kam die Antwort noch immer zu großen Teilen aus dem Staatshaushalt, der Rüstungsindustrie und einer kurzen Entlastung auf dem Ölmarkt.

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