Russlands Wirtschaft wächst kaum noch – hohe Zinsen bleiben länger

Russlands Wirtschaft wächst kaum noch – hohe Zinsen bleiben länger

Von einer schnellen Erholung der russischen Wirtschaft gehen selbst die von der Zentralbank befragten Experten nicht mehr aus. Sie senkten ihre Wachstumsprognose für 2026 erneut, erwarten zugleich eine höhere Inflation und rechnen damit, dass der Leitzins länger auf einem zweistelligen Niveau bleiben wird.

Die russische Zentralbank lässt monatlich rund 30 Ökonomen aus Banken, Investmentgesellschaften, Ratingagenturen und unabhängigen Instituten zu den wichtigsten Wirtschaftskennzahlen befragen. Die jüngste Umfrage vom 10. bis 14. Juli zeichnet ein zunehmend ernüchterndes Bild.

Für das laufende Jahr rechnen die Fachleute nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,6 Prozent. Im Vormonat hatten sie noch 0,7 Prozent erwartet. Auch die Prognose für 2027 wurde von 1,5 auf 1,3 Prozent gesenkt. Für 2028 und 2029 blieben die Erwartungen mit 1,7 beziehungsweise 1,8 Prozent unverändert.

Damit befindet sich die russische Wirtschaft nahe an der Stagnation. Ein Wachstum von 0,6 Prozent bietet kaum Spielraum, um sinkende Öl- und Gaseinnahmen, steigende Staatsausgaben, Arbeitskräftemangel und die Belastungen durch hohe Finanzierungskosten auszugleichen.

Inflation höher als bislang erwartet

Gleichzeitig korrigierten die Ökonomen ihre Inflationsprognose deutlich nach oben. Für 2026 erwarten sie nun eine Teuerungsrate von 6,2 Prozent. Einen Monat zuvor waren es noch 5,3 Prozent gewesen. Für 2027 wurde die Schätzung von 4,4 auf 4,6 Prozent und für 2028 von 4,0 auf 4,1 Prozent angehoben. Erst 2029 soll die Inflation nach Einschätzung der Befragten wieder das offizielle Ziel der Zentralbank von vier Prozent erreichen.

Die Verschlechterung fällt in eine Zeit, in der insbesondere die Kraftstoffpreise stark steigen. Höhere Kosten für Benzin und Diesel wirken sich nicht nur unmittelbar auf Autofahrer aus, sondern verteuern auch Transporte, Landwirtschaft, Bauwirtschaft und Warenlieferungen.

Die Zentralbank erhält damit weitere Argumente gegen eine rasche Lockerung ihrer Geldpolitik.

Leitzins bleibt zweistellig

Für 2026 rechnen die befragten Experten nun mit einem durchschnittlichen Leitzins von 14,5 Prozent. Zuvor hatten sie 14,1 Prozent erwartet. Noch deutlicher fällt die Korrektur für 2027 aus: Statt 10,6 Prozent prognostizieren die Ökonomen jetzt einen durchschnittlichen Zinssatz von 12,2 Prozent.

Auch danach dürfte Geld in Russland teuer bleiben. Für 2028 wird ein Leitzins von zehn Prozent erwartet, für 2029 von 8,6 Prozent. Beide Werte liegen höher als in der vorherigen Umfrage.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass Kredite für Investitionen, Maschinen und Betriebsmittel auf Jahre hinaus kostspielig bleiben könnten. Für private Haushalte verteuern sich Hypotheken und Konsumentenkredite. Gleichzeitig erschwert der hohe Zins die wirtschaftliche Belebung, die angesichts der schwachen Wachstumsprognosen eigentlich nötig wäre.

Die Zentralbank steckt damit weiterhin in ihrem bekannten Dilemma: Senkt sie den Leitzins zu schnell, könnte sich die Inflation weiter beschleunigen. Hält sie ihn hoch, bremst sie Investitionen, Konsum und Wirtschaftswachstum.

Rubel bleibt zunächst stärker

Beim Wechselkurs erwarten die Experten für 2026 einen durchschnittlichen Dollarkurs von 78,4 Rubel. Das sind 40 Kopeken weniger als in der vorherigen Prognose – der Rubel wird für das laufende Jahr also etwas stärker eingeschätzt. Für 2027 rechnen die Ökonomen dagegen mit 86,6 Rubel je Dollar, für 2028 mit 92,7 und für 2029 mit 95,8 Rubel.

Die relativ starke russische Währung hilft zwar, importierte Waren günstiger zu halten und den Preisauftrieb zu begrenzen. Für den Staatshaushalt und exportierende Unternehmen ist sie jedoch problematisch, weil Einnahmen in Dollar oder anderen Fremdwährungen beim Umtausch weniger Rubel ergeben.

Die neue Umfrage liefert somit keine spektakuläre Absturzprognose. Gerade darin liegt ihre Aussagekraft. Erwartet wird kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern eine längere Phase aus sehr geringem Wachstum, hartnäckiger Inflation und hohen Zinsen.

Nach Jahren, in denen die russische Wirtschaft trotz Sanktionen überraschend kräftig expandierte, scheint der Spielraum nun weitgehend aufgebraucht. Die Wirtschaft wächst noch – aber kaum schneller, als es nötig ist, um statistisch nicht von Stillstand zu sprechen.

Kommentare