Russland verliert auf dem internationalen Innovationsmarkt weiter an Boden. Auf Anmelder aus Russland entfielen zuletzt nur noch 0,8 Prozent aller weltweit eingereichten Patentanmeldungen für Erfindungen. Im Jahr 2010 hatte der russische Anteil noch bei 1,6 Prozent gelegen. Das geht aus einer Auswertung des Instituts für statistische Studien und Wissensökonomie der Moskauer Higher School of Economics (HSE) hervor.
Die Zahlen beziehen sich auf Patentanmeldungen des Jahres 2023 und waren im Oktober 2025 der jüngste international vergleichbare Datenstand. Russland kam demnach auf 27.148 Anmeldungen im In- und Ausland. Weltweit wurden rund 3,56 Millionen Patentanmeldungen gezählt.
Der Abstand zu den führenden Industriestaaten ist erheblich. Deutschland erreichte mit 159.169 Anmeldungen einen Weltmarktanteil von 4,5 Prozent. Aus Frankreich kamen 63.669 und aus Indien 65.181 Anmeldungen; beide Länder lagen bei jeweils 1,8 Prozent. Südkorea erreichte mit 290.162 Anmeldungen 8,2 Prozent, Japan mit 418.651 Anmeldungen 11,8 Prozent.
Weit voraus lagen die USA mit 527.008 Anmeldungen und einem Anteil von 14,8 Prozent. China dominierte die Statistik mit mehr als 1,65 Millionen Anmeldungen und 46,5 Prozent des weltweiten Aufkommens. Damit wurden aus China rund 58-mal so viele Patentanmeldungen eingereicht wie aus Russland.
Patentanmeldungen sind allerdings nicht mit der tatsächlichen Zahl oder Qualität von Erfindungen gleichzusetzen. Die Statistik wird auch von unterschiedlichen Patentordnungen, Förderprogrammen, Kosten und Unternehmensstrategien beeinflusst. Insbesondere Chinas hoher Anteil beruht zu einem erheblichen Teil auf der großen Zahl inländischer Anmeldungen. Dennoch gelten Patentdaten als wichtiger Hinweis darauf, wie intensiv neue technische Entwicklungen wirtschaftlich verwertet und rechtlich geschützt werden.
Für Russland ist vor allem der langfristige Trend ungünstig. Der weltweite Umfang der Patentanmeldungen hat sich seit 2010 annähernd verdoppelt. Russland konnte mit diesem Wachstum nicht Schritt halten und verzeichnete zugleich einen Rückgang der eigenen Anmeldezahlen. Sein Anteil am weltweiten Patentgeschehen hat sich dadurch innerhalb von rund anderthalb Jahrzehnten halbiert.
Der Direktor des HSE-Instituts, Leonid Gochberg, sieht eine Ursache in der seit Jahrzehnten nahezu unveränderten Spezialisierung der russischen Wissenschaft. Das Land behaupte zwar weiterhin starke Positionen in der Physik, Raumfahrt, Chemie, Materialforschung und den Geowissenschaften. In besonders dynamischen Bereichen wie den Lebenswissenschaften, der Informatik, den Kognitionswissenschaften und der Ökologie verliere Russland jedoch den Anschluss.
Hinzu kommt nach Angaben Gochbergs eine chronische Unterfinanzierung. Trotz zuletzt gestiegener staatlicher Ausgaben erreichten die realen Aufwendungen für Wissenschaft und Forschung lediglich rund zwei Drittel des Niveaus von 1990 – bezogen auf das heutige Staatsgebiet Russlands. Zudem wachse die Forschungsfinanzierung langsamer als die gesamte Wirtschaftsleistung.
Der Rückgang begann lange vor dem Krieg gegen die Ukraine. Vor dessen Beginn lag Russlands Anteil bereits nur noch bei 0,9 Prozent. Sanktionen, eingeschränkte internationale Zusammenarbeit und der Rückzug ausländischer Unternehmen dürften die strukturellen Probleme inzwischen zusätzlich verschärfen. Die Halbierung seit 2010 zeigt jedoch, dass Russlands Innovationsschwäche nicht erst durch die außenpolitische Isolation entstanden ist.

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